Balkan macht frei

von Oliver Frljić

Ein Gespenst geht um in Europa. Nein, nicht mehr der Kommunismus, sondern das, was von ihm übrig geblieben ist: die Osteuropäer. Durch kein Meer getrennt und von keiner Grenzschutzagentur abgewehrt, armutsmigrieren sie aus ihren Ländern nach Deutschland. Als wir sagten, ja, her mit den Arbeitskräften, und zwar mit hochqualifizierten, hat da irgendwer gedacht, dass auch Faule kommen können? Als wir sagten, unsere Fahne weht für die Freiheit, haben wir da Freizügigkeit gemeint? Als wir sagten, wir sind das christliche Abendland, wer hat da gehört, jeder könne sich einfach ins gemachte Nest setzen? Rumänen nehmen uns die Putzjobs weg, Bulgarinnen dumpen uns im Baubusiness und selbst das Bayerische Staatsschauspiel engagiert die billigen Arbeitskräfte. 

So ist Regisseur und Autor Oliver Frljić, geboren 1976, bekennender Teil des Problems. Als 16-jähriger flüchtete er aus Bosnien nach Kroatien und studierte Philosophie und Regie an der Akademie der Dramatischen Künste in Zagreb. Früh fällt er mit seinen energetischen und wachen Inszenierungen auf, die oft ihn selbst zum Thema haben. Seit dieser Spielzeit ist er außerdem Intendant des Kroatischen Nationaltheaters in Rijeka und sorgt für Reibung mit Aufführungen, die Kriegsverbrechen und -traumata in den Blick nehmen und mittlerweile in vielen Ländern zu sehen bzw. nicht zu sehen sind, da sie immer wieder zensiert werden: Sie hinterfragen die Dramaturgien der jüngeren Geschichtsschreibung, Ethnotechniken und nationale Identitäten und überdehnen diese gerne. In seinem Münchner Debüt beschäftigt er sich mit der Auslöschung seines Selbst.

 

Marstall
  • Sa 18. Jun 16, 20:00 Uhr
  • Mi 13. Jul 16, 20:00 Uhr
  • Vorstellungsdauer ca. 1 std. 25
  • Keine Pause
  • Regie, Bühne + Musik Oliver Frljić
  • Kostüme Katja Kirn
  • Licht Barbara Westernach
  • Dramaturgie und Übersetzung Marija Karaklajić + Götz Leineweber

Im Reisefieber

Das Residenztheater begibt sich auch im April und Mai wieder auf Gastspieltour

Seit mehreren Spielzeiten präsentiert das Residenztheater mehrmals im Monat seine Inszenierungen auf fremden Bühnen im In- und Ausland. Dadurch werden internationale Kooperationen gefördert und einen regelmäßigen Gastspiel-Austausch mit Theatern und Theatergruppen aus ganz Europa gepflegt. Auch in den Frühlingsmonaten April und Mai sind wir mit verschiedenen Inszenierungen sowohl in der Ferne als auch ganz in der Nähe zu Gast.

Im Reisefieber

"Balkan macht frei" + "Philoktet" unter den zehn wichtigsten Inszenierungen des letzten Jahres

"Virtuelles Theatertreffen" von nachtkritik.de

Bei einer Publikums-Abstimmung des Theaterportals nachtkritik.de wurden sowohl "Balkan macht frei" von Oliver Frljić als auch Ivan Panteleevs Inszenierung von Heiner Müllers "Philoktet" unter die "zehn wichtigsten Inszenierungen des vergangenen Jahres" gewählt. Aus 47 Inszenierungen des letzten Jahres, die von der nachtkritik.de-Redaktion nominiert wurden, wählten die Leserinnen und Leser ihre zehn Favoriten für dieses "virtuelle Theatertreffen". Das Residenztheater schaffte es erneut mit zwei Inszenierungen in die Top 10!

"Balkan macht frei" + "Philoktet" unter den zehn wichtigsten Inszenierungen des letzten Jahres

Auszeichnungen für Valery Tscheplanowa, Franz Pätzold und "König Ödipus"

AZ-Sterne des Jahres sowie tz-Rosensträuße des Jahres für Resi-Schauspieler

Zum Jahresende wurden die beiden Resi-Ensemblemitglieder Valery Tscheplanowa und Franz Pätzold mit den Kulturpreisen der Münchner Abendzeitung sowie der tz ausgezeichnet. Valery Tscheplanowa erhielt sowohl den AZ-"Stern des Jahres" als "beste Schauspielerin“ als auch den tz-Rosenstrauß des Jahres, mit denen die Kulturredaktionen der beiden Tageszeitungen jedes Jahr herausragende Persönlichkeiten und Leistungen aus dem Münchner Kulturleben auszeichnen. Resi-Schauspieler Franz Pätzold erhielt ebenfalls den "Stern des Jahres" der Abendzeitung als "bester Schauspieler" für seine Rollen in "Baal", "Balkan macht frei" und "Philoktet". Die tz zeichnete zudem Mateja Koležniks Inszenierung von "König Ödipus" mit einem Rosenstrauß aus.

Auszeichnungen für Valery Tscheplanowa, Franz Pätzold und "König Ödipus"

"Aktuell, bitter und schmerzhaft"

Goethe Institut über "Balkan macht frei"

Für das Goethe Institut beschreibt Journalist Jürgen Berger, wie Theaterautorinnen und -autoren auf aktuelle Krisen und Kriege reagieren, indem sie die Abschottungstendenzen des saturierten Mittelstandes dieser Welt akzentuieren. Über Oliver Frljićs Inszenierung "Balkan macht frei" im Marstall schreibt er: "Frljić hat (...) nicht zuletzt mit einer realen Waterboarding-Szene vorgeführt, wie aktuell, bitter und schmerzhaft Theater sein kann."

"Aktuell, bitter und schmerzhaft"

Fremdkörper

Kurz nach der Uraufführung von Oliver Frljićs "Balkan macht frei" sprachen wir mit ihm über eine gefälschte Todesanzeige, nationale Identität und seine erste Münchner Arbeit: "Ich will es dem Publikum nicht einfach machen. Sie sollen Dinge erleben, die über den rationalen Zugang hinaus gehen." MEHR ...
Fremdkörper
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"Bosnien, ein Land voller Nichts. Ich zog weg und fand die Last meiner Träume."
Oliver Frljić, "Balkan macht frei"

Identität und Heimatverlust

Interview mit Oliver Frljić

Vor der Uraufführung von "Balkan macht frei" im Marstall sprach die Abendzeitung mit Autor und Regisseur Oliver Frljić über Identität, Heimatverlust und seine Arbeit hier in Deutschland: "Ich finde es ehrlicher, meine Biografie und Meinungen in die Performance zu werfen. Wir reden in Europa immer über Menschenrechte, schließen aber systematisch eine Menge Menschen genau davon aus. Ich bin jetzt ein Bosnier in Deutschland mit einem Arbeitsvertrag. Klar, ich bin nicht auf der Baustelle, sondern im Theater. Aber ich thematisiere auch, wie ich mich auf diesem westlichen Markt behaupten und anbieten muss."

Identität und Heimatverlust

Balkan macht frei Programmheft (PDF)

Balkan macht frei Programmheft (PDF)
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BALKAN MACHT FREI (FOTOGALERIE)

URAUFFÜHRUNG VON OLIVER FRLJIĆS "BALKAN MACHT FREI" IM MARSTALL

Premiere am 22. Mai 2015 im Marstall

Am 22. Mai 2015 findet im Marstall die Uraufführung von Oliver Frljićs Inszenierung "Balkan macht frei" mit Leonard Hohm, Alfred Kleinheinz, Jörg Lichtenstein und Franz Pätzold statt. "Balkan macht frei" ist Oliver Frljićs erste Arbeit am Residenztheater. Ein Gespenst geht um in Europa. Nein, nicht mehr der Kommunismus, sondern das, was von ihm übrig geblieben ist: die Osteuropäer. Durch kein Meer getrennt und von keiner Grenzschutzagentur abgewehrt, armutsmigrieren sie aus ihren Ländern nach Deutschland. Als wir sagten, ja, her mit den Arbeitskräften, und zwar mit hochqualifizierten, hat da irgendwer gedacht, dass auch Faule kommen können?

URAUFFÜHRUNG VON OLIVER FRLJIĆS "BALKAN MACHT FREI" IM MARSTALL