Iran liegt im Dunkeln
Wir blicken mit großer Sorge und Anteilnahme in den Iran. In Gedanken sind wir bei den Menschen, die dort um Würde und Freiheit kämpfen, und bei allen, deren Angehörige betroffen sind. Wir haben mit Ensemblemitglied Pujan Sadri und mit dem WELT/BÜHNE-Autor und Regisseur Pooyan Bagherzadeh gesprochen – über ihre Gedanken zur aktuellen Situation sowie über ihre Ängste und Hoffnungen.
Iran liegt im Dunkeln
Der iranische Autor und Regisseur Pooyan Bagherzadeh ist Teil des Autor*innen-Netzwerks WELT/BÜHNE. Seit 2023 lebt er und arbeitet er vorwiegend in Österreich. 2024 schrieb und inszenierte er für das Residenztheater «Sohn einer Mutter. Mutter eines Sohns.».
Seit dem 9. Januar ist infolge der Proteste der iranischen Bevölkerung die Verbindung von fast 90 Millionen Menschen zur Außenwelt abgeschnitten. Das Internet ist tot – und ich habe keinen Kontakt zu meiner Familie und meinen Freund*innen.
Aus dem Iran drangen in den letzten zwei Tagen nur noch gelegentlich Anrufe zu uns durch: Gespräche voller Rauschen, die abrupt abbrechen. Halbe Sätze, die zwischen Tränen hin- und hergeworfen werden. Meine Mutter und zwei Freundinnen konnten insgesamt vierzig Sekunden mit mir sprechen. Zwischen unserem Schluchzen hörte ich sie sagen:
«Wir sind froh, dass du an einem sicheren Ort bist.»
Doch wir, die wir außerhalb Irans leben, durchleben eine andere Form der Katastrophe.
Eine Katastrophe, die in unseren Köpfen zirkuliert,
in unseren Wohnungen und Zimmern,
in jeder einzelnen Zelle unseres Körpers.
An einem Ort, der scheinbar «sicher» ist –
doch die Wut findet keinen Ausgang.
Sie wird weggedrückt, setzt sich ab,
und verwandelt sich langsam in Hass.
Heute hasse ich die «Nachrichten»,
Ich hasse die fetten Schlagzeilen,
die Fernsehsender,
das Nebeneinandersetzen der Worte «Gemeinschaft» und «international».
Das «Warten» auf irgendeinen Mechanismus,
der vielleicht das Töten aufhält.
Das Starren auf verschlossene Türen,
hinter denen Männer und Frauen in Anzügen entscheiden.
Die Analysen der elegant Gekleideten vor den Kameras.
Die Mikrofone und die, die mit kühler Stimme in sie sprechen.
Den NVV und Snapback, Sanktionen,*
Räte und Statements.
Dass unser Leben
von den Entscheidungen von Politiker*innen abhängt.
Und mehr als alles andere hasse ich die Zahlen.
Zahlen, die für mich längst jeweils einem Menschenleben entsprechen.
Als hätten wir Bürger*innen uns an dieses Zählen gewöhnt.
Zahlen zerknüllen mich.
Jede einzelne Zahl nimmt mir ein Stück Leben.
Das sind keine Zahlen.
Das sind Körper.
Atem.
Sie haben Namen.
Sie haben Geburtstage.
Während Leben zu Ziffern werden, verlieren wir langsam das Gefühl.
Ich bin Theaterkünstler.
Mein ganzes Leben habe ich mit Körpern, mit Stimmen, mit Präsenz gearbeitet.
Und nun sitze ich an einem sicheren Ort
und bin nur noch ein stummer Zuschauer
des Verschwindens von Körpern
an einem Ort dieser Welt,
der «meine Heimat» heißt.
Wenn das Internet in Iran wieder funktioniert,
möchte ich meine erste Nachricht an sie so beginnen:
«Bis ihr wieder verbunden wart, zerbrach mein Herz in hundert Stücke.»
* Seit Jahren droht die iranische Regierung immer wieder mit dem Ausstieg aus dem Atomwaffensperrvertrag (NVV), zuletzt im Sommer 2025. Das löst den sogenannten Snapback-Mechanismus aus - eine 30-tägige Frist, nach deren Ablauf ausgesetzte nuklearbezogene Sanktionen des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen wieder eingesetzt werden. Er trat Ende September 2025 in Kraft. Tatsächlich ausgetreten ist Iran jedoch bislang nicht. Seit 2011 hat die Europäische Union insgesamt 10 Sanktionspakete gegen das Land erlassen, das letzte gilt bis April 2026.
Pujan Sadri zur aktuellen Situation in Iran
Pujan Sadri ist Ensemblemitglied des Residenztheaters. Geboren in Deutschland, verbrachte er einen Teil seiner Kindheit in Iran, wo nach wie vor ein Teil seiner Familie lebt.
47 Jahre. So lange schon I.R. Iran, Islamische Republik Iran. So lange schon Angst. So lange schon die zwei Buchstaben I und R vor den vier Buchstaben, aus denen das Land vorher bestand: Iran. Wenn ich als Kind diese zwei Buchstaben sah, dachte ich: Warum zögert man, Iran zu sagen?
Ein Kind, das in Deutschland groß geworden ist. Das nicht weiß: Ist er Iran-Deutscher oder Deutsch-Iraner? Jemand, der jetzt gerade denkt, dass es egal ist, was er selbst ist. Jemand der sich schämt, weil er das Glück hat, hier zu sein. Ein Glück, das das Resultat der Flucht seiner Eltern ist, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, damit er ein Leben hat.
Und jetzt setzen täglich Menschen ihr Leben aufs Spiel, um auch ein Leben zu haben. 4500 Kilometer entfernt von meinem Glück. Mein Glück ist meine Scham.
Jetzt zögere ich.
Ist es unfair, frage ich mich, dieses Glück zu haben und nichts dafür zu tun. Und dieses Gefühl geht nicht weg. Es muss nicht weggehen. Weil es nicht um mich gehen muss. Es muss um uns gehen. Um uns alle, egal wo, weil es ums Menschsein gehen muss.
Und wenn Zahlen von Ermordeten erscheinen, 2000 oder 12000, dann geht es um jede 1 da drin. Dann geht es um jeden Menschen.
Meine Scham ist ein Privileg, das mich abhält, jede 1 zu sehen. Jede 1 zu hören.
Und wenn ich mich in dieses Wirrwarr von Nachrichten aus Iran hineinbegebe, werde ich selbst wirr. Wenn ich höre, dass eine einzelne Person sich als Held gibt und Iran retten will, dann werde ich wütend. Weil Iran keine Fiktion ist und keinen Helden braucht. Iran ist ein Ort mit Menschen. Menschen, die gerade nicht gehört werden können, weil andere Menschen das Land dunkel gemacht haben. Dunkel seit 47 Jahren. Und seit ein paar Tagen stumm.
Nichts wird dem Leid gerecht, nichts wird der Folter, der Gewalt gerecht. Nichts wird der Unmenschlichkeit von Unmenschen gerecht. Also geht es hier um Gerechtigkeit? Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass ich Angst habe. Angst um jede 1.
Und doch ein bisschen Hoffnung. Hoffnung, dass es kein Zögern mehr braucht, um Iran zu sagen. Ich schließe die Augen. Von außen sieht Hoffen wie Angst aus, oder?