Die Reise nach Ordesa

von Manuel Vilas

 

Der in seiner Heimat hymnisch gefeierte und 2019 mit dem renommierten französischen Literaturpreis Prix Femina Étranger ausgezeichnete Roman «Die Reise nach Ordesa» des 1962 geborenen spanischen Lyrikers, Prosaautors und Essayisten Manuel Vilas reiht sich auf den ersten Blick in die jüngst so erfolgreiche literarische Gattung des autofiktionalen Schreibens ein. Wie die französischen Autor*innen Didier Eribon, Annie Ernaux oder Édouard Louis stammt auch Manuel Vilas aus bildungsfernen, prekären finanziellen Verhältnissen, auch sein Schreiben speist sich aus einer wenig privilegierten Herkunft. Doch anders als bei seinen Kolleg*innen ist Vilas' Erinnerungsprozess weniger als Analyse sozioökonomischer Verhältnisse zu verstehen denn als Versuch, einen Prozess der (Selbst-)Heilung in Gang zu setzen.

 

«Wir sollten über unsere Familien schreiben, ohne jede Beschönigung, ohne dabei zu erfinden. Wir sollten nur von dem erzählen, was passiert ist, oder von dem wir glauben, dass es passiert sei.»

 

Der Ich-Erzähler scheint – dem Autor gleich – biografisch an einem schwierigen Punkt angelangt: An seinen eigenen Lebensentwürfen gescheitert, beruflich wie privat, beschreibt Vilas in 157 knappen Kapiteln universelle Verlusterfahrungen und imaginiert sich zum Trost eine idyllische Kindheit im Spanien nach dem Ende des Franquismus. Die eigentliche Sprachlosigkeit zwischen dem Ich-Erzähler und dessen Vater, die große Leerstelle der eigenen Familienchronik füllt Vilas mit der Fiktion von Liebe. In der Re-Konstruktion seiner Kindheit macht der Autor als Erzähler so auch die Konstruktion sichtbar – ähnlich einem psychoanalytischen Prozess ist Geschichte vor allem eins: eine die Chronologie verweigernde, lose miteinander verknüpfte, hochpoetische Sammlung von Geschichten gegen das Schweigen und Vergessen auf der Suche nach metaphysischem Sinn.

 

Ton: Nikolaus Knabl
Musik: Camill Jammal

 

Manuel Vilas «Die Reise nach Ordesa»
in der Übersetzung von Astrid Roth
© 2017 Manuel Vilas via Casanovas & Lynch Literary Agency, S.L., Barcelona
© Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH, Berlin - München 2020

Teil 1

Gelesen von Robert Dölle

Teil 2

Gelesen von Thomas Lettow

Teil 3

Gelesen von Thomas Reisinger

Teil 4

Gelesen von Vincent Glander

Teil 5

Gelesen von Michael Wächter

Teil 6

Gelesen von Robert Dölle

Teil 7

Gelesen von Thomas Lettow

Teil 8

Gelesen von Thomas Reisinger

Teil 9

Gelesen von Vincent Glander

Teil 10

Gelesen von Michael Wächter

Teil 11

Gelesen von Robert Dölle

Teil 12

Gelesen von Thomas Lettow

Teil 13

Gelesen von Thomas Reisinger

Teil 14

Gelesen von Vincent Glander

Teil 15

Gelesen von Michael Wächter

Teil 16

Gelesen von Robert Dölle

Teil 17

Gelesen von Thomas Lettow

Teil 18

Gelesen von Thomas Reisinger

Teil 19

Gelesen von Vincent Glander

Teil 20

Gelesen von Michael Wächter

Teil 21

Gelesen von Robert Dölle

Teil 22

Gelesen von Thomas Lettow
TAGEBUCH EINES GESCHLOSSENEN THEATERS #92 Von und mit THOMAS REISINGER Text aus RESI LIEST: «DIE REISE NACH ORDESA» VON MANUEL VILAS Das TAGEBUCH EINES GESCHLOSSENEN THEATERS ist ein Beitrag des Resi-Ensembles zur gegenwärtigen Situation. Das tägliche Must-see auf allen Kanälen des Residenztheaters!