Wie Deutschland für mich schmeckt

"Milo hat mich dazu gebracht, die Geschichten zu erzählen": Vedrana Seksan bei den Proben zu "The Dark Ages" © Thomas Dashuber
"Milo hat mich dazu gebracht, die Geschichten zu erzählen": Vedrana Seksan bei den Proben zu "The Dark Ages" © Thomas Dashuber

Väterlicherseits wurden in meiner Familie jahrhundertelang nur Söhne geboren. Ausnahmslos. Im männlich dominierten Montenegro wurde dieser Zweig der Familie somit zu einem der angesehensten. Bis meine Tante geboren wurde: die Schwester meines Großvaters und seit Ewigkeiten das erste weibliche Kind. Die skandalösen Einzelheiten ihrer Geburt kenne ich nicht. Ich glaube aber, dass sie nicht gerade mit offenen Armen empfangen worden ist. Insbesondere wenn man an die Erfahrungen denkt, die das nächste weibliche Exemplar dieser ehrenwerten männlichen Familie machen sollte. Denn zwei Generationen später kam es zum zweiten Faupax: das war ich. Meine Mutter behauptete oft, ich wäre "aus Trotz" eine Frau geworden. 
Weil wir die beiden großen "DNA-Fehler" waren, hatte ich von Anfang an eine enge Beziehung zu meiner Tante. Sie lebte in Deutschland und arbeitete als Köchin im Restaurant ihres Sohnes. Einmal im Jahr, typisch für alle Gastarbeiter aus dem ehemaligen Jugoslawien, kamen sie zurück nach Hause. Ich freute mich auf ihre Ankunft, wie sich Kinder im Westen auf den Weihnachtsmann freuen. In einem riesigen Leinenbeutel, auf dem etwas in einer unbekannten Sprache geschrieben war, mit Pünktchen über dem A oder O, traf etwas ein, was für mich Deutschland war: Der Geschmack der Milka-Schokolade und der Haribo-Gummibärchen, die auf der Zunge zergehen, einer nach dem anderen, langsam und sparsam. Es ist schwierig, meinen Kindern heute die Freude zu erklären, die das Schmelzen eines riesengroßen Schokowürfels am Gaumen verursachte. Wir sind in einem Land aufgewachsen, das zwar nicht so war, wie sich der Westen den Kommunismus vorstellte, aber trotzdem bestand unsere Schokolade nur aus Zuckertafeln, die bei Generationen von Kindern panische Angst vor dem Zahnarzt ausgelöst hatten. Die deutsche Schokolade war für uns ein Privileg und eine unerhörte Freude. Sie war ein Statussymbol – wenn meine Tante zu Besuch kam, war ich die Wichtigste in meiner Truppe, weil ich hatte, was niemand sonst besaß. Das war mein erstes Deutschland – das Land von Willy Wonka.

1994 verließ ich das belagerte Sarajevo. Fünf Tage nach dem Massaker auf dem Markale-Markt, bei dem 63 meiner Mitbürger getötet und über hundert verletzt worden sind. Ich flog nach Deutschland mit einem Flugzeug der UNPROFOR, der UN-Friedenstruppen in Bosnien und Herzegowina. Nur privilegierte Journalisten – wie ich eine war – durften damit fliegen, Inhaber einer UN-Presseakkreditierung. Zweieinhalb Monate verbrachte ich bei der Familie meiner besten Freundin, der Tochter von Gastarbeitern in Deutschland. Ich musste erkennen, dass der Krieg nicht das Schrecklichste ist, was einem im Leben zustoßen kann. Dir kann auch Deutschland zustoßen. Zweieinhalb Monate hatte ich keine Ahnung, ob die Menschen, die ich verlassen hatte, noch am Leben sind. Ich war aufgebrochen, mit nur einem Pullover, den mir meine Nachbarin gegeben hatte, und in Schuhen, die die Tochter einer anderen Nachbarin „nur ein bisschen“ getragen hatte, bevor sie nach Amerika geflohen war. Zweieinhalb Monate weinte ich jedes Mal, wenn ich etwas aß, denn ich wusste, dass meine Freunde und Verwandten nichts zu essen hatten. Zweieinhalb Monate lief ich ziellos durch die Stadt und warf mich auf den Boden, wenn eine Autotür heftig zuflog – die instinktive Reaktion einer Person, die viele Granaten hat fallen hören. Ich habe wie besessen Nachrichten geschaut, wie besessen Zeitungen gelesen – ohne ein Wort zu verstehen. Ich habe Deutschland so sehr gehasst, dass ich kein einziges Wort gelernt habe. Kein einziges. Ich wollte nicht einmal Englisch reden. Beim Einkaufen zeigte ich wie eine Taubstumme mit meinem Finger auf das, was ich haben wollte. Und schüttelte den Kopf bei jedem Kommunikationsversuch. Deutschland schmeckte nicht mehr nach Schokolade, sondern hatte einen Geschmack der Trennung, Einsamkeit, Verzweiflung. 
Nach Hause nach Bosnien kam ich mit einem deutschen UN-Flugzeug. An meinem achtzehnten Geburtstag. Noch heute sagt meine Mutter, dass sie mich zweimal geboren hätte. Einmal wirklich und einmal an dem Tag, als ich, im gleichen Pullover und in den gleichen Schuhen, wie verrückt ihren Namen unter dem Fenster rief, denn ich konnte nicht erwarten, in die Wohnung hochzugehen und zu erfahren, ob alle noch am Leben sind.
Als ich meiner Mutter sagte, dass ich Schauspielerin werden will, strickte sie gerade Hausschuhe aus Wolle. Meine Mutter gewann diese Wolle, indem sie einen Pullover aufribbelte, und diesen Pullover wiederum hatte sie gestrickt, indem sie eine Decke aufribbelte. Stricken war das Kriegs-Hobby meiner Mutter. Alles, was zum Aufribbeln taugte, wurde aufgeribbelt und drei- oder viermal  in etwas anderes verwandelt. Ich nannte sie Penelope, worauf sie mit den Augen rollte und sagte, dass von dem Ort, an den ihr Odysseus gegangen sei, keiner zurück kehren könne.
Als sie die Nachricht hörte, dass ich an der Akademie für Darstellende Kunst aufgenommen worden bin, stoppten ihre Stricknadeln, und ohne aufzusehen, sagte sie zu mir: „Du wirst nie heiraten und niemals Kinder haben.“ 
Mein Beruf als Schauspielerin brachte mich zum zweiten Mal nach Deutschland. Auf die Ankunft freute ich mich überhaupt nicht. Vielmehr ging ich wie zur Exekution. Was perfekt zu den einzigen deutschen Worten passte, die ich kannte. Diese Worte hatte ich in den Partisanen-Filmen noch als Kind im ehemaligen Jugoslawien gelernt: „Raus!“ und „Halt!“. Nach zwanzig Jahren also kam ich wieder nach Deutschland. In ein Land, in dem ich zum Rauchen ins Freie gehen muss, mit einem verwirrenden U- und S-Bahn-Labyrinth. In ein Land, in dem Sonntags alles geschlossen ist und ich jeden Preis verdoppeln muss, um Euro in eine mir bekannte Währung umzuwandeln, sodass mir alles unglaublich teuer vorkommt. Auf meiner Zunge spüre ich – erstaunlicher Weise – den Geschmack der Neugier. Die ganze Zeit höre ich die deutsche Sprache, und auf dem Weg zu meinem Münchner Zuhause scheint es mir, dass ich nur meinen Mund öffnen muss um zu beginnen, Deutsch zu sprechen. In meinem Kopf klingelt: „genau, genau, genau, genau“, wie die riesigen Glocken der Kirche, neben der ich wohne. In den Geschäften, in den Straßenbahnen, auf der Straße höre ich allzu oft eine der Sprachen meines Landes und ich muss mich zusammenreißen, mich nicht jedes Mal nach den bekannten Worten umzudrehen. Stattdessen versuche ich, mich anzupassen, ich achte darauf, dass ich auf keinen Fall die Straße bei Rot überquere oder auf dem Fahrradweg laufe. Ich versuche, nichts zu tun, was verraten würde, dass ich nicht von hier bin, dass ich eine Ausländerin bin. Nicht, weil ich Angst vor etwas hätte, sondern weil es mir Spaß macht. Auf meiner Zunge lasse ich langsam die Neugier zergehen, und sie hat plötzlich wieder den vergessenen Geschmack der Milka-Schokolade.

"Die Inszenierung vereint auf meiner Zunge den Geschmack der geschmolzenen Schokolade, der prickelnden Aufregung, der Neugier, aber auch der Entfremdung, Einsamkeit, Vergeblichkeit" © Thomas Dashuber"Die Inszenierung vereint auf meiner Zunge den Geschmack der geschmolzenen Schokolade, der prickelnden Aufregung, der Neugier, aber auch der Entfremdung, Einsamkeit, Vergeblichkeit" © Thomas DashuberNun bin ich zum vierten Mal in Deutschland. Oder zum fünften. Oder zum sechsten. Ich komme und gehe so oft, dass ich es nicht mehr weiß. Was zum wirklichen Problem beim Ausfüllen der Formulare bei der Botschaft oder den Ausländerbehörden wird. Ich muss meinen Pass öffnen und die Stempel zählen. Zwischen den Proben fliege ich nur kurz nach Hause, wenn ich dort am Nationaltheater Vorstellungen habe. Dann fliege ich wieder zurück zu den Proben am Residenztheater, wo ich lernte, die Schneiderei, die unendlich freundliche Frau Thomas in der Verwaltung und natürlich die Kantine zu finden. In der Kantine kann ich – weil an der Theke ein Kroate arbeitet – eine Tasse Kaffee in meiner eigenen Sprache bestellen. Obwohl ich Kaffee lieber auf Deutsch bestelle. Ich begann Deutsch zu lernen, als ich nach dem ersten Probenblock zurück nach Sarajevo kam. Ich stehe noch am Anfang und zur Zeit kann ich euch auf Deutsch nur sagen, dass ich Schauspielerin bin, verheiratet, zwei Kinder habe, die 15 und 4 Jahre alt sind (zur Freude meiner Mutter – aber das kann ich noch nicht auf Deutsch sagen), dass ich in Sarajevo lebe und am Nationaltheater arbeite. Ich kann nach einem Feuerzeug fragen, euch fragen, wie es euch geht. Ich weiß, dass ein Stuhl Maskulinum und ein Mädchen Neutrum ist, ich verwende den Akkusativ und kann nur in der Gegenwart reden. Die Vergangenheit und die Zukunft habe ich nicht gelernt. Auf meiner Zunge spüre ich das Prickeln der Brausebonbons, die mein Sohn liebt. Vielleicht ist das ein Geschmack der Aufregung.
Meine Tante ist schon lange tot – und ich bin trotzdem nicht die einzige Frau in meiner Familie. Mein Bruder hat eine Tochter bekommen. "Der Trotz", sagte meine Schwägerin. Und ich glaube ihr. Wenn ich aus Deutschland zurückkomme, bringe ich für meine Nichte und ihren älteren Bruder ein großes Nutella-Glas mit. Obwohl Nutella auch bei uns erhältlich ist, kann der Geschmack unserer, irgendwo in Polen hergestellten Nutella nicht mit dem Geschmack der deutschen, auf der Zunge schmelzenden Nutella verglichen werden. Wie damals mit dem Schokowürfel der großen Milka.
Und was hat das alles mit der Inszenierung zu tun, die  einer der – wie mir gesagt wurde –umstrittensten politischen Regisseure im heutigen Europa am Residenztheater macht?
Viel. Und wie!
Milo hat mich dazu gebracht, die Geschichten zu erzählen. Die intimen, persönlichen, verborgenen, schmerzhaften und kostbaren Geschichten. Und ich habe sie ihm erzählt. Davon überzeugt, dass ich stark genug bin, ihm jedes Detail zu erzählen. Und unendlich darüber erstaunt, dass ich so schlecht schlafe. Zunächst hatte ich die Schuld daran beim anatomischen Kissen gesucht oder dem fremden Bett. 
Milo hat die Geschichten gesucht. Und wir fünf haben ihm die Geschichten erzählt. Er ribbelte sie auf, dann strickte er sie wieder, ribbelte sie auf, strickte – wie meine Mutter ihre Kriegs-Hausschuhe. Und daraus entstand die Inszenierung. Sie vereint auf meiner Zunge den Geschmack der geschmolzenen Schokolade, der prickelnden Aufregung, der Neugier, aber auch der Entfremdung, Einsamkeit, Vergeblichkeit, und manchmal, wenn keiner zuschaut, den salzigen Geschmack der Tränen miteinander. (Das ist pathetisch, und auf der Probe würde ich Milo sagen: rausstreichen!)
Milo wollte Geschichten. Die aus dem Bauch heraus erzählt wurden. Egal, in welcher Sprache. Und wir erzählten. In allen Sprachen. 
Die zu einer Sprache wurden.
Wir redeten.
Und nun ist es schwer, damit aufzuhören.
Obwohl ich weiß, dass ich nach dieser Inszenierung lange, lange schweigen werde.
Auf Deutsch.