"Sprachkürze gibt Denkweite" - ein Experiment in 140 Zeichen

#TTW13 hat das Residenztheater erreicht
#TTW13 hat das Residenztheater erreicht

Am Anfang war eine simple Idee, die Idee zu einem kleinen Experiment: Fünf Tage Theaterleben/Theater erleben in 140 Zeichen. Von Hamburg bis München, von morgens bis abends. Zusammen mit Twitter Deutschland (die uns zu dieser Aktion eingeladen haben) starteten fünf deutsche Sprechtheater vom 9. bis 13. Dezember 2013 die erste Twitter-Theater-Woche Deutschlands #TTW13.

Die Ausgangsbasis war klar, jedes Haus sollte einen Tag lang via Twitter das Medium Theater erlebbar machen, wie blieb jedem Theater selbst überlassen: eine Mischung aus virtuellem Tag der offenen Tür und Kurznachrichten-Publikumsgespräch. Ein Blick hinter die Kulissen des Theateralltags, um das Mysterium Theater irgendwie begreifbar zu machen, Prozesse abzubilden, unbekannte Berufe vorzustellen, auch Berührungsängste abzubauen und einfach über Theater zu reden. Eben nicht nur für die Theaternerds, sondern auch für Außenstehende, Neugierige. Das ist unser alltäglicher Job, dafür gibt es an jedem Haus die Abteilungen Theaterpädagogik, Dramaturgie, Öffentlichkeitsarbeit. Und dafür probieren wir immer wieder neue Wege aus. Wir machten also mit bei der Twitter-Theater-Woche, vor allem aber weil wir inhaltliche Anknüpfungspunkte fanden zur Auseinandersetzung mit dem Medium Internet im Allgemeinen und der Plattform Twitter im Besonderen und nicht nur eine PR-Aktion starten wollten.

Reflexartig wurde sofort, v.a. auch in der medialen Berichterstattung, das Schreckgespenst hellerleuchteter Smartphonedisplays im Zuschauerraum heraufbeschworen und diskutiert (und ebenso reflexartig abgelehnt). Tatsächlich interessiert mich diese Frage nur in zweiter Linie, viel spannender ist doch eine inhaltliche und künstlerische Auseinandersetzung mit dem vermeintlichen Gegensatzpaar Theater und Internet. Zumal es recht einfache Lösungsvorschläge für diese scheinbar ziemlich gefürchtete Problematik der leuchtenden Handydisplays gibt (z.B. von Bianca Praetorius, die einfach die Öffnung bestimmter Sitzreihen zur Handynutzung vorschlägt).

Sicher verändern sich unsere Rezeptionsgewohnheiten und wir müssen uns fragen, ob und wie das Theater damit umgeht. Doch die Beispiele zeigen, wie z.B. während der Twitter-Theater-Woche am Schauspiel Bochum (@p_rentsch "gar keine Zeit gefunden für #ttw13-Tweets. Dafür wars zu schön"), aber auch nach unserem kleinen „Flegeljahre“-Experiment gestern, dass Theater einfach anders rezipiert wird als ein "Tatort" zu Hause auf der Couch. Man muss sich anders einlassen auf das Bühnengeschehen. Vielleicht stellt sich also nach ein paar weiteren Versuchen tatsächlich heraus, dass das weder nötig noch sinnvoll ist – und doch gilt auch hier: Versuch mach klug.

Wir bekamen den Finaltag der #TTW13. Freitag, der 13. war unser Glückstag, der Dichter Jean Paul unser Patron ("ein Dichter mit eigener Sprachgalaxie" wie Autor Albert Ostermaier in einem 140-Zeichen-Mailinterview an uns schrieb): Jean Pauls Zitat "Sprachkürze gibt Denkweite" sollte unser kleines Motto sein für diesen Tag. 140 Zeichen können nicht alles erzählen – müssen sie auch nicht. Aber 140 Zeichen können Assoziationsräume öffnen und Denkanstöße geben, zur Auseinandersetzung mit bestimmten Dingen einladen und neugierig machen, andere Dinge genauer zu betrachten.

Die "Twitter-Vorstellung" für unseren Tag sollte Robert Gerloffs Inszenierung von Jean Pauls "Flegeljahre" sein. Ein Romanfragment über das Schreiben (über das Schreiben). Wir würden via Twitter zu den ohnehin bereits vorhandenen Ebenen des Schreibens im Roman und der Inszenierung eine neue Schreibebene hinzufügen und das Bühnengeschehen wieder verschriftlichen. Und wir waren uns schnell einig, dass es ganz im Sinne Jean Pauls sein dürfte, wenn wir eben diese insgesamt vierte Ebene mittels einer textbasierten Form der Kommunikation in die Inszenierung integrieren: Wir laden Zuschauer ein, über die Vorstellung aus der Vorstellung zu twittern.

Denn wir wollten eben nicht nur zu einem virtuellen Tag der offenen Tür einladen (natürlich berichteten wir auch live aus dem Theater mit Backstagefotos, Hintergrundgeschichten etc.), sondern auch live zu uns ins Theater: "Liebe Twitterer, kommt vorbei, wir haben Nussecken für euch gebacken. Wir sitzen den ganzen Tag im Theater und ihr könnt uns kennenlernen!" Und wir luden zusätzlich fünf Twitterer ein, aus der Vorstellung von Jean Pauls "Flegeljahre" zu berichten. Denn wir wollten ihre Sicht auf die Inszenierung kennenlernen. (Unsere Sicht kennen wir ja schon.)

Wir haben uns wirklich sehr gefreut über tatsächlich spontane Besuche von Twitter-Followern, besondere Gäste und Kollegen wie die Bayerische Staatsoper, die Münchner Kammerspiele, unsere Anwalts-Nachbarn oder das Deutsche Theatermuseum, das uns mit historischen Fotoaufnahmen beglückte. Und natürlich über unsere fünf Twitter-Statisten, die nach einer kurzen Hausführung (live und "vertwittert") auf unserer Bühne Platz nahmen und im "Flegeljahre"-Schneegestöber Theater hautnah miterleben konnten. (Nachzulesen auf Twitter unter #Flegel bzw. #TTW13.) Wie sie das fanden? Müssen sie selbst beschreiben.

Unser spontanes Fazit? Wir hatten wahnsinnig viel Spaß und haben viele neue Dinge erfahren und gelernt. Ob das jetzt das Medium Theater entscheidend beeinflussen wird, mögen andere beantworten. Es war ein Versuch und die ersten Reaktionen waren durchaus positiv.

Übrigens: Dass dies kein Einblick für die breiten (Twitter-)Massen war, ist nicht weiter verwunderlich. Wer etwas anderes erwartet hat, stellt damit zu hohe Erwartungen an beide Medien, Theater und Twitter. Und doch ist es uns vielleicht gelungen zu vermitteln, dass Theater spannend sein kann und v.a. auch Spaß machen kann. Wenn nur ein Twitter-Nutzer den Impuls verspürt hat, "Mensch ins Theater könnte ich auch mal wieder gehen", hat sich die Aktion gelohnt. Damit der Twitter-Nutzer dann im Zuschauerraum sitzt, sein Handy total vergisst und spürt: "Theater live ist eben doch am geilsten!" Und im Anschluss seinen Followern davon erzählt.

Nachtrag (16.12.2013): Das Portal nachtkritik.de hat unser #Flegel-Experiment in einer Storify-Dokumentation zusammengefasst. Darüber hinaus bietet die Seite einen umfassenden Überblick über Blogartikel und Medienberichte zur #TTW13.