Der heilige Abort

Dramaturgin Constanze Kargl über den österreichischen Theater-»Pop-Star« Werner Schwab und sein Fäkaliendrama »Die Präsidentinnen«

 

Zwischen Aufstieg und Fall des österreichischen Dramatikers Werner Schwab, geboren 1958 in Graz, lagen nur vier – immens produktive – Jahre, in denen er quasi aus dem Nichts zum Theaterstar aufstieg und ebenso schnell verglühte. 1994 starb er mit nur 35 Jahren an einer Atemlähmung in Folge massiven Alkoholmissbrauchs. Zu diesem Zeitpunkt galt er als erfolgreichster deutschsprachiger Gegenwartsdramatiker, der als Künstler zwei avantgardistische Kunstströmungen der 1960er-Jahre aufgriff: Einerseits war er der Literaturavantgarde der Wiener Gruppe verpflichtet, jener losen Vereinigung österreichischer Schriftsteller, deren Sprachskepsis und -kritik mit einem Verständnis von Sprache als optischem und akustischem Material, als Abfolge von Lauten, korrespondierte. Andererseits prägten ihn die international Furore machenden Wiener Aktionisten um Günter Brus, Otto Muehl, Hermann Nitsch und Rudolf Schwarzkogler, deren Happenings unter massivem Einsatz von Körperflüssigkeiten stattfanden, wobei Selbstverletzungen Mittel des radikalen Tabubruchs waren, um die repressive österreichische Gesellschaft bzw. deren staatliche und kirchliche Institutionen anzuprangern. Auch Werner Schwab experimentierte während seines Bildhauerstudiums an der Akademie der bildenden Künste in Wien mit Objekten aus verderblichen Materialien und studierte an Knochen- und Fleischskulpturen minutiös deren Verfalls- und Verwesungsprozesse. 

»Die Präsidentinnen«, uraufgeführt 1990 im Wiener Künstlerhaus, neben »ÜBERGEWICHT, unwichtig: UNFORM« und »Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos« Teil des Dramenzyklus der »Fäkaliendramen«, wirkt aufgrund des exzessiven Kreisens um Exkremente und des Materialcharakters der verwendeten Sprache wie eine Hommage an den Aktionismus. Schwabs Sprachartistik wiederum nimmt Anleihe an der Wiener Gruppe und gipfelt in einer eigenen Kunstsprache, die als »Schwabisch« in den deutschsprachigen Theaterkanon eingespeist wurde. Die Schwab’schen Dramenkopfgeburten sind weniger über ihre Figurenpsychologie als über deren oft brachiale, hochkomische, tabubrechende, syntaxstrapazierende Sprache (be-)greifbar. Die Präsidentinnen etwa sind einer wirklichkeitsnahen Kunstsprache ausgeliefert, die ihnen nicht gehört, sondern von der sie quasi besessen sind, um einander ins Wort zu fallen, aneinander vorbeizureden und den persönlichen Genuss des Monologisierens im gesellschaftlich geschätzten Dialog zu tarnen. Das Gegenüber verkommt so zur unliebsamen Stichwortgeberin und Zerstörerin der eigenen Selbstüberhöhung in der Wortkaskade.

Die Präsidentinnen stammen – wie ihr Autor – aus kleinbürgerlichem, bildungsbenachteiligtem Milieu. Erna, Mindestpensionistin, dem Sparzwang und Gott verfallen, beglaubigt dessen Existenz in der Läuterung und Errettung des von ihr vergötterten Fleischhauers Wottila. Grete, Pensionistin, phantasiert von sexueller Zügellosigkeit und tröstet sich mit ihrem Schoßhund Lydia über den Mangel hinweg. Mariedl, Klofrau von Beruf und aus Berufung, misst ihrem Canossagang durch verstopfte Abortlandschaften im persönlichen Abgleich mit Jesus Christus religiöse Bedeutung bei. Das Anti-Triumvirat, dem gesellschaftliche Anerkennung verwehrt ist, das nicht gehört wird, sondern immer nur hört, gibt Unerhörtes von sich: Aus den verdrängten Untiefen der gesamtösterreichischen Psyche würgen alle drei mittels Sprache Unverdautes und variantenarm Assoziiertes in die Welt ihrer Küche. Verhandelt werden dabei so elementare wie basale Themenkomplexe wie Sexualität, Zeugung, Verdauung, Nachkommenschaft, Religion, Täterschaft im Nationalsozialismus samt Anschlussopfermythos: Gottes Werk und Teufels Beitrag.


Mehr zum Stück finden Sie im Programmheft der Produktion. Das Programmheft ist erhältlich an der Theaterkasse, in den Foyers oder als gekürzte Onlineversion zum Download hier.