La Casa - Gender, Macht und Einschließung
Die Soziologin Prof. Dr. Paula-Irene Villa Braslavsky über «Bernarda Albas Haus».
Das 1936 entstandene Drama «La casa de Bernarda Alba» gilt als eines der eindringlichsten Theaterstücke des spanischen 20. Jahrhunderts – geschrieben kurz vor der Ermordung des Autors Federico García Lorca durch franquistische Truppen im Kontext des beginnenden Spanischen Bürgerkriegs, und uraufgeführt nicht in Spanien, sondern in Buenos Aires, und dies auch erst 1945. Es ist nur vordergründig sehr weit von uns entfernt, nicht anders als andere Klassiker. Das Haus von Bernarda Alba steht (zwar) in einem andalusischen Dorf der 1910er-Jahre, darin herrschen Familien-, Geschlechter- und Ehr-Konventionen, die aus unserer liberalen, pluralistischen, individualisierten urbanen Zeit heraus gefallen scheinen. Und doch sind sie wieder da, heute, die politisch relevanten kulturkämpferischen Sehnsüchte nach einer «Rückkehr» zur «normalen» Familie, zu «natürlichen» Geschlechtlichkeiten, zu klaren Eindeutigkeiten, zur hierarchischen Ordnung.
Nahezu vollständig im Haus der verwitweten Bernarda Alba verortet, die ihre fünf Töchter nach dem Tod ihres zweiten Ehemannes zu acht Jahren strenger Trauer verpflichtet, stellt es ein autoritäres Disziplinierungsregime im Privaten aus, das höchst politisch ist. Innen/Außen, Frauen/Männer, schwarz/weiß, das sind die über Form, Farben, Text und Figuren überscharf gegeneinander konturierten Spannungen des Dramas in drei Akten. Ein existenziell gemeinsamer Nenner ist wohl die Grundproblematik des Stücks: individuelle Lebendigkeit versus Konventionen.
Aus einer gender-Perspektive lässt sich das Drama als Analyse jener sozialen und psychodynamischen Mechanismen lesen, durch die Geschlecht als normative Ordnung hergestellt und stabilisiert wird. Das Stück zeigt nicht lediglich individuelle Konflikte innerhalb einer Familie, sondern macht sichtbar, wie Geschlechterverhältnisse durch moralische Diskurse, räumliche Arrangements und soziale Erwartungen organisiert werden. Womöglich macht gerade diese Verbindung von symbolischer Ordnung, Körperpolitik und sozialer Kontrolle die anhaltende Relevanz des Stückes aus. Das geht uns heute an.
Bereits die ersten Szenen des Dramas etablieren eine strikte Trennung zwischen männlicher Öffentlichkeit und weiblicher Häuslichkeit. Während Männer im Stück als Figuren gar nicht vorkommen und wesentlich im Außenraum präsent sind – auf der Straße, dem Feld oder im Wirtshaus – bleibt den Frauen das Innere des Hauses zugewiesen. Das Haus der Bernarda Alba fungiert im Stück als Schauplatz und als symbolischer Raum sozialer Macht. Türen, Mauern und Fenster strukturieren die Wahrnehmung der Figuren und markieren die Grenze zwischen Innen und Außen. Der Innenraum erscheint als Ort der Kontrolle, während der Außenraum – der jedoch weitgehend unerreichbar bleibt – als Ort potenzieller Freiheit imaginiert wird.
Diese räumliche Segregation bildet die Grundlage einer geschlechtlichen Ordnung, in der weibliche Existenz entlang von Moral, Sexualität und Reputation reguliert wird. Im Haus Bernarda Albas entsteht eine bedrückende, lebensfeindliche Atmosphäre der Überwachung: Blicke, Gerüchte und soziale Erwartungen disziplinieren das Handeln der Figuren. Jede Abweichung gilt als Bedrohung der (Familien-) Ehre, und nichts scheint «im Haus» wichtiger als diese. Der feministische Sehnsuchtsort der Moderne, der «Room of One’s Own» (Virginia Woolf) wird hier zum klaustrophobischen Ort der beinahe totalen Kontrolle, der gewaltsam gegen das Außen abgeschottet wird: «no ha de entrar en esta casa el viento de la calle» – «Acht Jahre, das ist die Trauerzeit, und solange kommt mir nicht einmal der Wind von der Straße ins Haus».
In dieser Hinsicht lässt sich das Drama von García Lorca als Mise en Scène eines Disziplinarregimes lesen, in dem soziale Kontrolle nicht ausschließlich durch offene Gewalt – die es auch gibt, symbolisiert durch den Stock der Bernarda Alba – sondern wesentlich durch internalisierte Normen funktioniert. Die Frauen, vor allem die Töchter, überwachen sich gegenseitig, beobachten einander und interpretieren jede Handlung im Lichte moralischer Erwartungen. Gerade diese subtile Form der Kontrolle verleiht dem Stück seine beklemmende Intensität.
Durch wenige Akte des Widerstands – insbesondere der jüngsten Tochter – und des Deliriums einzelner weiblicher Figuren eindrücklich konturiert, wird Weiblichkeit – Geschlechtlichkeit – in «Bernarda Albas» Haus nicht als gegebenes, unveränderliches Faktum, sondern als Ensemble normativer Erwartungen inszeniert, die Praxis, Körper und Affekte mehr als strukturieren, nämlich überhaupt erst hervorbringen. Das geschieht nicht ohne Zwang, Gewalt und Widerstand. Diese Weiblichkeit ergibt sich nicht aus einer Natur, sondern aus der Unterwerfung unter grausame Normen: «Zur Frau wird man gemacht», frei nach de Beauvoir. Und zwar auch von Frauen, hier von einer unbarmherzigen Mutter. Die Matriarchin Bernarda Alba verkörpert jene internalisierten Normen, durch die patriarchale Ordnung reproduziert wird. Die Mutter verteidigt ein vergeschlechtlichtes und vergeschlechtlichendes soziales System, das weibliche Tugend als Schweigen, Keuschheit, Häuslichkeit und Männerzentrierung etabliert. Denn Männer bleiben das Maß der (moralischen) Dinge. Die Welt ist klar binär: Frauen an «Nadel und Faden» daheim, Männer mit «Peitsche und Maultier» in der Öffentlichkeit.
Die Töchter Bernarda Albas werden zu Frauen in einem sozialen Feld, in dem ihre Handlungsmöglichkeiten radikal eingeschränkt sind und in dem sich ihre Weiblichkeit maßgeblich durch Heiratsfähigkeit und moralische Integrität realisiert. Die Kontrolle weiblicher Sexualität fungiert als zentrale Voraussetzung für die Aufrechterhaltung sozialer Hierarchien und familialer Reputation. Gerade darin liegt eine zentrale Einsicht und Aktualität des Stücks: Patriarchale Macht wird nicht ausschließlich von Männern ausgeübt. Sie wird auch und wesentlich durch Frauen selbst stabilisiert. Und doch zeigt das Stück ebenso: Frauen können sich entscheiden, sie können auch anders.
Doch das Stück zeigt zugleich die Grenzen dieses Widerstands, des Begehrens – des Aufbegehrens gegen lebensfeindliche Konventionen – und der Lebendigkeit. Rigidität, Konvention, Geschlossenheit und Härte siegen über Individualität und Menschlichkeit: Adelas Tod markiert die tragische Konsequenz einer Gesellschaft, in der weibliche Subjektivität zwangsläufig missverstanden und getilgt werden muss. Lebendigkeit wird mit dem Tod bestraft. Schweigen ist Anfang und Ende.
Frauen sind Opfer und Mittäterinnen dieses Prozesses, sie könn(t)en auch eigensinnig widerständig sein. Widerstand aber wird pathologisiert, missverstanden und weggesperrt. Widerstand hat einen Preis. Wer ist bereit, ihn zu zahlen?
Mehr zum Stück finden Sie im Programmheft der Produktion. Das Programmheft ist erhältlich an der Theaterkasse, in den Foyers oder als gekürzte Onlineversion zum Download hier.