DIE EUPHORIE DES ABSCHIEDS

Als Sebastian Haffner seinen Roman «Abschied» 1932 in kaum vier Wochen handschriftlich zu Papier bringt, ist er gerade einmal 24 Jahre alt. Haffner trägt zu diesem Zeitpunkt noch seinen Geburtsnamen Raimund Pretzel – genau wie die Hauptfigur in seinem Roman. Den Namen Haffner nimmt er erst an, als er Deutschland 1938 verlässt, um nach England ins Exil zu gehen. Von dort aus leistet er auf seine Art Widerstand gegen das Nazi-Regime: Seine Waffe ist das geschriebene Wort. Als politischer Journalist beim «Observer» erklärt er der Leserschaft die psychologischen und machtpolitischen Hintergründe des «Dritten Reiches» und zeigt der britischen Regierung auf, wie Hitler-Deutschland mittels Propaganda am effektivsten zu bekämpfen sei. Er ist dabei so erfolgreich, dass er seinen Namen schließlich in Sebastian Haffner ändert, um seine in Deutschland zurückgebliebenen Eltern und Geschwister nicht zu gefährden.

Die beiden Namen Pretzel/Haffner stehen zwar für ein Leben, beschreiben aber im Grunde zwei unterschiedliche Menschen: Der Raimund Pretzel von 1932 hat noch Hoffnung sowie den festen Glauben an eine Zukunft und eine Karriere als Jurist in Deutschland. Der Sebastian Haffner nach 1938 dagegen macht sich keine Illusionen mehr. Folgerichtig verabschiedet er sich nicht nur von Deutschland, sondern auch von der Juristerei. Seine neue Berufung ist das Schreiben, das von der bloßen Nebenbeschäftigung des Raimund Pretzel zur lebenslangen Passion Sebastian Haffners wird.

Als er 1954 in die Bundesrepublik zurückkehrt, ist er ein bekannter und anerkannter Journalist. In den kommenden Jahren steigt er zu einem der populärsten und einflussreichsten deutschen Historiker und Publizisten auf. Sein Wort hat Gewicht im Nachkriegsdeutschland. Zudem gelingen ihm mit seinen «Anmerkungen zu Hitler» und der posthum erschienenen «Geschichte eines Deutschen» Welterfolge – beides brillante Analysen zum Aufstieg des Nationalsozialismus, gepaart mit seiner unverwechselbaren intellektuellen Schärfe und stilistischen Eleganz.

«Abschied» hingegen hat noch nichts von der analytischen Distanz des Spätwerks des 1999 verstorbenen Autors und ist gerade darum eine kleine literarische Sensation. Oliver Pretzel entdeckte das 169-seitige Romanmanuskript im Nachlass seines Vaters und publizierte es 2025 erstmals als Buch.

Auch wenn sich in «Abschied» der bevorstehende «Epochenwandel» bereits unterschwellig ankündigt, wird der Roman dennoch von einer geradezu ansteckenden Leichtigkeit und Unbeschwertheit getragen. Die nationalsozialistische Machtübernahme liegt 1932 zwar bereits in der Luft, ist aber keineswegs Gewissheit. Es besteht also noch Hoffnung – auch bei dem jungen Pretzel. Nicht zuletzt deshalb, weil in ihm und seinen Freund*innen die glückliche Jugend der späten 1920er-Jahre nachhallt, die «für uns jüngere Deutsche die beste Zeit gewesen ist, die wir erlebt haben. Es war die einzige, in der die Grundtonart des Lebens einmal nicht Moll, sondern Dur war», so Haffner in «Geschichte eines Deutschen». Dieses Lebensgefühl vermittelt sich genauso in «Abschied», weshalb in diesem autobiografisch gefärbten Roman konsequenterweise nicht die Politik im Zentrum steht.

Im Kern ist «Abschied» eine berührende Liebesgeschichte und zeigt eine Seite Haffners, die nicht nur der Öffentlichkeit, sondern selbst seinem Sohn bislang unbekannt war. Die Handlung erstreckt sich über zwei Tage im Paris des Jahres 1931. Haffners Alter Ego ist von Berlin in die französische Hauptstadt gereist, um dort seine große Liebe Teddy zu treffen. Doch ihre Beziehung ist im Grunde bereits vorbei, als die Geschichte beginnt. Was sie noch vereint, ist die Erinnerung an das gemeinsame Glück weniger Tage im Berliner Spätsommer des Vorjahres; nun trennen sie Welten – Berlin und Paris, Vergangenheit und Gegenwart. Und doch hofft Raimund, Teddy noch einmal umstimmen zu können, aber die Zeit dafür verfliegt in dieser faszinierenden und lebendigen Metropole.

Als die Handlung einsetzt, bleiben Raimund nur noch wenige gemeinsame Stunden, bevor ihn der Zug um 22 Uhr wieder zurück nach Deutschland bringen wird. In dieser Zeit streiten und versöhnen sie sich, treffen Freunde, besuchen den Louvre sowie den Eiffelturm, suchen die Zweisamkeit und kommen doch nie wirklich zusammen. Und so vergeht der Tag, ohne dass Raimund Teddy seine Liebe gestehen kann. Für ihn ist es mit jeder fortschreitenden Minute, «als wären die Zeiger um meinen Hals gelegt, um mich, zusammenrückend, langsam zu erwürgen». Gegen alle Vernunft und allen Zeitdruck aber stellt sich zwischen den beiden trotzdem etwas Unerwartetes ein: das Gefühl einer «Euphorie des Abschieds». Denn «es war plötzlich so, als hätten wir noch eine ganz lange, herrliche, ungestörte Zeit». Gegen alle Vernunft auch deshalb, weil eine gemeinsame Zukunft unmöglich scheint, denn Teddy, die im wirklichen Leben Gertrude Joseph hieß und die Tochter eines jüdischen Ehepaares war, will nicht mehr zurück nach Berlin. Haffner nannte sie später die «erste Emigrantin», weil sie früher als viele andere das Anwachsen des «Dummen und Bösen» in Deutschland ahnte. So erzählt «Abschied» nicht nur vom Ende einer großen Liebe, sondern auch vom Abschied einer Jugend und einer Epoche kurz vor ihrem Untergang.


Michael Billenkamp