Wir betteln nicht!

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Viele syrische Witwen, die mit ihren Kindern in die Türkei geflohen sind, wollen eigenes Geld verdienen. Und immer mehr scheint das zu gelingen.

Ihr traumatisierter Sohn hat mehrfach versucht, sich das Leben zu nehmen, und nun sucht Khatije Margrufi im Koordinationszentrum für Flüchtlinge im Istanbuler Vorort Sultanbeyli Hilfe. Durch den Sehschlitz ihres Nikabs schaut sie hoffnungsvoll auf ihre Sachbearbeiterin. Die Büroleiterin Nuhbe sitzt in einem offenen Raum mit sechs Arbeitsplätzen, die alle mit einem Laptop ausgestattet sind, auf denen das Registrierungssystem läuft. Finanziert wird das Koordinationszentrum teilweise von der Welthungerhilfe und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (giz). Nuhbe gibt alle Daten von Khatije ein, denn die und ihr Sohn brauchen dringend Hilfe. Die Mutter ist mit der Situation überfordert; doch wer hilft bei seelischen Verletzungen? 

Seit mehr als zwei Jahren ist Khatije mit ihren drei Kindern in Istanbul gestrandet, denn eigentlich wollte sie zu ihrem Onkel, der es bereits nach Schweden geschafft hat. "Ich habe tagelang nachgedacht und am Ende entschieden, dass der Weg über die Ägäis mit drei Kindern zu gefährlich ist." Durch das Rücknahmeabkommen der Türkei mit der EU sind die Grenzen nach Europa fast dicht. Eigentlich sollte dieses Rücknahmeabkommen flüchtenden Syrern die Möglichkeit geben, legal und gefahrlos einen Asylantrag für Europa zu stellen. Auch um den Schleppern das Handwerk zu legen. Doch im ehemaligen Justizgebäude, das nun aufwendig zum Koordinationszentrum für Flüchtlinge umgebaut wurde, weiß niemand, wo so ein Asylantrag gestellt wird. Hier haben sich alle darauf eingestellt, dass die Syrer bleiben.

Im vergangenen Jahr hat sich die Istanbuler Stadtverwaltung vornehmlich um Frauen wie Khatije und ihre Kinder gekümmert. Bis dahin hatte die Syrerin noch auf der Straße in der Istanbuler Innenstadt um Geld gebettelt. Nun ist sie wie viele Frauen auf der Flucht in einer Frauen-WG untergebracht. Neben der Grundversorgung mit Nahrung und Medizin bekommen sie dort auch Sprachunterricht und eine Ausbildungsförderung für einfachste Tätigkeiten. Die Grundversorgung ist für türkische Verhältnisse so umfangreich, dass die Türken in Sultanbeyli Ungerechtigkeit wittern und unter vorgehaltener Hand pöbeln, erzählt Beytul Hala. Auch sie wohnt dort in einer Frauen-WG und versucht zu differenzieren: "Nicht alle Türken sind nett und höflich. Manche helfen, viele andere nicht. Aber die Syrer haben schweres Leid erlitten. Man sollte auch etwas Verständnis dafür haben." 

Schon die Erinnerung an den Moment, als Beytul Hala die Nachricht vom Tod ihres Mannes bekam, treibt ihr die Tränen in die Augen. Es ist ihr anzusehen, wie sie verzweifelt um Kontrolle ringt und die Tränen dann doch nicht zurückhalten kann. Vereinzeln tropfen Tränen auf die Kante ihres Sehschlitzes. Trost findet die 27-jährige Mutter von zwei Kindern im Glauben, dass ihr Mann ein Märtyrer sei und ins Paradies komme. "Trotzdem fühle ich mich allein, und es tut mir auch für unsere Kinder leid, die ohne Vater aufwachsen müssen." Ihre Eltern wurden in ihrer Wohnung verschüttet. Der älteste Bruder wurde bereits bei den ersten Demonstrationen von Scharfschützen erschossen. Ihr zweitältester Bruder wurde bei Kämpfen so schwer verletzt, dass er halb am Leben und halb tot ist und ihr jüngster Bruder, so hofft sie, sitzt im Gefängnis.

Nachdem die meisten ihrer Angehörigen getötet wurden, fiel ihr die Entscheidung zur Flucht leicht. "Alle wurden getötet, alles ist zerstört, und rund um unser Haus wurde gekämpft. Wozu sollte ich noch bleiben?" Über Hatay kam sie nach Istanbul. Bettelte und wurde von islamischen Wohltätigkeitsvereinen aufgenommen. Mittlerweile wurde sie, wie viele andere Frauen, von Mitarbeitern der Stadtverwaltung angesprochen. Jetzt lebt sie mit vier anderen Frauen und deren zehn Kindern in einer WG, die nur sehr spartanisch mit dem Nötigsten ausgestattet wurde. Küche, Bad, Bett. 

Von den geflohenen syrischen Frauen sind verhältnismäßig viele gut ausgebildet. In Syrien war den Frauen der Weg zu Bildung nicht versperrt. Unter ihnen sind Ärztinnen, Ingenieurinnen und andere Akademikerinnen. Mehmet Aktas arbeitet für die Stadtverwaltung in Sultanbeyli und beklagt sich über das Rücknahmeabkommen der EU mit der Türkei und behauptet: "Von Rücknahme kann nicht die Rede sein. Wir erfüllen unseren Teil der Abmachung, aber die EU hält sich nicht an ihre Absprachen. Die wenigen EU-Mitgliedstaaten, die Flüchtlinge aufnehmen, suchen sich die Flüchtlinge aus. Bevorzugt Christen und Ärzte. Und damit die weniger gut ausgebildeten hierbleiben, kommen sie gelegentlich vorbei, zahlen ein bisschen was und gehen wieder." 

Nach Gaziantep fließt ein großer Teil der Gelder der giz für Syrien. 80 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, werden dort Mädchen betreut und unterstützt. Aziza Jalloud ist eine von 15 Frauen, die sich dort um mehrere hundert syrische Mädchen kümmern. Das produzierende Gewerbe in Gaziantep wendet sich an sie wie eine Arbeitsvermittlerin. Wenn in einer Fabrik Näherinnen gesucht werden, vermittelt sie welche. Sie ebnet aber auch Studentinnen den Weg an die Universität. "Mir geht es nicht um die Organisation oder die Institutionen. Hauptsache, die Mädchen bekommen eine ordentliche Ausbildung oder finden Arbeit. Denn nur so können sie unabhängig werden und nur so werden sie zu starken Frauen, nur so können wir die Gesellschaft verändern." Für diese Gedanken saß sie bereits unter Hafiz Al-Assad elf Jahre im Gefängnis. Weder Knast noch Krieg konnte sie von ihrer Mission abhalten. Noch immer kämpft sie für die Rechte der Frauen. 

Während sich Aziza vornehmlich um die weiblichen Kinder und Jugendlichen kümmert, widmet sich Ahlam Al-Milaji in Gaziantep eher den gut ausgebildeten Frauen. Gemeinsam mit anderen Frauen aus Syrien hat sie den Verein "Zenobia" gegründet. Der Name erinnert an die Rebellenkönigin in Palmyra, die im 3. Jahrhundert gegen die Römer kämpfte. "Du fragst mich nach Dingen, an die ich mich nicht erinnern möchte." Ahlam hatte ein schönes Leben in Aleppo. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihren vier Kindern lebte sie in einem Haus mit blühendem Garten, in dessen Mitte ein Brunnen stand. Sie war Chefingenieurin in einer großen Firma und hatte einen eigenen Chauffeur. Ihre vier Kinder genossen eine gute Ausbildung. Kein Vergleich zu heute. Tapfer versucht sie, das Beste aus ihrer Lage zu machen, aber jedes Mal, wenn ihr klar wird, wie tief sie gefallen ist, schießen ihr die Tränen in die Augen. Deswegen möchte sie nicht an diese "Dinge" erinnert werden. Aber wenn sie an ihre Kinder denkt, dann lächelt sie, ist sichtbar mächtig: "Sie geben mir unerschöpfliche Kraft." 

Auch Samira Kandjuh empfindet so. Sie leitet das Witwen- und Waisenhaus "Dar Al-Salam" ("Haus des Friedens"), in dem acht Frauen und 45 Kinder Unterschlupf gefunden haben. "Ich fühle mich gar nicht als Leiterin hier. Die Kinder nennen mich Nana – Großmutter – und ihre Mütter sind wie Töchter für mich." Bislang hat sich das "Dar Al-Salam" durch private Spenden finanziert und der Bedarf ist konstant hoch. Mieten, Nahrung und Medikamente müssen fast regelmäßig bezahlt werden und nicht immer reicht das Geld. Samira Kandjuh erfüllt die Arbeit trotzdem voll und ganz. Ihre beiden leiblichen Kinder leben in Gaziantep, aber auch die übrigen Kinder liegen ihr sehr am Herzen. "Mein Glück ist eng mit dem der Kinder und deren Müttern verknüpft. Wenn sie glücklich sind, bin ich es auch. Wenn sie Sorgen haben, habe ich sie auch."

Zuerst erschienen in: Zenith, Deutscher Levante Verlag, Sommer 2017.