"Um uns herum qualmt es von allen Seiten!"

Mammutprojekt "In Agonie": drei Stücke, Requisitenberge, sechzehn Schauspieler und Statisterie, Premiere bei den Wiener Festwochen © Thomas Aurin
Mammutprojekt "In Agonie": drei Stücke, Requisitenberge, sechzehn Schauspieler und Statisterie, Premiere bei den Wiener Festwochen © Thomas Aurin

Zugegeben: Die Aussicht auf einen sechsstündigen Theaterabend löst zunächst nicht gerade unmittelbar Jubelschreie oder Freudensprünge aus, eher Schweißausbrüche, ob man es denn durchhalten könne, oder bereits erste Phantomschmerzen im Bereich des Rückens und der Gesäßmuskulatur. Nun hat Martin Kušej sich mit der Trilogie "In Agonie" von Miroslav Krleža – "Wer ist das noch gleich?" - "Einer der wichtigsten jugoslawischen Schriftsteller." - "Ah ja, klar … ne, kenn' ich nicht." – genau das zum Ziel gemacht: "In Agonie" heißt der Koloss. Und er war zu aller Anfang angsteinflößend.

Materialschlacht © Thomas AurinMaterialschlacht © Thomas AurinDrei Stücke, jedes ca. eineinhalb Stunden, Requisitenberge (Materialschlacht?), sechzehn Schauspieler und Statisterie, Premiere bei den Wiener Festwochen. Das alles kann einem schon wackelige Knie bescheren und hemmend wirken. Doch das Gegenteil war der Fall: Der Mensch fing an zu spotten über diesen Koloss, als die ersten beiden Probewochen vorübergingen und das erste der drei Stücke bereits bis zum Schluss geprobt war. Man staunte über die Geschwindigkeit, die hier an den Tag gelegt wurde und suchte den möglichen Grund dafür in Analogien zu der Zeit, in der die Stücke spielen. 1913, das Schwellenjahr, das als Wendepunkt in Kunst und Kultur gilt. Technisierung. Großstädte. Neurasthenie. Hysterie. Geschwindigkeit. Die große Gereiztheit. Nur einige der Eckpfeiler dieser Epoche.

Die große Gereiztheit war besonders für die Proben von "In Agonie" ein zentraler Begriff. Um jedoch Missverständnissen gleich vorzubeugen: Auf den Proben blieb es friedlich und Tote gab es nur, wenn die Stücktexte es verlangten. Vielmehr wurde also diese Stimmung der ständigen Anspannung, die kurz vor dem Umkippen in einen Ausbruch ist, immer wieder von den Schauspielern gefordert. Das Handeln der Figuren sollte davon bestimmt und motiviert sein. Und die Anspannung weitete sich sogar aus. Gelegentlich wurde das Resi von den Boden erschütterndem Donnern durchgeschüttelt und unwissende Mitarbeiter flüchteten sich womöglich panisch in die Türrahmen oder unter Tische. Am Ursprung dieses Lärms stand Martin Kušej, inmitten des Zuschauerraums und mit einer Anweisung in Richtung der Tonregie: "Das ist doch keine Granate! Lauter! Lauter!!!" Alle anderen hielten schützende Hände vor die Ohren oder mussten kurz etwas holen gehen.

Heute feiert das Mammutprojekt Premiere bei den Wiener Festwochen. Toitoitoi von hier aus!