Traum(a)hafte Erinnerungsräume

"Die Spieler wechseln durch Kleidung die Fronten, die Kulturen und ihre Zugehörigkeit." © Sibylle Wallum
"Die Spieler wechseln durch Kleidung die Fronten, die Kulturen und ihre Zugehörigkeit." © Sibylle Wallum

Franz Grillparzer erzählt in seinem "Goldenem Vlies" die Geschichte der archaischen Zauberin und Königstochter Medea, ihrer großen Liebe zum Argonauten Jason und deren tragisches Ende. Unser Interesse an Grillparzers "Vlies" ist nicht primär die Rache einer verlassenen Frau und der Tod zweier Königskinder. Wir wollen die Geschichte einer Frau erzählen, die, wie von Grillparzer am Anfang des dritten Teils sehr genau beschrieben, zum Ablegen ihrer eigenen Identität und Herkunft bereit ist. 

Wir haben die bei Grillparzer notieren Orte "Kolchis" (heutiges Georgien) und Korinth ("Griechenland") neutral in Begriffe wie "Heimat" und "Fremde" geändert und den Fokus auf die europäischen Kolonialgeschichte in Afrika gelegt. Der zentrale Konflikt ist für uns der Kampf um das Vlies. Der Staffelstab der Schuld, in die alle Figuren verstrickt sind, und der Fluch im Ringen um Macht, Reichtum und Unbesiegbarkeit wird von uns einerseits historisch konkretisiert und anderseits in traumhafte Erinnerungsräume aufgelöst.

Kostümentwürfe von Sibylle Wallum für "Das goldene Vlies" am Resi © Sibylle WallumKostümentwürfe von Sibylle Wallum für "Das goldene Vlies" am Resi © Sibylle Wallum

Unsere Fassung spielt auf zwei Zeitebenen: 1. die Gegenwart im Europa der Flüchtlingsströme und 2. die geschichtlichen Rückblicke der Medea, in denen sie sich in Traum(a)szenen an ihre Jugend und die erste Begegnung mit Jason zurückerinnert. Diese Traum(a)szenen sind assoziative Bildflächen mit 'collagenartige Kostümgruppen', die auf die koloniale Geschichte verweisen: auf portugiesische Seefahrer, imperialistischen Eroberer Anfang des 20. Jahrhunderts und die afrikanischen Bevölkerung.

Die Umzüge von Figur zu Figur finden offen statt. Die Spieler wechseln durch Kleidung die Fronten, die Kulturen und ihre Zugehörigkeit. So wird im Spiel auf der Bühne die Kultur und Herkunft austauschbar. Der Mensch an sich bleibt. In den Rückblicken und Traumszenen arbeiten wir mit Masken, um einerseits an den Ursprung des Theaters und der griechischen Tragödie anzuknüpfen, aber auch um die Traum(a)szenen künstlerisch zu überhöhen und somit unwirklich erscheinen zu lassen. Die einzelnen Kostümgruppen sind historisch angelehnt, aber auch von zeitgenössischer Mode und Politik inspiriert: Somit sind die Übergänge fließend und absichtlich im Entwurf verwischt.

 

Sibylle Wallum studierte Bühnen- und Kostümbild am Central Saint Martins College of Art and Design in London. Nach dem Studium assistierte sie u.a. Christopher Oram bei Kenneth Branaghs Verfilmung der „Zauberflöte“ sowie Frida Parmeggiani bei Robert Wilsons „Johannespassion“ am Théâtre du Châtelet in Paris. Von 2011 bis 2013 war sie feste Kostümassistentin am Thalia Theater Hamburg. Während und nach ihrer Kostümassistenz entstehen eigene Arbeiten Thalia Theater Hamburg, beim Kampnagel Internationales Sommerfestival, in der Laezishalle Hamburg, am Theater Augsburg, am Musiktheater Kopenhagen und dem Southwark Playhouse in London. Am Residenztheater  hat sie in der Spielzeit 2014/15 die Kostüme für Ernst Tollers „Hoppla, wir leben!“ entworfen.