Köpfe in Stücken

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

In der Spielzeit 2016/17 bitten wir Dietmar Dath, für uns einen Fortsetzungsroman zu schreiben. Unter dem Strich, mit kurzen Spannungsbögen und steilen Erzählklippen. Zu jeder Premiere erscheint eine Folge, die zwar einzeln lesbar ist, aber ebenso in einem Gesamtzusammenhang steht, der sich Folge für Folge erschließt. Es spiegeln sich darin die Stoffe und Autoren der Spielzeit, die Gegenwart wirkt auf die einzelnen Folgen ein und das Vorhaben entspringt dem Wunsch, dass die Gedanken, Widersprüche und Hoffnungen, die hinter der Entstehung eine Spielplans stehen, in eine weitere Form gegossen werden. 

Erzählerisch, autark, aus der Perspektive eines Unparteiischen: Dietmar Dath, geboren am 3. April 1970 in Rheinfelden, aufgewachsen in Schopfheim im Wiesental. Schreibt Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Sachbücher. Von 1998 bis 2001 verantwortlicher Redakteur des Kölner Magazins für Popkultur "Spex". Von August 2001 bis Ende 2007 Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit Schwerpunkten Wissenschaftskultur, elektronische Lebensaspekte, Science-Fiction und Verwandtes, danach freier Autor bis zur Rückkehr als Filmkritiker ins Feuilleton der F.A.Z. im September 2011. Verheiratet. 

Auf dieser Seite finden Sie versammelt die bereits erschienen Folgen.

KÖPFE IN STÜCKEN 01: FAHRT MIT FEIND

KÖPFE IN STÜCKEN 02: VORLÄUFIGE BEFREIUNG

KÖPFE IN STÜCKEN 03: AUF DER PAUKENTREPPE

KÖPFE IN STÜCKEN 04: KÜRZERE NAMEN, AMPUTIERTE BERUFE

KÖPFE IN STÜCKEN 05: STEHT ALLES SCHON BEI MARX

KÖPFE IN STÜCKEN 06: DAS UNGLÜCK IST ZU EINEM DRITTEL TÖDLICH

KÖPFE IN STÜCKEN 07: DAVONKOMMEN HEIßT AUFGEBEN

KÖPFE IN STÜCKEN 08: WOZU DER MENSCHENSCHÄDEL SICH EIGNET

KÖPFE IN STÜCKEN 16: COUP DE THÉÂTRE

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Svenja staunte. Von innen war das, was von außen steinern gewirkt hatte, durchweg aus Glas. Man hatte nicht hineinschauen können, man konnte jetzt aber hinausschauen. Selbst die Doppeltür, einmal zugefallen, war ein großes Stück Fenster. Zu sehen gab es draußen allerdings nur Wolken im Blau, oben wie seitwärts. Verfolgerin und Verfolger hatte Svenja wohl abgehängt, in der Wattewelt dort gab’s die beiden nicht. Ein paar Grasflecken zierten die Wolken. Svenja schüttelte den Kopf: unrealistisch.

KÖPFE IN STÜCKEN 16: COUP DE THÉÂTRE

KÖPFE IN STÜCKEN 15: VON BAHNHÖFEN UMSTELLT

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Kopflosigkeit brach auf dem Platz aus, der von einem guten Dutzend Bahnhöfen umstellt war, zwischen deren Mauerwerk, Beton- und Glasfronten in mittlerer bis großer Entfernung nichts als eine unüberschaubare Menge weitere Bahnhöfe auszumachen war. Ein Bettler schubste einen andern Bettler beiseite, um Svenja aus dem Weg zu springen, ein dicker Katholik bekreuzigte sich, eine Mutter stieß ihren Kinderwagen von sich, als wollte sie den Säugling als Brandopfer in Molochs Ofen schubsen.

KÖPFE IN STÜCKEN 15: VON BAHNHÖFEN UMSTELLT

KÖPFE IN STÜCKEN 14: UNERLAUBTE UMTRIEBE

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Svenja drückte die Augen fest zu, um den Stresskopfschmerz einzuschüchtern, der aufkommen wollte. Dann senkte sie den Kopf und riss die Augen weit auf, um den Boden der Tatsachen direkt vor ihren Füßen deutlich genug zu erkennen. Was sich ihr als Erstes zeigte, war eine hundsrotzgewöhnliche Bahnhofsvorplatztaube mit skarabäusgrünem Hals.

KÖPFE IN STÜCKEN 14: UNERLAUBTE UMTRIEBE

KÖPFE IN STÜCKEN 13: EIGENZEITVERKNAPPUNG

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Die beiden Menschen, die Svenja wieder auf die Beine halfen, sahen ihr nicht nur ähnlich, sondern dabei auch noch verblüffend gut aus. Die Frau stellte sich als "Hallo, ich bin die Svenjana" vor und gab der Benommenen ein Papiertaschentuch, mit dem sie sich den Dreck von der Hand wischen konnte. Svenja dachte: Svenjana, das klingt einerseits wie ein Hörfehler für Swetlana, andererseits aber so, als wäre es eine Frage, wie eine leicht anzügliche Herausforderung: "Svenja, na?"

KÖPFE IN STÜCKEN 13: EIGENZEITVERKNAPPUNG

KÖPFE IN STÜCKEN 12: WEITERDREHEN WELTABWÄRTS

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Die Schreie des jungen Mannes, den sie gezwungen hatte, sein Leben in ihres rutschen zu lassen, ignorierte Svenja, so gut sie konnte, da sie sich konzentrieren musste, weil sie wusste, dass sie nicht einfach geradeaus laufen durfte, sonst würde sie, so nah an der überschriebenen Szene, ins schlechte Sterben zurückfallen. Ihr kraftvolles, wütend verzweifeltes Rennen war eine Art verkehrter Anlauf zu einem Sprung, der schon hinter ihr lag.

KÖPFE IN STÜCKEN 12: WEITERDREHEN WELTABWÄRTS

KÖPFE IN STÜCKEN 11: Abartige Antwort

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Die Worte schmeckten nach fauligem Hibiskus, aber andere hätten ihr nicht das Leben gerettet, also unterdrückte Svenja den Würgereflex, als sie sagte: "Du bist ein Teil meiner Vergangenheit, den ich vergessen und verleugnen wollte." Es klang fast so kalt kalkuliert, wie es war, und wenn Svenja sich selbst als Beobachterin von außen in dieser Lage hätte zuhören können, wäre sie vielleicht beeindruckt gewesen von der Selbstbeherrschung, mit der sie alle Skrupel beiseite ließ, die sie daran hätten hindern können, einen eigentlich Unbeteiligten in ihr Drama zu zerren.

KÖPFE IN STÜCKEN 11: Abartige Antwort

KÖPFE IN STÜCKEN 10: Mehr Zeit als Raum

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Regionen hoben sich, Kaskaden rollten aus, Vorhänge fielen. Schwindende Achsenabstände drückten Schüttwinkel zusammen. Was vormals Staat und Gesellschaft gewesen und jetzt Schauspiel geworden war, passte sich dem Ausfall einer abgelehnten Szene an.

KÖPFE IN STÜCKEN 10: Mehr Zeit als Raum

KÖPFE IN STÜCKEN 09: Der große Publikummer

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Viel Zeit blieb Svenja nicht. Die Umstände erbarmten sich und kamen ihr zu Hilfe: Erste Schaulustige, teils Passanten, teils aber auch Wohnungs-, Arbeits- und Namenlose, hatten den Unfall bemerkt und stiegen neugierig durch die große Lücke im Schaufenster, um sich den Schaden und das Leiden genauer anzusehen. Die reine Rolle wich zurück vor ihnen, klackerte mit dem frechen Schwenkarm, rasselte in aufkommender Territorialangst. Svenja erkannte sofort ihre winzige, flüchtige Chance: die Aussicht auf eine Drehung des Bühnenbildes.

KÖPFE IN STÜCKEN 09: Der große Publikummer

KÖPFE IN STÜCKEN 08: Wozu der Menschenschädel sich eignet

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Svenja hustete blutig, dann wiederholte sie: "Kümmer… dich… um… Sven". Verdreht und mit pochendem Hüftschmerz lag sie im großen Schaden, den der Unfall angerichtet hatte. Sie betrachtete die Maschine, die reine Rolle, die gekommen war, um ihr beim Sterben zu helfen, und dachte daran, dass auch fünf volle Freiheitsgrade, also erstens die Auf- und Ab-Beweglichkeit des Hauptarms dieser Apparatur, zweitens die Gelenkverbindung dieses Hauptarms mit einem ebensolchen, aber kürzeren zweiten Arm, drittens die schwenkbare Befestigung eines dritten mit diesem zweiten, viertens die Ausziehbarkeit dieses dritten und fünftens die Schwenkbarkeit des handförmigen Arbeitskopfs desselben dritten, nicht genügten, ihr die Maschine als wirkliche Hilfe zu empfehlen, die ihr die ROLLENORDER geschickt hatte und die sie jetzt nach ihrem testamentarischen Willen fragte, statt dem anderen verletzten Unfallopfer nützlich zu sein.

KÖPFE IN STÜCKEN 08: Wozu der Menschenschädel sich eignet

KÖPFE IN STÜCKEN 07: Davonkommen heißt Aufgeben

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Die falsche Hand der reinen Rolle riss Svenja aus dem Autowrack, wie Gott die Rippe aus seinem Geschöpf Adam gerupft hatte, um dem Mann anschließend eine Frau daraus zu machen: rücksichtslos, abrupt und im gesündesten Wortsinn unmenschlich. Svenja spürte ein Knacken rechts neben dem Nacken und fragte sich, ob die Maschine ihr jetzt eine Schulter ausgerenkt hatte. Da ließ der Apparat sie auch schon wieder los, dass sie mit dem Oberkörper auf den von kleinsten Scherben und Schrottflocken übersäten Teppichboden fiel.

KÖPFE IN STÜCKEN 07: Davonkommen heißt Aufgeben

KÖPFE IN STÜCKEN 06: Das Unglück ist zu einem Drittel tödlich

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Eine massivere Stille als direkt nach dem Durchbruch des Taxis durch die Glaswand, dem Knirschen und Krachen beim Kippen danach, hatte Svenja nie zuvor erlebt. Halb kopfunter, halb seitlich gegen die Rückscheibe des Taxis gepresst, hing sie im Gurt, den sie wenige Minuten vor dem Unfall angelegt hatte – anders als Sven, dem das allerdings wohl auch nicht geholfen hätte – sein Kopf, zwei Handbreit von Svenja entfernt, hing abgeknickt und verdreht am Hals, leblos, mit stierem Blick. Ein in etwa schokoladentafelgroßes Scheibenfragment steckte zwischen rechtem Auge und Nasenwurzel in seinem blutenden Gesicht und spaltete oberhalb der Brauen die Stirn.

KÖPFE IN STÜCKEN 06: Das Unglück ist zu einem Drittel tödlich

KÖPFE IN STÜCKEN 05: Steht alles schon bei Marx

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Svenja schluckte trocken und sagte dann: "Die Zeit kratzt mit den Füßen am Käfigboden. Wir werden uns durch Ziegenpeter, Bärendreck und Flusen kämpfen müssen." Weil den beiden Jungs nicht gelungen war, sie aus dem aufgegebenen Taxi zu ziehen, waren beide notgedrungen eingestiegen, um nicht von ihr getrennt zu werden. Sven saß am Steuer, Svenjamin improvisierte den nötigen, schmutzig-giftigen Eingriff, das Durchstechen von Svenjas verschlossenen und zurückgebildeten Ohren. Schwärzliches Blut lief aus ihrem Kopf, das Svenjamin notdürftig mit dem Taschentuch wegtupfte und aufsog. Aus ihrem Mund fielen haltlose Worte, Reste von efferenten Folgen der Diskrepanz zwischen Seh- und Hörsinn.

KÖPFE IN STÜCKEN 05: Steht alles schon bei Marx

KÖPFE IN STÜCKEN 04: Kürzere Namen, amputierte Berufe

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Flink und gelenkig kletterte Svenjamin aus dem Kofferraum des Taxis und eilte auf Sven und Svenja zu, deren legale Identität er teilte. Svenjas Stimme überschlug sich bereits, der Redfluss musste durch die Wiederherstellung des Gehörgangs unterbrochen werden, bevor sie am Geschwätz erstickte: "Aber wer sind wir denn, wenn ich drei bin, die wir bestenfalls wären, wenn es genügend Namen gäbe, drei mindestens, Sven, Svenja, Svenjamin, wer will drei Namen haben, statt dass man möglichst wenige hat, verkürzte, S.Fischer, B.Traven, T.S.Eliot, S.Banach..."

KÖPFE IN STÜCKEN 04: Kürzere Namen, amputierte Berufe

KÖPFE IN STÜCKEN 03: Auf der Paukentreppe

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Die Stadt war nass. Man stand bis zu den Knöcheln im Wasser, die Kanalisation hielt das Zeug seit Wochen nicht mehr, Mainz stank und schwappte. Höhnische Rufe von hinter der Absperrung empfingen Sven, Svenja und das kleine Häuflein ebenfalls Freigesetzter beim Verlassen der Haftanstalt: "Marschiert, marschiert!" "Habt ihr gut geschlafen, habt ihr gut geschlafen?" "Euch sollte man!", das Übliche.

KÖPFE IN STÜCKEN 03: Auf der Paukentreppe

KÖPFE IN STÜCKEN 02: Vorläufige Befreiung

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Der Beamte im Vorzimmer tippte provozierend langsam seine Fragen in den Rechner, bevor er sie an Sven richtete und dessen mündliche Antworten dann noch langsamer eingab: "Sie haben also die Verpflichtungen verstanden, die Sie eingehen, wenn ich die Verwarnte jetzt in Ihre Verantwortlichkeit überstelle?" "Ja", erwiderte Sven respektvoll knapp, weil er wusste, dass die Leute von der SICHERHEIT den Leuten von der ROLLENORDER grundsätzlich Geschwätzigkeit unterstellten.

KÖPFE IN STÜCKEN 02: Vorläufige Befreiung

KÖPFE IN STÜCKEN 01: Fahrt mit Feind

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Die SICHERHEIT schob sich in Trupps von je vier Gerüsteten während der ganzen Fahrt immer wieder vorwärts und rückwärts durch den Intercity-Express. Mehrfach streiften die Bewaffneten Svenja, die auf einem Gangplatz saß. Die militärische Berührung störte sie während der ersten zwei Stunden an Bord nicht, weil Svenja sich noch über den zarten Bisskuss freute, den Sven ihrer Halsgrube zum Abschied am Gleis geschenkt hatte. Der Arme war erkältet und wollte sie nicht anstecken, deshalb der Vampirtrick, als lustige erotische Ausrede, das gefiel ihr.

KÖPFE IN STÜCKEN 01: Fahrt mit Feind