DIE »ERLAUBNIS ZU SPRECHEN« IST FRAUEN FREMD
Dramaturgin Katrin Michaels über das Stück »La Musica – zwischen ihr und ihm«
Marguerite Duras ist neben Simone de Beauvoir die wichtigste französische Autorin der politisch bewegten 60er-Jahre und Vorläuferin eines Schreibens, das wir heute Autofiktion nennen. In vielen ihrer Werke spiegelt sich ihr eigenes Leben, gleichzeitig gibt sie ganz radikal der weiblichen Innerlichkeit eine universelle Stimme. Anders als de Beauvoir stammt sie nicht aus großbürgerlichen Verhältnissen, ihr Kampf um gesellschaftliche Anerkennung und – auch finanzielle – Unabhängigkeit bestimmt ihr Schreiben.
Als Marguerite Donnedieu wird sie 1914 in der Nähe der vietnamesischen Stadt Saigon geboren. Sie ist acht Jahre alt, als ihr Vater stirbt. Ihre Mutter zieht sie und ihre zwei Brüder allein auf und nimmt, neben zeitweiligen Aufenthalten in Frankreich, verschiedene Stellen in der damaligen Kolonie Indochina an. Im Alter von 19 Jahren zieht Marguerite nach Paris und studiert Jura und Politikwissenschaft. Anschließend arbeitet sie beim Nachrichtendienst des Kolonialministeriums.
Sie heiratet 1939 den Schriftsteller Robert Antelme und arbeitet an ihrem ersten Roman. Während der deutschen Besatzung ist das Paar in der Résistance aktiv. Hier verliebt sie sich in den Verleger Dionys Mascolo, mit dem das Paar fortan in einer Dreierbeziehung lebt. 1942 hat sie eine Totgeburt. 1943 erscheint ihr erster Roman »Die Schamlosen« unter dem Pseudonym Marguerite Duras (dem Familiensitz ihres Vaters). 1944 wird ihr Mann von der Gestapo verhaftet und im KZ Dachau interniert. 1947 bewirkt sie die Scheidung von ihrem Mann und heiratet Dionys Mascolo. Wenige Monate später kommt ihr
Sohn Jean zur Welt.
In den 50er-Jahren veröffentlicht sie mehrere Romane. 1958, ein Jahr nach der Scheidung von Mascolo, beginnt sie die Arbeit am Drehbuch von Alain Resnais’ Film »Hiroshima mon amour«, der im folgenden Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes Premiere feiert. 1960 bringt der Regisseur Peter Brook eine Adaption ihrer Erzählung »Moderato Cantabile« auf die Bühne. In den folgenden Jahren erhält sie mehrere Aufträge für Bühnenadaptionen, 1963 kommt ihr erstes Theaterstück »Das Viadukt« zur Uraufführung.
Schon hier beschäftigt sie sich mit dem realen Mordfall, von dem auch »Die englische Geliebte« inspiriert ist: Im Dezember 1949 bringt die 53-jährige Amélie Rabilloud in Savigny-sur-Orge im Pariser Umland ihren Ehemann um. Sie zerteilt ihn in 67 Teile, derer sie sich im Laufe der nächsten Tage entledigt. In einer Einkaufstüte versteckt, verteilt sie sie in umliegenden Feldern, Abwasserkanälen
und einem Güterzug. In der literarischen Bearbeitung des Mordfalls verändert Marguerite Duras von Anfang an die realen Fakten: Opfer ist nicht der Ehemann, sondern eine fiktive taubstumme Kusine, die im Haushalt des Paars arbeitet. »Weil ich wissen wollte, wer Pierre Lannes war,« sagt Duras, »und ich seine Aussage über seine Frau hören wollte. Ich habe ihn aus seinem Sarg geholt, damit er einmal
im Leben von allen gehört wird. Er war so taub und stumm wie das Opfer. Anstelle dieses Vollpfostens hat Claire Lannes eine echte Taubstumme getötet. Übrigens wären ihre Gründe, hätte sie sie nennen können, zweifellos dieselben gewesen: Sie hat den Tod selbst getötet.«
Auch das Stück »La Musica« über ein Paar, das am Abend nach seiner gerichtlichen Scheidung persönlich mit der Beziehung abrechnet, beschäftigt Duras über lange Zeit und geht aus Überlegungen für eine britische Fernsehreihe namens »Love Story« hervor. Eine erste Version erscheint 1965 und wird im selben Jahr uraufgeführt. Während Proben zu einer Neuinszenierung 1984 ergänzt sie das Stück um einen zweiten Teil.
Die Regisseurin Silvia Costa stellt beide Stücke in einen Dialog: »Was ich in dieser Inszenierung zeigen möchte, ist die schwerzuziehende Trennlinie zwischen Realität und Traum, Wahrheit und Imagination, zwischen dem, was ›normal‹ und dem, was ›verrückt‹ ist.« Indem sie dem Paar aus der »Englischen Geliebten« das Paar aus »La Musica« voranstellt, verbindet sie den skandalösen Mord mit dem ganz normalen Alltag und treibt Duras’ symbolische Überhöhung des realen Falls weiter. »Ich verbinde den Mordfall mit einem metaphorischen Mord, dem Mord eines Bilds, eines Lebensmodells, das sie hasst,
dass sie töten muss, um eine andere Identität finden zu können. Die Suche nach Identität hat immer mit Zerstörung und Neuschöpfung zu tun, mit dem Abgrund in unserem Kopf.«
In den folgenden Jahrzehnten ihres Lebens ist Marguerite Duras eine der prägenden Autor*innen des französischen Theaters, dreht mehrere Filme und veröffentlicht zahlreiche Prosawerke. 1984 wird sie für ihr dramatisches Werk mit dem Großen Theaterpreis der Académie Française und für »Der Liebhaber« mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Gleichzeitig kämpft sie ihr Leben lang mit dem Alkoholismus. Von 1980 bis zu ihrem Tod lebt sie mit dem 38 Jahre jüngeren Yann Andréa, einer Liebe, der ihr Spätwerk gewidmet ist.
In den vergangenen Jahren erleben ihre Texte in Frankreich eine Renaissance, u. a. Inszenierungen von »Hiroshima mon amour« mit Fanny Ardant und »Die englische Geliebte« mit Sandrine Bonnaire zeugen von der Strahlkraft ihres Schreibens ins heute.
Katrin Michaels