"Wir müssen unsere Kunst teilen"

Bibiana Beglau mit dem FAUST 2015. Sie fordert: "Stellen wir uns in der Ursprünglichkeit unseres Berufes allen zur Verfügung! Teilen wir unsere Kunst!" © Deutscher Bühnenverein
Bibiana Beglau mit dem FAUST 2015. Sie fordert: "Stellen wir uns in der Ursprünglichkeit unseres Berufes allen zur Verfügung! Teilen wir unsere Kunst!" © Deutscher Bühnenverein

Gestern wurde Resi-Ensemblemitglied Bibiana Beglau für ihre Rolle als Mephisto in Martin Kušejs "Faust"-Inszenierung mit dem deutschen Theaterpreis FAUST ausgezeichnet. In ihrer Dankesrede im Saarländischen Staatstheater in Saarbrücken forderte sie die Theater dazu auf, ihre Kunst mit allen zu teilen und die Zuschauerräume auch für alle Geflüchteten zu öffnen:

"Wir sind hier, um unsere Arbeit im Theater zu feiern. Aber was feiern wir eigentlich? Wir feiern eine Kunstform, die Geschichten der Welt erzählt, über Menschen, über die Gesellschaft, über politische Ereignisse.

Wir ziehen uns oft zurück ins richtige, ins gut gemachte Theater, das unterhaltend ist und dramaturgisch astrein ist. Wir drehen uns um uns selbst und nehmen nur das in unseren Gesang auf, was keine falschen Töne hat, was keine Fehler impliziert und was uns nicht ermüdet. Und blicken dabei so oft in eine Vergangenheit, weil gerade unsere deutsche Vergangenheit so fruchtbar auszubeuten ist oder tun wir das, weil die Vergangenheit sich unserer Einflussnahme entzieht und wir uns bei diesem Blick zurück nicht aufs Spiel setzen müssen?

Jetzt ist die Zeit anders, jetzt müssen wir in die Zukunft blicken: Mit den flüchtenden Menschen weltweit ergibt sich ein Raum, der wieder Utopien, Ideen, Fehler, Zweifel, Versagen, Teilen, Mut und Handeln verlangt. Zukunft ist nicht die Sicherheit des immer Gewesenen. Wir können die Zukunft durch Sicherheitsdenken und -handeln abtöten. Oder wir wachen auf aus unserem bequemen Schlaf der  verkorksten deutschen Geschichte und stellen uns zur Verfügung mit dem, was wir grausam gelernt haben und mit dem, was wir nicht wissen und nicht wissen können. Die Festung 'Goethe und Schiller', Fetisch kultureller Identifikation und ewiges Kulturgut, ist kein Rückzugsort mehr. Wir können wieder Avantgarde sein, indem wir gemeinsam Neues entdecken, ein neues, gemeinsames Abenteuer begehen, uns aussetzen und vorstoßen, nicht im eigenen Vorteil, sondern im Sinn des Risikos, auch das Nicht-Richtige zu tun. Auch in dem Risiko, dass die schöne Kunst eine hässliche Kunst wird. Auch in dem Risiko, dem Nicht-Wissen und dem Chaos zu begegnen.

Wir müssen unsere Kunst teilen, denn es gibt Mangel auch an geistiger Nahrung bei den Menschen, die ihre Kultur schmerzhaft vermissen müssen, sie aufgeben mussten auf ihrem Weg  durch Krieg, Repressalien und Flucht.

Das Teilen in unseren Theaterräumen ist nicht so leicht. Wir können den geflohenen Menschen in unseren Inszenierungen Raum geben für ihre Geschichten, damit sie sie erzählen können oder unkonventionelle und praktische Unterkunft anbieten. Das alles findet schon statt und ist auch gut.

Theaterkultur teilen heißt aber auch ganz konkret, dass diese Menschen in unsere Zuschauerräume gehören. Da sollen sie sitzen, als Gleiche unter Gleichen. Es sind nicht nur die Flüchtlinge, die aus ihren Staaten, aus ihrem Zuhause vertrieben wurden, sondern auch wir, die wir uns selbst aus unseren Ideen vertrieben haben. Stellen wir uns in der Ursprünglichkeit unseres Berufes allen zur Verfügung! Teilen wir unsere Kunst!

Eins haben wir nämlich alle gemeinsam: Texte, Bilder, Tänze und Lieder.  Unsere Texte, Bilder, Tänze und Lieder sind fremd für die neu Angekommenen. Aber es sind Texte, Bilder, Tänze und Lieder!"

 

Update 24.11.2015: English Version

"We are here to celebrate our work in the theater, but what are we actually celebrating? We are celebrating an art form that tells stories about the world, about people, about society, about political events.

We return often to good theater, theater which is entertaining and dramatically solid. We revolve around our own selves and accept only what does not have a false tone into our song, what implies no mistakes, and what does not weary us. And in so doing, we are often looking into the past, because our very own German past is so ripe for exploiting. Or are we doing this because the past eludes our influence and we do not want to compromise ourselves with this look back.

Times are different now. With refugees the world over, a space emerges that again demands utopias, ideas, mistakes, doubt, failure, sharing, courage and action. Future is not the security of something that has always been. We can kill off the future with a culture of safe thinking and acting, or we can awaken from the comfortable sleep of our messed up German history and come to grips with what we have horribly learned and to what we do not know. The fortress of Goethe and Schiller, of the fetishistic cultural identification and eternal cultural asset is no longer a safe haven. We must discover anew, embark upon a new collective adventure, expose ourselves and push forward, not in our own interest, but in the spirit of risk to also do what is incorrect. Also with the risk that beautiful art will become an ugly art. Also with the risk of encountering the unknowing and the chaos.

We must also share our art, for there is a dearth of spiritual nourishment in the people who have had to sorely miss their culture, have had to give it up on their journey through war, repression and escape.

Sharing is not so easy in our theater spaces. We can give refugees space for their stories in our productions so that they can recount them or we can provide unconventional and practical shelter. This is already happening and is also good.

Sharing culture, however, means, very concretely, that these people belong in our theaters. They should sit here as equals among equals. It is not just the refugees who have been driven from their countries, from their homes, but also we who have driven ourselves from our ideas. Let us make ourselves available to all in the originality of our profession, let us share our art.

We all have, namely, one thing in common: texts, images, dances and songs. Our texts, images, dances and songs are strange to the newly arrived – but they are texts, images, dances and songs."

Tags: Faust, Theater