DIE KUNST, NICHT DABEI ZU SEIN

«Nicht einmal zum Sterben kann man seine Ruhe haben.» Diese Worte richtet Eva, die sich in einem Teich ertränken möchte, an Herrn Adam, der zwar ihr Leben rettet, sie dabei aber gleichzeitig darauf hinweist, dass Baden an dieser Stelle verboten sei. Und so ist bereits im Vorspiel die dissonante Tonalität von Regelkonformität und existentieller Not angelegt, die im Laufe von Anna Gmeyners «Automatenbüfett» immer deutlicher zu hören sein wird.

Eva, von Herrn Adam zurück ins Leben genötigt, soll «wieder lernen, wie schön das Leben ist für einen Menschen, der seinen Platz ausfüllt». Der Platz, den er ihr anbietet, ist just einer im Automatenrestaurant seiner Frau Clementine, die dem Lokal trotz automatisierter Warenausgabe wie einem Regiment vorsteht. Ihre «Truppe» wiederum frönt bevorzugt der Konsumation alkoholischer Kaltgetränke, denn: «Es ist immer irgendwo geschossen worden, seit die Welt besteht. Lebenskunst, das ist die Kunst, nicht dabei zu sein. Immer im Nebenzimmer, wenn’s schießt.» In besagtem Nebenzimmer treffen kleinstädtische Honoratioren, organisiert im «Deutschen Amateur-Fischer-Verband», aufeinander, um sich beim Reden zu gefallen und andere zu maßregeln. So wird das Nebenzimmer zur Welt, die durch Evas unmittelbares Erscheinen aus dem Lot gerät – als Aushilfskraft im Automatenbüfett bringt sie den Mikrokosmos der männlichen Gäste ins Wanken. Hinter einem vermeintlich friedlichen Zusammenleben, das sich «in einem Zeitalter des Hastens und Jagens» an immerwährender Routine orientiert, werden Risse sichtbar, scheinbar stabile Allianzen werden aufgekündigt und konträre ideologische Positionen freigelegt.

Im Automatenbüfett betreibt man kleine Politik mit großer Geste – eine Solidargemeinschaft, die nur solange solidarisch ist, wie Empathie und Gemeinwohl ausschließlich theoretisch gefragt sind. Man pflegt mangelnde Loyalität im Dienst ökonomischer Interessen und ist dabei sich selbst am nächsten: Schulrat Wittibtöter phantasiert von einem Gemeinschaftsbegriff, der nur zulässt, was den eigenen moralischen Kategorien entspricht; Frau Adam wird nicht müde, ihren Mann an seine finanzielle Abhängigkeit von ihr zu erinnern, da sie das Lokal mit dem Erbe ihres Vaters gekauft hat; Pankraz, Untermieter im Automatenbüfett, spekuliert auf Frau Adams Vermögen und erwartet monetäre Zuwendung für ihre emotionale Bedürftigkeit; Apotheker Hüslein ändert Meinungen schneller als er sich diese gebildet hat; Redakteur Arendt formuliert seine Artikel ganz im Auftrage der Zeitung «antisemitisch, aber nicht aggressiv» und Oberförster Wutlitz ruft zum Femizid auf, denn eine Frau wie Eva «hat man in anständigen Zeiten als Hexe verbrannt».

Missverständlich sind bisweilen sowohl die satirische Grundierung der Milieustudie als auch das Wiener Idiom, das – von «Galanterie» zur «Gnädigsten» – der Sprache einen vermeintlich harmlosen, weil charmanten Unterton verleiht. Beides darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass man im «Automatenbüfett» durch einen Sumpf aus Missgunst und Männerbündelei watet, der trotz des historischen Kontextes des erstarkenden Nationalsozialismus unangenehm an gegenwärtige Machinationen gemahnt. Anna Gmeyners Kleinstadtpanoptikum entstand vor dem Hintergrund einer Welt am Abgrund: «Europa ist ein Pulverfass, in das jeden Moment der zündende Funke fallen kann».

Anna Gmeyner, 1902 in Wien als Tochter eines Anwalts in eine assimilierte jüdische Familie geboren, war in Berlin als Dramaturgin Teil der politischen und künstlerischen Avantgarde um Erwin Piscator, bevor sie, antifaschistische Aktivistin und Chronistin ihrer Zeit, mit «Heer ohne Helden» und «Zehn am Fließband» zwei explizit politische Stücke verfasste, die zwangsläufig vor dem Hintergrund der sich radikalisierenden Weimarer Republik verstanden werden müssen. «Automatenbüfett», ihr drittes Theaterstück, wurde 1932 am Hamburger Thalia Theater uraufgeführt und von der Kritik mit den Arbeiten Marieluise Fleißers und mit Ödön von Horváths «Geschichten aus dem Wiener Wald» verglichen. Als das Schauspiel im selben Jahr am Theater am Schiffbauerdamm in Berlin und 1933 am Schauspielhaus Zürich inszeniert wurde, diesmal unter dem Titel «Im Trüben fischen» und mit Therese Giehse in der Hauptrolle, war die Autorin bereits nach Frankreich emigriert.

In Paris versuchte Anna Gmeyner als Drehbuchautorin zu reüssieren und arbeitete für Georg Wilhelm Pabst, einem der bedeutendsten Filmemacher der Weimarer Republik. Statt dramatischer Texte verfasste sie die Romane
«Manja» und «Café du Dôme». Dann wurde es still um Anna Gmeyner. Sie übersiedelte nach England, was mehr als einen weiteren Ortswechsel bedeutete, denn sie wechselte nicht nur erneut ihr Zuhause, sondern wandte sich auch von der Literatur ab und religionsphilosophischen Themen zu. Erst in den 1960er-Jahren meldete sie sich mit kaum beachteten englischsprachigen Texten wieder zu Wort. Bis heute ist Anna Gmeyner, gestorben 1991 in York, als Autorin im öffentlichen Bewusstsein kaum verankert. Ihr so ungewöhnliches wie poetisches Werk wäre beinahe dem Vergessen zum Opfer gefallen.


Constanze Kargl