Statement von Martin Kušej

"Der Suhrkamp Verlag hat uns mitgeteilt, dass er heute eine einstweilige Verfügung vor Gericht beantragen wird, um die Absetzung der zukünftigen ‚Baal‘-Aufführungen in der Inszenierung Frank Castorfs im Residenztheater zu erwirken. Wir sind über diesen Schritt des Verlags außerordentlich irritiert und kämpfen dafür, dass die Inszenierung weiterhin im Residenztheater gezeigt werden kann.

Frank Castorf, der seit Beginn meiner Intendanz am Residenztheater eine wertvolle künstlerische Konstante unseres Hauses und unserer Stadt geworden ist, hat mit ‚Baal‘ erneut einen ästhetisch herausfordernden und inhaltlich bezwingenden Theaterabend geschaffen, der auch als Fortsetzung seiner Céline-Inszenierung ‚Reise ans Ende der Nacht‘ gesehen werden kann. Er hat, gemeinsam mit seinem Bühnenbildner Aleksandar Denić, Brechts Baal als Alter-Ego-Figur unseres gefräßigen Europas installiert, als Kolonialisten auf langsam verlorenem Vietnam-Posten. So wie Castorf interpretatorisch Baals Hunger (nach Frauen, Leibern, Entgrenzung) zu unserem ‚weißen‘ Hunger nach Land, Einflussgebieten, Reichtum erweitert, hat er Baals Sprache aufgeladen und angereichert. Er hat literarische Fußnoten, Assoziationen, Zitate verwendet, u. a. aus Arthur Rimbauds Schriften, deren Einfluss in Brechts Werken erkennbar ist, und damit einen gleichermaßen typischen wie besonderen Castorf-Abend inszeniert, einen intellektuellen und sinnlichen Overkill, für den dieser Regisseur seit Jahrzehnten berühmt und berüchtigt ist.

Da der Suhrkamp Verlag, dem die Arbeitsweise und Ästhetik des Regisseurs Frank Castorf vertraut ist, sich bewusst für eine Vergabe der Aufführungsrechte an das Residenztheater und den Regisseur Frank Castorf entschieden hat und das Residenztheater bereits weit vor Probenbeginn damit begonnen hat, den Rechteinhabern des Brecht-Textes die literarische und szenische Erarbeitung der Inszenierung kenntlich zu machen, ist dieser Schritt für uns völlig unverständlich.

Die Inszenierung nicht mehr zeigen zu dürfen, würde für uns die Preisgabe einer künstlerisch furiosen Arbeit bedeuten, die wir als hochspannende, respektvolle und fruchtbare Auseinandersetzung mit Bertolt Brechts ‚Baal‘ ansehen und auf die unser ganzes Theater stolz ist."

Martin Kušej, Intendant des Residenztheaters, 30. Januar 2015