Urteile / Yargilar

von Tunay Önder

In Anlehnung an den Soziologen Émile Durkheim, der in seinen empirischen Untersuchungen zum Selbstmord in modernen Gesellschaften resümierte, dass dies keine Angelegenheit einzelner, verirrter oder verzweifelter Menschen sei, sondern eine soziale Tatsache, also eine Tatsache, die aus gesellschaftlichen Umständen resultiere, und die daher nur aus dieser Perspektive adäquat interpretiert, erklärt und bewertet werden könne - in Anlehnung an diese soziologische Perspektive kann man in Bezug auf die Morde des Nationalsozialistischen Untergrundes sagen, dass der Blick nicht einfach bei den Tätern verweilen darf. Der Blick darf weder bei den Tätern noch bei deren Geschichte, Einstellung oder Umfeld verweilen, weil das allein nicht erklären kann, wie diese Morde passieren konnten, und warum sie nicht unterbunden oder rechtzeitig aufgeklärt wurden. 

Die Morde des Nationalsozialistischen Untergrundes und die Revue der dazugehörigen Ermittlungsakten und Medienberichte führen exemplarisch vor Augen, dass das Problem nicht allein die rassistischen Morde sind, und nicht allein der Rassismus Einzelner oder eines Netzwerkes, so wie es die Anklage gegen ein Trio oder Netzwerk nahelegt. Das Problem ist auch der institutionelle Rahmen und das alltägliche gesellschaftliche Fahrwasser, in denen solche Morde, Anschläge und Übergriffe passieren. Die Erregung über die Morde und ihre Täter bleibt eine leere Empörung, wenn sie nicht gleichzeitig auf die diskriminierende Routine innerhalb gesellschaftlicher Institutionen wie Polizei, staatliche Behörden, Medien, Schule und andere öffentliche Einrichtungen verweist. So außerordentlich die Morde waren, so un-außerordentlich ist die Allgegenwärtigkeit der Strukturen, Denkmuster und Einstellungen, die den Morden zugrunde liegt.

In dem dokumentarischen Theaterprojekt "Urteile" steht daher das Wissen der Hinterbliebenen im Zentrum, die Zielscheibe der rassistischen Morde und Anschläge des Nationalsozialistischen Untergrundes gewesen sind. Im Zentrum steht also das Wissen jener Menschen, die diskriminierende Routinen nicht nur im Kontext der Mordermittlungen zu spüren bekommen haben, sondern aus ihrem alltäglichen Leben kennen. Ihre Perspektive wurde innerhalb der gesellschaftlichen Deutungsmaschinerie, in der Aussagen von Subjekten offensichtlich entlang ihrer ethnischen Einordnung akzeptiert oder ausgeschlossen werden, systematisch marginalisiert. Ihre Ansichten und Stimmen haben kaum einen Zugang gefunden in den gesellschaftlichen Diskurs, in dem Wahrheiten, Wissen, Überzeugungen und Urteile hervorgebracht wurden. Ihre Realität wurde während all der Jahre, in denen ein Fragezeichen über den Morden schwebte, weitgehend ausgeblendet. Wenn überhaupt, dann wollte man ihre Ansichten als Tatverdächtige hören, als Angehörige eines "migrantischen Milieus", in dem der Täter vermutet wurde. Die Ermittler erwarteten zwar nicht, dass sie direkt und offen von den unterstellten kriminellen Geschäften des Mordopfers sprechen, aber zumindest Hinweise und Andeutungen geben würden, die die Vermutungen und Vor-Urteile der Polizei bestätigen könnten. Als die Angehörigen dieser Form der Annäherung ablehnend begegneten, zeigten sich die Medien und Behörden empört und sprachen davon, dass man von den Familien zwar Minztee serviert bekomme, aber keine Antworten. 

Für unsere Recherche bestand daher zunächst einmal die Frage, ob wir von Menschen, deren Meinung, deren Sprach- und Hilflosigkeit all die Jahre nicht nur nicht ernstgenommen, sondern vollkommen falsch und diffamierend ausgelegt wurde, ob wir von diesen Menschen erwarten können, dass sie Vertrauen aufbringen und uns erzählen, was sie denken. Wir sind zunächst einmal davon ausgegangen, dass Menschen, die durch Morde und Anschläge sowie darauf folgende Verdächtigungen und Unterstellungen durch Behörden, Medien und der öffentlichen Meinung gedemütigt und gebrochen wurden, überhaupt nicht sprechen möchten, mit niemandem. Es verhielt sich aber anders.

Wir haben beide Familien aus München getroffen und mit den Angehörigen, Freunden und Arbeitskollegen der beiden Ermordeten Theodoros Boulgarides und Habil Kılıç gesprochen.

Was haben die Hinterbliebenen erlebt? Welche Erfahrungen haben sie gemacht mit den Sicherheitsapparaten, Nachbarn, Arbeitgebern, den Medien oder der Schulverwaltung ihrer Kinder - vor, während und nach den Morden? Wie ordnen sie die Verdächtigungen und Demütigungen ein? Was dachten sie damals, was denken sie heute und wie fühlen sie sich überhaupt in Deutschland? 

Rückblickend können wir feststellen, dass die Ermittlungen und Recherchen an der Realität vorbeigingen. Das gilt sowohl für die polizeiliche als auch für die journalistische Recherchearbeit, ganz zu schweigen von den dubiosen Methoden des Verfassungsschutzes. Man kann fast sagen, dass die Ermittlungen und Recherchen in den Staatsund Medienapparaten weniger rekonstruierend als vielmehr konstruierend waren: Sie haben ihre eigene Wirklichkeit erst geschaffen. Ich dachte bisher, diese Arbeitsweise - zu erfinden, zu phantasieren - sei dem Theater vorbehalten. Nun scheint sich die Sache umzukehren. Denn wir versuchen mit dem Theaterprojekt "Urteile" möglichst nah an der Realität zu bleiben. Nur an wessen Realität? 

Es scheint diverse Realitäten oder Parallelwelten zu geben, wie beispielsweise die der Medien oder die der Ermittlungsbehörden, in der fast ausschließlich Menschen mit "weißen" Erfahrungen und Perspektiven sitzen. Deren Phantasie in Bezug auf bestimmte Menschengruppen, von denen sie womöglich keinen Einzigen je näher kennengelernt haben, war besonders groß und hat über die Morde hinaus viel Schmerz und Leid ausgelöst.

In "Urteile" konfrontieren wir daher die Realität der Angehörigen mit den Erzählungen der Medien. Wie sind die Journalisten an das Thema herangegangen? Wie neutral war ihre Berichterstattung? Wie nah ist ihre Verbindung zu den Sicherheitsbehörden? Was impliziert ihre Sprache oder die Verwendung von bestimmten Begriffen? Wen haben sie als glaubwürdige Quelle gewertet und wen als Tatverdächtige? Wie denken sie rückblickend über ihren Umgang mit den Angehörigen der Opfer im Rahmen ihrer Recherchen und Berichte? Reflektieren sie über ihre Denkmuster?

Wir haben mit Journalisten gesprochen, die über die Morde berichtet haben, als noch nicht klar war, wer die Täter sind. Sie betreiben investigativen Journalismus für die größten deutschen Nachrichtenmagazine oder arbeiten für Boulevardzeitungen. Wir haben sämtliche Zeitungsartikel und Medienberichte zu den Morden zusammengesucht, die zwischen 2001 und 2010 veröffentlicht wurden. Auffallend war der Schulterschluss zwischen Medien einerseits und den polizeilichen und staatsanwaltlichen Behörden andererseits. Ohne Kommentar und ohne Reflexion wurden die Informationen und Ermittlungsergebnisse der Polizei an die Öffentlichkeit weitergegeben. So liest man in den Medienberichten immer wieder, wie die Polizei bei den Ermittlungen auf "eisernes Schweigen" im Umfeld der Opfer getroffen sei. Was bedeutet so eine Aussage eigentlich? Warum wurde das Schweigen der Angehörigen nicht ernst genommen? Warum wurde ihnen nicht geglaubt? Stattdessen wurde unterstellt, dass die Angehörigen der Mordopfer mehr wissen, es aber verheimlichen. Mit Geldbelohnungen wollte man nun insbesondere aus der "türkischen Community" Informationen holen. Fast lobend berichteten Medien von der akribischen Arbeit der Polizei: Bis in die Türkei würde unter Verwandten gefahndet, "hunderttausende Daten, vor allem Namen, seien miteinander abgeglichen, Passagierlisten von Türkei-Flügen rund um die Tatzeiten" ermittelt worden.  In den Zeitungen kursierte der Fahndungsaufruf der Polizei mit einem Phantombild eines jungen Mannes mit dichtem dunklen Haar, dunklen Augen, dunklen Brauen und einem "Mongolen- Bart", darunter stand: "Gesucht wird nach einem südländischen Typ". Einige Monate später schrieb ein Journalist schließlich, dass es sich um Profis handle, "die möglicherweise extra aus der Türkei eingeflogen werden für ihre Tat".

Wie kann es sein, dass an entscheidenden Stellen der Gesellschaft klischeehafte und vorurteilsbeladene Bilder nicht nur reproduziert, sondern aktiv mitgestaltet und verbreitet werden? Wie kann es sein, dass der Ausdruck "Döner-Morde" durch die Medien wabert, ein Ausdruck, der die Morde verharmlost, die Gruppe von Türken oder Deutschtürken, auf die er sich bezieht, abwertet, und so tut, als ob keine Menschen, sondern Döner getötet worden wären? 

So sehr der brutale Mord an einem geliebten Menschen die Angehörigen erschüttert und traumatisiert hat, so wenig hat die Entdeckung des rassistischen Tatmotivs die Angehörigen überrascht. Die Morde waren die extremste Variante einer rassistischen Einstellung, deren abgeschwächte, salonfähige, strukturelle, unsichtbare und subtile Form alle Angehörigen der Mordopfer tagtäglich erfahren haben - vor, während und nach den Anschlägen. Nach dem Ende eines langen Prozesses am Münchner Landgericht, nach Verurteilung der Hauptangeklagten und ihrer Mithelfer, wird sich nichts verändert haben, wenn nicht ernsthaft und folgenreich die gesellschaftlichen Umstände, Strukturen, Funktions- und Handlungsweisen überdacht und verändert werden, unter denen die Morde nicht nur nicht aufgedeckt, sondern unter denen die Menschen diskriminiert wurden und werden.

Fragen *, die bleiben:

"Immer ein Fragezeichen! Warum haben sie uns diese Tragödie angetan?"
"Warum haben sie uns ausgewählt?"
"Wie passt das ins Bild?"
"Was soll ich hier diesbezüglich noch sagen?"
"Warum das Ablehnen von allem Fremden? "
"Warum soll ich mich damit abfinden? "

* Die Befragungssituation in den Verhören im Zuge der Ermittlungsarbeit zu den Neonazi- Morden in München hat für viele Angehörige den Schmerz ins Unermessliche gesteigert, war eine weitere traumatische Erfahrung. In den persönlichen Gesprächen mit den Familienangehörigen, Kollegen und Freunden der Opfer der Neonazi-Morde in München für das dokumentarische Theaterprojekt „Urteile“ ergeben sich nun auf Seiten der "Befragten" schon lange brennende Fragen an die "Verfassungsschützer", die ermittelnden Beamten, die politisch Verantwortlichen, an die Gesellschaft, an uns. Ein Appell richtet sich an alle Seiten: Sich selbst zu befragen muss der erste Schritt sein zu einem Ende des Schweigens.

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Inhaltsangabe

Der Beginn der Arbeiten am dokumentarischen Theaterprojekt über die Opfer des NSU in München liegt mehr als zwei Jahre zurück. Im Rahmen ihrer Münchner Inszenierung "Gleis 11" 2010/2011 führte Christine Umpfenbach immer wieder Gespräche über rassistische Alltagserfahrungen. Als im November 2011 die Täter entdeckt und die Morde einer Neonazi Terrororganisation zuzuordnen waren, schien das öffentliche Entsetzen groß. Im Gespräch mit Miriam Heigl von der Fachstelle gegen Rechtsextremismus der Landeshauptstadt München über rechtspopulistische Tendenzen in der Stadt und rechtsextreme Strömungen in Bayern fasste Christine Umpfenbach den Entschluss, ein Theaterstück über den Umgang mit den Opfern des NSU in München zu realisieren.

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Unsere kollektive Schuld

Im Blog berichtet Autorin Azar Mortazavi, die gemeinsam mit Regisseurin Christine Umpfenbach den Text für "Urteile" verfasst hat, über ihre Arbeit an diesem dokumentarischen Abend: über ihr Erstaunen und ihre Fassungslosigkeit bei den Recherche-Gesprächen, über ihren Respekt vor den Geschichten, über alltäglichen Rassismus und kollektive Vorurteile. MEHR ...
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von Christine Umpfenbach und Azar Mortazavi

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