Vom Leben, das nur einmal ist

Lisette Buchholz, die den persona verlag mit dem Ziel gründete, verschollene und vergessene Texte aus dem deutschen und österreichischen Exil 1933-1945 zugänglich zu machen, über das Leben und Werk Anna Gmeyners.

Anna Gmeyner wurde am 16. März 1902 in ein großbürgerlich-liberales Elternhaus in Wien geboren. Der Vater war Anwalt, die drei Töchter – Anna war die Älteste – wuchsen in einer geistig anregenden Atmosphäre auf. Die Beziehung zu ihrem Vater, sollte die Autorin später feststellen, ist die fundamentalste in ihrem Leben. In einem offenbar autobiografischen Text, der im Sommer 1933 im «Berliner Mittag» erschien, heißt es:

«Von Kindheit auf ist sie entschlossen, berühmt zu werden. Sooft sie am Wiener Burgtheater vorüberkommt, fragt sie, wie es möglich sei, dort ein Stück unterzubringen. Mit sieben Jahren beginnt sie bereits einer alten Tante ihre Memoiren zu diktieren. Das Gefühl der Gemeinschaft und ihrer Verantwortung für diese erwacht schon in ihrer frühesten Kindheit. Mit fünf Jahren weigert sie sich bis zu Tränen, nach Hause zu gehen, da ihre Mutter ihr nicht sagen kann, wo der Bettler schlafen wird, den sie auf der Straße gesehen hat. Mit religiösen Problemen plagt sie sich genau wie mit sozialen. Jeden Abend betet sie für ihre Eltern, damit sie nicht ins Fegefeuer kommen, weil sie weiß, dass sie nicht an alles glauben, was sie in der Schule und von bigotten Dienstmädchen hört. Ganz beiläufig gesagte Sätze von Erwachsenen bringen sie in furchtbare Erregung. Eine Stunde nachdem sie als Kind den Satz «einmal ist keinmal» gehört hat, in welchem sich, ihr selber unbewusst, offenbar die Relativität aller Werte verkörpert, findet ihre Mutter sie in tausend Tränen. Wenn man das sagt, ruft sie immer wieder, kann man auch sagen zehnmal ist neunmal oder neunmal ist achtmal. Dann gibt es überhaupt nichts mehr, und ich will, dass es etwas gibt…» (Die Frau formt ihr Leben. IX. Anna Gmeyner. Eine Chronistin der Zeit, Berliner Mittag, 7. 6. 1933, Seite 4) 

 

Gegen den Willen ihrer Eltern heiratet sie 1924 den Biologen Berthold Wiesner. Im Jahr darauf wird ihr einziges Kind, die Tochter Eva, geboren. Als Eva Ibbotson wird diese später eine bekannte Autorin. Nach vorübergehender Trennung von Wiesner – Anna Gmeyner geht für ein paar Monate nach Berlin – folgt sie ihm nach Schottland, wo die Universität Edinburgh ihm eine Stelle angeboten hat. Anna Gmeyner führt nicht das artige Leben einer Professorengattin, sondern reist im Land umher, im schottischen Grubengebiet, und wird Zeugin der großen Streiks von 1926. Darüber schreibt sie in dem bereits zitierten autobiografischen Artikel:

«In Schottland sieht sie zum ersten Mal Kohlengruben und lernt das Leben im sogenannten Schwarzen Land kennen. Das ist einer der stärksten und furchtbarsten Eindrücke ihres Daseins! Sie geht auf ein paar Wochen nach Fifeshire ins schottische Grubengebiet, arbeitet in den Gruben und lebt unter den Bergarbeitern. Das menschliche Niveau dieser Menschen, die mit der allerbittersten Not zu kämpfen haben, und die sich, obwohl ihre Mahlzeiten nur aus Tee und Margarinebrot bestehen, trotzdem weigern, von ihr eine Bezahlung anzunehmen, ergreift sie auf das Tiefste… Unter dem Eindruck des dort Erlebten schreibt sie ein Bergarbeiterstück «Heer ohne Helden».»

«Heer ohne Helden» wird 1929 in Dresden uraufgeführt. 1930 ist es die erste Produktion des neugegründeten «Theaters der Arbeit» am Wallner-Theater. Slatan Dudow debütierte als Regisseur, unter anderem spielten Ernst Busch und Ingeborg Franke (die spätere Inge von Wangenheim). Für den Schlusschor, das «Lied der Bergarbeiter», hatte Hanns Eisler die Musik geschrieben. Dieses Lied gab es zusammen mit dem «Lied der Arbeitslosen» (Stempellied) auf einer Schallplatte zu kaufen. Da heißt es:

 

«Wir graben uns’re Gräber,

und schaufeln selbst uns ein,

wir müssen Totengräber

und Leich’ in einem sein.

Nur lustig eingegraben,

geh’ fort, wem’s nicht gefällt,

sind and’re da in Scharen,

es geht um’s Geld, um’s Geld.

 

Verkrümmt, verdreckt, zertreten,

was kommt ihr nicht herein?

Der Pfarrer wird schon beten,

wenn uns’re Kinder schrei’n.

 

Die Zeit muss sich erfüllen,

die Toten wachen auf,

doch nicht in weißen Hüllen,

schwarz kommen sie herauf.

 

Und fahren aus den Gruben,

hohläugig und zerfetzt,

den Herr’n in ihren Stuben

vergeht das Lachen jetzt.

 

Da wird nichts abgestrichen,

die Leben, die ihr stahlt,

die werden bar beglichen,

einmal wird voll bezahlt!»

 

Hans Knudsen stellte in der «Schönen Literatur» fest, dass «…das Stück mit der Absicht geschrieben worden sei, für die Weltrevolution zu hetzen und den Kommunismus zu verbreiten.» Auf den Vorwurf, es sei ein «Tendenzstück», erwiderte die Autorin in der «Funkstunde»: «Hier (in Schottland) habe ich alle Arbeitsstätten gesehen, habe mir den Kopf an den Stollen zerstoßen, um das Material zu meinem «Heer ohne Helden» zu sammeln. Dass es ein Tendenzstück wurde, liegt mehr an den Verhältnissen als an mir. Wenn es tendenziös genannt werden kann, immer von neuem verschleierte Wahrheiten aufzudecken, bekenne ich mich voll zum Tendenzstück.»

 

Anna Gmeyner trennte sich von Mann und Tochter und ging wieder nach Berlin. Sie brachte sich mit Stundengeben durch und arbeitete als Dramaturgin bei Piscator. Sie verfasste zahlreiche Liedtexte, Balladen, die von Eisler und Rappaport vertont wurden. «Zehn am Fließband», ihr zweites Stück, entstand 1931. Ihm lagen Recherchen in Siemensstadt zugrunde. Die «Kolonne Links», 1928 von Arbeitslosen gegründet und 1929 die Agitprop-Truppe der Internationalen Arbeiter-Hilfe, reiste damit durch die Sowjetunion. Zugunsten des agitatorischen Effekts war Anna Gmeyners Text allerdings verflacht worden… In diese Zeit fällt auch ihre nicht mehr näher zu bestimmende Reise in die Sowjetunion. Fest steht nur, dass sie dort war, irgendetwas mit Eisenstein zu tun hatte und anlässlich einer Theateraufführung die legendäre und von ihr sehr verehrte Sozialrevolutionärin Vera Figner kennenlernte. Um ihre Meinung zum nachrevolutionären Russland gefragt, sagte die Greisin: «Es ist nicht meine Revolution». Diese Antwort hat Anna Gmeyner nachhaltig beeindruckt. Anna Gmeyner arbeitete auch als Übersetzerin aus dem Amerikanischen. Unter anderem übertrug sie die Romane «Der Ruf der Wildgänse» von Martha Ostenso (1926) und «Das ist Fanny» von Edna Ferber (1930) ins Deutsche. Beide Titel erlebten mehrere Auflagen.

 

Ihr drittes Stück, «Automatenbüffet», erlebte seine Uraufführung am 25. Oktober 1932 im Hamburger Thalia-Theater (Regie: Hans Stiebner). Moriz Seeler und das «Theater der Schauspieler» führten es in Berlin Ende Dezember auf. Hilde Körber spielte die Hauptrolle. Mit diesem Stück wechselte die Autorin vom Genre des explizit sozialkritischen «Zeitstücks» in das des «Volksstücks», dessen Aussage indirekter, gewissermaßen zeitloser ist. Den Mikrokosmos der menschlichen Verwicklungen bildet ein kleinstädtischer Anglerverein – es geht um Liebe und Tod, Glück, Ehrgeiz und Geld. Bei der Verleihung des Kleist-Preises an Else Lasker-Schüler wurde das «Automatenbüffet» «ehrenvoll erwähnt». «Kein unerfreulicher Abend», resümierte Alfred Kerr seine Kritik der Seelerschen Aufführung, «und was die Verfasserin betrifft: lasst uns weiter sehn.» (29. 12. 1932) Leopold Lindtberg inszenierte das Stück im Zürcher Exil unter dem Titel «Im Trüben fischen» (u.a. mit Therese Giehse). Die erste Nachkriegsaufführung wagte 1991 das Mecklenburgische Landestheater Parchim. 2003 zeigte das Wiener Theater in der Josefstadt das Stück und 2020 das Burgtheater. Seitdem gibt es eine kleine «Automatenbüfett»-Renaissance: Es folgten die Bühnen Lübeck und Köln, Innsbruck, Aalen und Salzburg.

 

Anfang der dreißiger Jahre entstand auch das Stück «Welt überfüllt», das seine Uraufführung im September 2022 im Theater Oberhausen erlebte. Es lag bislang im Archiv der Johns-Hopkins-Universität und wurde dort von Birte Werner entdeckt. 1932 geht Anna Gmeyner nach Frankreich, um als Drehbuchautorin für Pabsts «Don Quichotte» mit Schaljapin in der Titelrolle zu arbeiten. Sie lebt in Paris und arbeitet in Emigranten-Hilfskomitees. Ihre kleine Wohnung ist Treffpunkt für Hilfesuchende und Freunde. Eines Tages wird es dem russischen Philosophen, der die Wohnung unter ihr gemietet hat, zu bunt. Er läuft nach oben, um Ruhe für seine Arbeit zu erbitten… Es ist Liebe auf den ersten Blick. Anna Gmeyner wird die nächsten Jahre mit Jascha Morduch verbringen. Sie heiratet ihn. Zusammen mit Paul Falkenberg erstellt sie ein Exposé zu einem Exilfilm, in dem es um die verzweifelte Situation eines Flüchtlings ohne Papiere gehen soll: «La Route Sans Fins». Es fand sich kein Produzent. Im gleichen Jahr bringt das «Pariser Tageblatt» ihren Fortsetzungsroman «Mary Ann wartet». Eine Fingerübung über eine tragische Liebe in Schottland, wo das Meer braust und der Sturm heult. Gleichfalls 1934 schreibt sie das Drehbuch zu Pabsts Film «Du haut en bas», in dem Jean Gabin seine erste Rolle spielt. Ein Querschnitt durch ein großstädtisches Mietshaus, eine Porträtgalerie seiner Bewohner, die «herunterkommen». 1935 ziehen die Morduchs um nach England. Jascha war naturalisierter Brite, so entging sie später der Internierung. Mit Berthold Viertel verband sie Freundschaft und Liebe. Er engagierte sie als Drehbuchautorin für «The Passing Of the Third Floor Back» nach dem Stück von K. Jerome, mit Conrad Veidt, und 1939 für die Mitarbeit an «Pastor Hall» nach dem Drama von Toller. Dieses Projekt scheiterte am Einspruch der britischen Zensurbehörde: Zur Zeit des Appeasements wollte man keinen Film über den Kampf eines Kirchenmannes gegen Hitler. Der Film wurde erst 1940 gedreht, ohne Mitwirkung von Anna Gmeyner.

 

«Manja. Ein Roman um fünf Kinder» hieß das Buch, das die Autorin 1938 unter dem Pseudonym Anna Reiner beim Querido Verlag in Amsterdam veröffentlichen konnte. Das Pseudonym sollte ihre noch in Österreich lebenden Verwandten schützen. Am Beispiel von fünf Kindern, die eine enge Freundschaft verbindet, und ihren Familien schildert Anna Gmeyner den Beginn der Hitlerzeit in einer deutschen Großstadt. Der Roman beginnt 1920 mit den fünf Nächten, in denen die Kinder gezeugt werden, und endet 1934. Im Mittelpunkt steht das Mädchen Manja, die aus dem ärmsten Milieu stammt, dem ostjüdischen Proletariat. Ihre vier Freunde stehen jeder für ein anderes Milieu: das proletarisch-kommunistische, das bürgerlich-liberale, das großbürgerlich-jüdische und das kleinbürgerlich-spießige. Wie in einem Bilderbogen zeigt die Autorin den Erdrutsch, der 1933 dieses Gefüge zerstört und die Freundschaft der Kinder begräbt. Aus der Zeit des Exils gibt es nur wenige Bücher über Kinder in der Nazizeit: «Nach Mitternacht» von Irmgard Keun, «Zehn Millionen Kinder» von Erika Mann und «Manja». Die Bedeutung dieser Bücher liegt auch darin, dass sie uns Nachgeborenen die seelischen und körperlichen Verwüstungen verstehen hilft, denen diese Generation ausgesetzt war, die später das sogenannte Wirtschaftswunder bewerkstelligte. Es ist übrigens dieselbe Generation, für die der deutsche Bundeskanzler die «Gnade der späten Geburt» reklamierte. Bei Erscheinen wurde «Manja» in der Exilpresse eingehend gewürdigt. Ingeborg Franke lobte im «Wort» die dichterische Kraft der Autorin, kritisierte jedoch scharf die Mängel der Komposition, in denen sich für sie ein Mangel an politischer Weltanschauung ausdrückte: «Wenn man ein Buch über den Faschismus schreibt, darf man nicht nur traurig sein, sondern muss auch wissen, was man will.» (Ingeborg Franke: Manja. In: Das Wort 1938/12) Demgegenüber verteidigte Andor Gabor «Manja» in der «Internationalen Literatur»: «Der antifaschistische Schriftsteller ist nur dazu verpflichtet, tatsächlich antifaschistisch zu sein. Zu nichts anderem. Er ist verpflichtet, mit seiner Begabung, mit seiner Kunst, mit seinen Gestalten und mit seiner Gestaltung gegen die zum Himmel stinkende Barbarei zu kämpfen. Zu nichts anderem… Und am wenigsten darf man dem antifaschistischen Schriftsteller vorwerfen, dass er zwar gegen den Faschismus sei, aber nicht wisse, was er wolle…» Und Gabor zitiert aus einem Brief von Friedrich Engels an Minna Kautsky: «…der Dichter ist nicht genötigt, die geschichtliche Lösung der gesellschaftlichen Konflikte, die er schildert, den Lesern in die Hand zu geben.» (Andor Gábor: Anna Reiners «Manja». In: Internationale Literatur, 9. Jg. 1939, Heft 5) Heute mag es seltsam anmuten, dass Engels herhalten musste, um diese Auffassung zu untermauern. Im sowjetischen Exil konnte allerdings von einer falschen literarischen Einschätzung durchaus ein Menschenleben abhängen. Wie Anna Gmeyner diese Kritiken aufnahm, wissen wir nicht. Vielleicht wusste sie gar nichts von ihnen. Die schönste Besprechung schrieb Berthold Viertel in der «Neuen Weltbühne»: «Von allen Büchern, die bisher das neudeutsche Chaos zu gestalten versucht haben, scheint mir dieses eines der reichsten, der lebensvollsten und der schönsten zu sein.» (Berthold Viertel: Ein Roman um fünf Kinder. In: Die neue Weltbühne, 1938, Heft 43) «Manja» erschien 1939 auf englisch bei Secker&Warburg in London unter dem Titel «The Wall» (Treffpunkt der Kinder ist ein Mauergrundstück in der Vorstadt) und bei Knopf in New York als «Five Destinies». Eine neue englische Übersetzung erschien 2003 bei Persephone Books, London. Es gab auch eine holländische und – nach dem Krieg – eine schwedische Übersetzung, für die die Autorin nie einen Pfennig Geld gesehen hat. 1938 stand «Manja» auf der NS-Liste des «schädlichen und unerwünschten Schrifttums».

 

«Manja» wurde das erste Buch des persona verlags. Fritz Landshoff, der damalige Verleger, hatte es mir empfohlen, nachdem ich ihn um Hinweise für Neuauflagen von Exilliteratur gebeten hatte. Als Verlag ist man verpflichtet, den Rechteinhaber ausfindig zu machen. Ich wandte mich an die einschlägigen Archive und Forschungsstellen – niemand wusste etwas über den Verbleib der Autorin. Als letzten Schritt entschloss ich mich zu einer Suchannonce, die ich sowohl im «Aufbau» in New York als auch in der «AJR Information» (Association of Jewish Refugees) in London aufgab. Auf die Londoner Annonce hin setzte sich die Tochter von Anna Gmeyner mit mir in Verbindung, Eva Ibbotson, und teilte mit, ihre Mutter lebe, wenn auch nicht bei bester Gesundheit, im Norden Englands, in York. Ich fuhr nach England, um Anna Gmeyner und ihre Tochter kennenzulernen, und um einen Vertrag mit ihr abzuschließen. Wir hatten ein langes Gespräch, die Neuauflage von «Manja» freute sie sehr. Inzwischen ist der Roman in der fünften Auflage. Der zweite Roman Anna Gmeyners, «Café du Dôme», kam 1941 nur auf englisch heraus, in London bei Hamilton und in New York bei Knopf unter dem Titel «The Coward Heart». Das deutsche Manuskript ist verloren gegangen. Hamilton wurde völlig ausgebombt, und die Autorin selbst hat das Manuskript nicht aufbewahrt. Wie der Titel nahelegt, spielt der Roman im Pariser Emigrantenmilieu. Eine der zentralen Figuren ist ein Antiheld: ein Mann, der von der Gestapo gefoltert und als Spitzel nach Paris geschickt wird. Auch dieses Buch erhielt positive Kritiken in der englischsprachigen Presse. Ein Reprint erschien 2006 bei Peter Lang. Beim Verlag ebersbach&simon ist eine Rückübersetzung ins Deutsche für den Herbst 2026 geplant.

 

Die Morduchs wohnten anfangs in London, zogen aber bald aufs Land, nach Berkshire. Jascha neigte zur Eifersucht, ihm zuliebe führten die beiden ein zurückgezogenes Leben. Anna Gmeyner gab einige ihrer früheren Freundschaften auf. Umso härter traf sie der Tod ihres Mannes im Jahre 1950. Es war nicht der erste Verlust eines nahen Menschen. Eine ihrer beiden Schwestern, die, nachdem sie ihre Stelle am Wiener Konservatorium verloren hatte, nach London geflüchtet war, hatte sich bei Kriegsbeginn aus dem Fenster gestürzt. Anna Gmeyner wandte sich verstärkt der Religion zu, besonders der Sufi-Mystik, und schrieb fortan auf englisch. Die Themen dieser Bücher sind historisch-religiös: Zum Beispiel «The Death and Life of Julian» (1960) über Julian Apostata, die Erzählungssammlung «A Jar Laden With Water» (1961) oder «The Sovereign Adventure» (1970) über die Suche nach dem Gral. Sie schrieb auch Gedichte, die als Privatdruck erschienen. Kürzlich sind durch die Enkelin Anna Gmeyners, Lalage Bosanquet, weitere Manuskripte aufgetaucht, die meisten in englischer Sprache. Herausragend ist das Theaterstück «End of a Trial», das die Situation von Geschworenen schildert, die unter schwierigen Bedingungen zu einem Urteilsspruch kommen müssen. Es zeigt noch einmal die dramatische Meisterschaft Anna Gmeyners. «Ende einer Verhandlung» wurde in der deutschen Übersetzung von Amanda Lasker-Berlin vom Theater Meiningen 2024 uraufgeführt. Ihr früheres Leben interessierte sie kaum, daher rührte ihre Gleichgültigkeit gegenüber Manuskripten oder anderen Erinnerungsstücken. Bei ihren zahlreichen Umzügen hat sie so gut wie nichts mitgenommen. Am 3. Januar 1991 starb sie in York.

 

Ich hatte das Glück, Anna Gmeyner 1984 in York kennenzulernen. «Ich suche immer noch nach dem Sinn», sagte sie mir. Ein weiteres Glück war die jahrzehntelange Freundschaft mit Anna Gmeyners Tocher, Eva Ibbotson. Fast alles, was wir heute über Leben und Werk von Anna Gmeyner wissen, ist den unermüdlichen Recherchen von Dr. Heike Klapdor-Kops zu verdanken. In diesem Beitrag habe ich mich sozusagen mit ihren Federn geschmückt.


Lisette Buchholz