WIE MAN EINE AUSSTERBENDE TIERART LIEBT
Wer ist heute noch bereit, an einer Utopie zu scheitern? Ein Gespräch mit Albert Ostermaier und Ersan Mondtag über «Munich Machine», dem Treibstoff «Utopie» in dystopischen Zeiten und die Stadt München zwischen musealer Erstarrung und anarchischer Vision.
Albert Ostermaier, in deinem neuen Stück «Munich Machine» beschäftigst du dich mit Utopien, speziell mit Münchner Utopien. Nun sind Utopien, begonnen von Platon über Marx bis zu den Ideen für eine gerechtere Gesellschaft, in den Sechzigerjahren als etwas Wegweisendes verstanden worden. Seither gelten utopische Entwürfe eher als Spinnerei. Warum hast du sie dir trotzdem zum Thema genommen?
Albert Ostermaier: Wir leben in einer proklamiert dystopischen Zeit. Das heißt, dass wir den Treibstoff der Utopie gar nicht mehr erkennen. Utopie bedeutet, dass man einen Horizont an Ideen erschafft, an Möglichkeiten, und die Wirklichkeit als Möglichkeitsform sieht. Die Gesellschaft braucht den Treibstoff Utopie, um sich selbst neu zu erfinden, sich radikal zu verändern. Es ist natürlich leichter, unsere Zeit als dystopische zu sehen. Eine Utopie zu haben, ist dagegen immer riskant, weil zur Utopie immer das Scheitern gedacht werden muss und die Gefahr besteht, sich darüber lächerlich zu machen.
Ist München besonders geeignet für die Suche nach einem «paradiesischen» Zustand?
AO: München war einmal ein besonderer Nährboden für Utopien. Hier gab es immer ausreichend Spinner, Verrückte, Radikalisierte, die eine andere Wirklichkeit sahen. Das ist dieses zutiefst anarchisch Bayerische, dass man sich nie zufrieden gibt mit dem, was ist, sondern etwas erträumt oder im Suff halluziniert.
Hast du eine These, warum Utopien nicht nur in Bayern so an Strahlkraft verloren haben?
AO: Weil wir mittlerweile in einer feigen und abgesicherten Gesellschaft leben. Der Mut ging verloren, eine Utopie zu erträumen, oder gar Verantwortung für die Realisierung zu übernehmen. Alle sichern sich permanent ab, in allen Bereichen, auch im Theater. Niemand möchte in Kauf nehmen, zu scheitern.
Ersan Mondtag, ist es im Theater wirklich einfacher, Gesellschaft über Dystopien zu erzählen?
Ersan Mondtag: Ich verhandle oft Dystopisches oder Abgründiges. Aber ich verstehe meine Arbeit eher als Untersuchung von Kommunikation, wie man in der Gesellschaft miteinander spricht, über welche Symbole Menschen erreichbar sind. Das Objekt der Verhandlungen ist nicht unbedingt die Utopie. Aber vielleicht ist der Vorgang utopisch. Doch eigentlich nehme ich den Begriff der Utopie so ähnlich wahr wie «Wahrheit». Sobald du sie erreichst, wird es ideologisch.
Die Bewegung zur Utopie hin finde ich dagegen interessant. Nehmen wir unsere Verfassung, in der keiner die demokratische Grundordnung in Frage stellt. Eine Ordnung, die wirtschaftlich, zwischenmenschlich, aber auch hierarchisch anders funktioniert, ist in diesem System nicht vorgesehen. Gleichzeitig ist die Verfassung selbst eine Art Utopie. Jeder Mensch ist gleich? Die Würde des Menschen ist unantastbar? Wenn jeder Mensch gleich wäre, wären die Voraussetzungen dieselben. Es kann also Utopien geben. Es gibt nur keinen Raum mehr, wo sie gehört oder verhandelt werden. Weil davon ausgegangen wird, dass es sowieso nichts bringt. In Zeiten großer Umbrüche ist das anders. Wir aber leben in dem Gefühl, dass unser System sich grundsätzlich nicht verändern lässt.
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Utopie ist in deinem Stück tatsächlich nicht nur von positiver Bedeutung. Die Wehrsportgruppe Hoffmann kommt vor, der Katholizismus als missbräuchliches System.
AO: Mir ging es darum, München auf das Essenzielle zu verdichten. Und das waren die utopischen Momente. Die dunkel utopischen, wie die hell utopischen. Die «Perversion» der Utopie und die «paradiesische» Utopie.
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Du erzählst dein Stück über die Figur des Regisseurs Klaus Lemke. Sein ungeschminkter Blick auf die Stadt, für den er die Leute von der Straße engagiert hat. War Lemke als Figur für dich ein Filter, um noch mal anders auf München zu schauen?
AO: Ich habe mich lange gewehrt, dieses Stück über München zu schreiben. Und dann habe ich mich, als ich auf der Leopoldstraße zum Boxen ging, an Lemke erinnert. Ich bin ihm dort zigmal begegnet, wie er mit seiner Sporttasche junge Menschen ansprach. Und plötzlich habe ich gespürt: Das ist ja München. Einer, der nicht von hier war, aber viel mehr Münchner als alle anderen. In ihm ballte sich die Energie: wir machen einfach was. Als klar war, dass er stirbt, hatte ich den Zugang für mein Stück. Ein sterbender Regisseur in einer Stadt, die abstirbt.
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Wo setzt du deinen Schwerpunkt beim Inszenieren der historischen Ereignisse, die Albert in dem Stück aufblättert?
EM: Die Grundsituation ist ein Leichenschauhaus kombiniert mit einem anatomischen Theater. Dort sind historische Leichen eingefroren. Als Metapher fand ich ein Kühlhaus perfekt für diese Stadt. Die Stadt lebt von ihren Toten. Und man packt sie immer wieder aus, wenn man möchte. Gleichzeitig spielt das Ganze im Kopf von Klaus Lemke. Er liegt im Sterben und hat eine letzte Filmidee, die er mit seiner Freundin Amore umsetzen will. Die historischen Figuren sind die Hauptdarsteller für seinen letzten Film. Aber dieser Film kommt ihm abhanden, weil sich seine Phantasie wie in einem Albtraum verselbstständigt. Man sieht, wie ein Mensch am Ende am Leben selbst scheitert. Das ist eigentlich die einzig wahre Utopie. Der Mensch kommt in seiner Naturhaftigkeit zum Ende. Das ist das Schönste, was es gibt.
Mehr zum Stück und das komplette Gespräch mit Albert Ostermaier und Ersan Mondtag finden Sie im Programmheft der Produktion. Das Programmheft ist erhältlich an der Theaterkasse, in den Foyers oder als gekürzte Onlineversion zum Download hier.