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Eine Münchner Perspektive auf die Aidsepidemie der 1980er-Jahre und queere Erinnerung heute

Ein Gespräch mit Sabrina Berndt, Forum Queeres Archiv München, anlässlich der deutschsprachigen Erstaufführung von Matthew Lopezʼ zweiteiliger Bühnensaga «Das Vermächtnis» 



Frau Berndt, Sie sind Vorstandsmitglied des Forum Queeres Archiv München, das sich als «Gedächtnis der LGBTIQ*- Community» versteht. 1973 sind Sie in die schwule Szene Münchens gekommen und haben die erste Welle der Aidsepidemie in den 1980er-Jahren – bis zu Ihrer Geschlechtsangleichung noch als schwuler Mann – miterlebt. Wie würden Sie diese Zeit beschreiben?
 

In der Anfangszeit von Aids haben wir es alle nicht fassen können. Die Unsicherheit war unglaublich groß. Wir wussten ja gar nicht genau, was diese Krankheit ist. Es hieß, sie wird über Geschlechtsverkehr übertragen und nimmt einen tödlichen Verlauf. Wir dachten, man bekommt Läsionen, Krebs, Atembeschwerden. Aber dass die Erkrankung ein spätes Stadium einer HIV-Infektion darstellt und erst ihr letztes Erscheinungsbild zum Tod führt, haben wir nicht gewusst. Die Panik legte sich erst langsam, als die ersten Medikamente verfügbar waren. Ich habe Ende 1986 mit der Geschlechtsangleichung begonnen, also genau in dieser Zeit. Ich bin von einer Beerdigung zur nächsten gegangen. Es war grauenvoll. Alles Menschen, die sich in der Anfangszeit angesteckt haben, als man nichts über die Krankheit wusste, und die 1988/89/90 gestorben sind, weil die Krankheit so weit fortgeschritten und nicht mehr behandelbar war.

 

In Berichten und literarischen Texten ist immer wieder vom Schweigen über die traumatischen Erfahrungen dieser Zeit die Rede. Wie würden Sie den Umgang mit Erinnerung in Ihrer Generation beschreiben?
 

Wir haben die Toten beerdigt und versucht, die schönen Erlebnisse, die wir mit den Verstorbenen erlebt haben, im Gedächtnis zu behalten. Die Künstler, mit denen ich Shows gemacht habe, sind alle gestorben, und ich habe versucht, für mich die schönen Erinnerungen zu bewahren. Aber das andere war die Trauer, weil sie nicht mehr da waren. Und mit ihnen fehlten auch die Highlights der Szene, die Shows. Leider gibt es von ihren Auftritten fast keine Aufzeichnungen, keine Mitschnitte. Das hat mich schon betrübt, das ist klar.

 

Wie haben Sie das gesellschaftliche Interesse und die Anteilnahme innerhalb und außerhalb der Community erlebt?
 

Die Gesellschaft draußen war bissig, das muss man sagen, auch noch in den 1990er-Jahren. Das Thema wurde abgetan. Man sagte: Das sind halt die Schwulen, denen passiert’s halt, das geht uns nichts an. Obwohl sich das Virus ja auch im heterosexuellen Teil der Bevölkerung verbreitet hat. In der Community war man rücksichtsvoller, hat versucht HIV-positive Menschen aufzufangen, ermutigend einzuwirken. Und man hat von den Verlusten erzählt, gemeinsame Erinnerungen geteilt – auch heute noch –, darüber gesprochen, dass da Trauer ist.

 

Wir sprechen heute vierzig Jahre nach dem ersten epidemischen Auftreten von Aids. Dazwischen liegen zwei Generationen von später Geborenen. Wie blicken Sie auf diese nachfolgenden Generationen? Werden die Erfahrungen mit den Nachkommenden geteilt?
 

In Gesprächen, auf Podien oder in Interviews spreche ich das schon an, aber ich habe den Eindruck, dass das Gespräch nicht mehr gesucht wird. Das Thema wird nicht mehr so groß gehandelt wie in unserer Zeit, in der es so schlimm war. Ich habe fast das Gefühl, dass es ein bisschen verdrängt wird. Ich sage dann oft: Kinder, ihr müsst immer noch aufpassen. Bei der mittleren Generation – den heute über 40-Jährigen – erlebe ich, dass die noch eher Angst hat.

 

Für diese mittlere Generation waren Aids und HIV sozusagen schon immer da. Es gibt für sie die Zeit davor nicht. Wie blicken Sie auf die Jahre vor der Epidemie zurück?
 

Ich bin 1973 achtzehn Jahre alt geworden. Mit sechzehn wusste oder dachte ich, dass ich schwul bin, weil ich auf Männer stand. Sexuelle Kontakte waren damals vollkommen unbeschwert. Man hatte sich keine Gedanken gemacht, bis 1982/83. Ich hatte das Glück, dass ich mit sechzehn begonnen habe, meine Laufbahn zu korrigieren und öffentlich zu machen. Darum bin ich mit der Situation danach leichter zurechtgekommen als andere Menschen, die mit der Hoffnung auf ein neues Leben nach München gekommen sind, mitten in diese Krise hinein. Für diese Menschen war es ein wahnsinniger Schrecken. Denn die unbeschwerte Zeit hier war vorbei. Einfach weg. Da war ein Leichentuch drüber – so beschreibe ich das Gefühl. Die Zeit davor aber war eine Befreiungszeit. Absolut. Sie müssen sich vorstellen: Als ich 1973 zum Studium nach München gekommen bin, wie befreiend das war. Die Studentenbewegung ging los. Man hat sich öffentlich in Bars gezeigt und sich nicht mehr versteckt.

 

Würden Sie sagen, dass sich die Befreiungsbewegung vor der Krise in eine Solidaritätsbewegung transformiert hat?
 

Ja, allein schon durch die AIDS-Hilfe, die dann eingesetzt hat. Der Staat hat uns nicht mehr abgestempelt, sondern hat uns mit der AIDS-Hilfe eine Tür geöffnet. Es war eine Befreiung, dass wir aus dem Dunkel rausgeholt wurden. Dafür müssen wir dem Staat dankbar sein. Und die Community hat zusammengehalten, hat Galaveranstaltungen organisiert und Spendengelder gesammelt. Damals, in den 1990er-Jahren bis Anfang der 2000er-Jahre, war der Zusammenhalt in der Community größer als heute. Und wir haben uns gesagt, wir müssen stark sein, müssen stark gegenüber Staat und Gesellschaft auftreten können. Der Zusammenhalt droht im Moment jedoch zu zerfallen, was ich mit meinem Engagement zu korrigieren versuche.

 

Sind Sie stolz auf die Errungenschaften der LGBTIQ*-Bewegung?
 

Ja, ohne unsere Vorarbeit wäre heute das alles nicht möglich. 1980 sind wir noch in einer ganz kleinen Gruppe beim ersten Christopher Street Day auf die Straße gegangen – vom Sendlinger Tor die Sendlinger Straße hinauf. Wir haben uns einfach nichts mehr geschissen. Und davon profitiert die junge Generation heute. Sie muss verstehen, dass wir diese Vorarbeit geleistet haben.
 

«Die Welt hat sich verändert, weil Menschen mutig waren.»

Matthew Lopez, «Das Vermächtnis»

 

Mir scheint, dass wesentliche historische Momente der Befreiungsbewegung vom Vergessen bedroht sind: So etwa 1973 die Abschaffung von § 175 in der BRD, demzufolge einvernehmliche homosexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern mit bis zu zehn Jahren Gefängnishaft unter Strafe standen. Oder die Streichung von Homosexualität aus dem Diagnoseschlüssel für Krankheiten der WHO 1990. Diese Daten zu vergessen, bedeutet zu vergessen, wie jung und nicht selbstverständlich viele der errungenen Freiheiten sind. Sehen Sie das ähnlich?
 

Sie dürfen eines nicht vergessen: Wir haben eine wirklich schlimme Zeit erlebt. Von 1935 bis 1945 – die Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Wir haben eine zweite schlimme Zeit mit Gauweiler und der Epidemie erlebt. Aber die Errungenschaften nach diesen schwierigen Zeiten sieht heute keiner mehr. Und diese Errungenschaften könnten uns wieder weggenommen werden – da bin ich Ihrer Meinung. Und darum müssen wir immer weiter daran arbeiten, dass das nicht wieder passiert. Blicken wir nach Polen oder Ungarn, ist das ganz klar – und ein Auftrag an das Europaparlament. Wir müssen arbeiten an dem, was wir errungen haben, damit wir es auch behalten, damit es bleibt. Nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft. Wir können uns aus dieser Verantwortung nicht wegstehlen.

 

Ist das auch Teil der Arbeit am Forum Queeres Archiv, die Arbeit an queerer Erinnerung und Geschichte?
 

Ja, das versuchen wir, indem wir – beispielsweise mit unseren Publikationen – die Geschichte lebendig machen, die Geschichte von Menschen, die hier in der Stadt gelebt haben, die für die Stadt etwas getan haben. Indem wir das erhalten, archivieren, ein Gedächtnis wachhalten und zeigen: Da ist ein aufsteigender Ast – zu diesem Zeitpunkt war es so, zu einem späteren so, und jetzt ist es so. Und das müssen wir erhalten, damit wir das, was wir jetzt haben, auch behalten.

 

Ist das ein Vermächtnis queeren Lebens?


Ja, aber das Vermächtnis darf nicht nur Gedächtnis sein, es muss in die Zukunft transportiert werden, in der Zukunft weitergehen. Das Erbe muss erhalten bleiben und weitergeführt werden – in freie Positionen, dass sich keine*r mehr verstecken muss. Das ist das Wichtigste. Dafür arbeiten wir.

 

Wenn wir nicht länger mit unserer Vergangenheit im Gespräch sein können, was wird dann unsere Zukunft sein? Wer sind wir? Und noch wichtiger: Wer werden wir werden?

Matthew Lopez, «Das Vermächtnis»

 

 

Die ungekürzte Version dieses Interviews finden Sie im Programmheft zu «Das Vermächtnis», erhältlich an der Theaterkasse, in den Foyers oder als Onlineversion zum Download hier

Das Interview ist ein Originalbeitrag für das Programmheft. Die Fragen stellte Ewald Palmetshofer.