Ich glaube diesen Nachrichten nicht mehr
Gedanken zum 24. Februar 2026
Von Natalia Blok, Autorin der Welt/Bühne, Basel
Aus dem Ukrainischen von Ilja Mirsky
Durch das Dorf Tjaginka (ukrainisch Тягинка), in dem ich 2014 lebte, führte eine Straße.
Eine ganz normale Straße.
Am Tag, als wir erfuhren, dass die Krim annektiert worden und im Donbass ein Krieg ausgebrochen war, fuhren auf dieser Straße Kolonnen von Panzern und anderem Militärgerät vorbei. An den Fahrzeugen waren keine Flaggen befestigt. Man konnte nur die Gestalten von Soldaten mit Gewehren erkennen, deren Gesichter von Sturmhauben vollständig verdeckt waren.
Es war beängstigend, weil man nicht wusste, ob es Ukrainer oder bereits Besatzer waren. Ich glaube, dass mir genau in diesem Moment bewusst wurde, dass der Krieg begonnen hatte.
Als über dem Garten, in dem ich Tomaten und anderes Gemüse anbaute, Hubschrauber flogen, dachte ich, dass ich fliehen müsse. Denn die Russen behaupteten in den Nachrichten ständig, der Osten und der Süden der Ukraine seien ihr Territorium. Aber meine Kinder und ich hatten Glück, und der Krieg erreichte Tjaginka damals noch nicht. Erst im Februar 2022 erreichte er auch diesen Ort.
Ein Jahr, nachdem ich die Panzerkolonnen gesehen hatte, lebte ich bereits in Cherson. Dort drehte ich einen Dokumentarfilm über Mütter und ihre Kinder und alte Menschen, die durch den Krieg aus ihren Häusern vertrieben worden waren, und darüber, wie sie alles verloren hatten, was sie sich im Laufe ihres Lebens aufgebaut hatten. Die Frauen erzählten von Explosionen, Bomben, Tod und Verlust. Ich konnte sie nur sehr schlecht verstehen. Aber ich versuchte es zumindest.
Im Februar 2022 lebte ich bereits in Kyjiw. Als ich im Keller saß und die Explosionen um mich herum hörte, wurde mir erneut klar, dass ich fliehen musste.
Dieses Mal hatte Tjaginka weniger Glück. Viel weniger Glück. Jetzt, vier Jahre nach Beginn der groß angelegten Invasion, lebt dort niemand mehr. Es ist ein leeres Dorf mit vom Krieg zerstörten Häusern. Das Haus, in dem ich gelebt und in dem ich meinen jüngeren Sohn zur Welt gebracht hatte, wurde von einer russischen Rakete getroffen und existiert nicht mehr. Auch das Haus der Großmutter meiner jüngeren Söhne, das sie fast ihr ganzes Leben lang selbst gebaut hatte, existiert nicht mehr. Ebenso wenig das Haus ihrer Stiefmutter, in dem sie vor der Besetzung Chersons lebten und in dem ihr Bruder geboren wurde.
Nachdem Russland das Wasserkraftwerk in Kachowka gesprengt und damit einen groß angelegten Ökozid verursacht hatte, wurde mir klar, dass meine Vergangenheit endgültig zerstört war. Das war wohl das letzte Mal, dass ich wegen der Nachrichten geweint habe.
Seit einem Jahr, vielleicht sogar schon seit zwei Jahren, höre ich jeden Tag in den Nachrichten und lese in den sozialen Netzwerken von neuen Prognosen, von immer neuen Terminen für das Ende dieses Krieges. Aber ich glaube diesen Nachrichten nicht mehr.
Natalka Blok
3. Februar 2026