Rückzugs- und Haltepunkt: die Schauspieler-Garderobe

Dieter Dorn, Regisseur und ehemaliger Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels © Christoph Mukherjee
Dieter Dorn, Regisseur und ehemaliger Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels © Christoph Mukherjee

Sie ist für den Abend der Vorstellung der einzige Rückzugs- und Haltepunkt für den Schauspieler. Es gibt die Sologarderobe oder die für zwei Schauspieler, manchmal auch die für vier. Das ist je nach der Zahl der Mitwirkenden bei jedem Stück an jedem Abend anders. Festzulegen, wer mit wem bei welchem Stück in welche Garderobe geht, ist eine Wissenschaft für sich. Das oblag am Residenztheater der Kostümdirektorin Elisabeth Rauner, die das unter Berücksichtigung der jeweiligen individuellen Eigenheiten mit viel Fingerspitzengefühl bewältigt hat. Lambert Hamel zum Beispiel hatte sich extra für seine Garderobe ein Messingschild mit seinem Namenszug anfertigen lassen. Aber er durfte es nicht annageln, denn wenn er keine Vorstellung hatte, gehörte die Garderobe einem anderen Kollegen. Also befestigte Hamel sein spezielles Türschild jedes Mal neu, wenn nicht mit einem Nagel, dann eben mit einem Magneten. Mit so einer eigentlich banalen Handlung beginnt der abendliche Ritus, der dem Schauspieler eine Art Schutzraum schafft und ihn einstimmt auf das große oder kleine Spiel, das gleich beginnen wird.

"Spielt weiter! Mein Leben für das Theater" © C.H.Beck"Spielt weiter! Mein Leben für das Theater" © C.H.BeckIn der halben Stunde vor Vorstellungsbeginn trifft man hinter der Bühne auf lauter Irre, was ja auch etwas aussagt über den Wahnsinn des Berufs, die Schizophrenie, sich in eine Figur hineinzubegeben oder in sich die Figur ausfindig zu machen, sie darzustellen, ihr Sprache zu geben, in jedem Fall sich dem Geheimnis der Verwandlung auszuliefern und sich gleichzeitig noch mit den Partnern auf der Bühne und den Zuschauern im Parkett zu konfrontieren. Sunnyi Melles konnte einen geradezu schikanieren, wenn nicht alles so war wie gewohnt. Eines Abends kam sie in die Garderobe und witterte Rauch. "Dorn soll kommen", bat sie im Befehlston. "Sunnyilein, was ist denn?", fragte ich. "Hier muss gestern jemand geraucht haben; wenn das noch einmal vorkommt, dann muss ich dir sagen, dass ich das Stück nicht mehr spielen werde", antwortete sie kategorisch. "Vielleicht war’s ein Feuerwehrmann, der sich hier hineingeschlichen hat", versuchte ich etwas flapsig, sie zu beschwichtigen. Das sei egal, ich müsse dafür sorgen, dass sich so etwas nicht wiederhole. Also hatte man zu tun und zu organisieren, um jeglichen eventuellen Rauchgeruch in der Garderobe von Sunnyi Melles auszuschließen. Und das bei einer Frau, die selbst einmal mehr als viel geraucht hatte. 

Bei meinem Rundgang vor der Vorstellung von Garderobe zu Garderobe kam ich dann auch da vorbei, wo meine alten Echsen saßen – Rolf Boysen, Thomas Holtzmann, Helmut Stange und Arnulf Schumacher. Und wenn man sich genau umschaute, entdeckte man auch die Flasche Rotwein von Rolf, die aber nicht auf seinem Tisch stand, sondern zusammen mit einem Glas ein bisschen ins Abseits geschoben war, damit sie, falls unverhofft jemand eintreten sollte, verborgen bliebe. In dieser Garderobe gab es auch ein Sofa, wo sich der eine oder andere der älteren Herren zwischen den Auftritten mal hinlegen konnte. Und manchmal erscholl über den ganzen Flur laut die Frage: "Wo ist denn der Hunstein schon wieder?" Stefan Hunstein ging nämlich, um vor dem Auftritt seine Konzentrationsübungen zu machen, in den Keller, weil er dabei nicht gesehen werden wollte. Andere machten Sprechübungen, wieder andere kamen auf die allerletzte Minute, was auch ein Ritual sein kann.

 

Auszug aus "Spielt weiter! Mein Leben für das Theater" von Dieter Dorn mit freundlicher Genehmigung des Verlages C. H. Beck.