Piscators Etagenbühne als Gesellschaftspyramide

Der Darsteller, isoliert in seinem Kämmerchen, wird sprichwörtlich zum Gefangenen des Systems © Thomas Dashuber
Der Darsteller, isoliert in seinem Kämmerchen, wird sprichwörtlich zum Gefangenen des Systems © Thomas Dashuber

"'n guter Logenplatz und die Revolution auf der Bühne, da sag' ick bloß: viva la republique!"

Das Titelblatt des Simplizissimus vom 3. Oktober 1927 zeigt zwei glatzköpfige Herren im schwarzen Frack mit Schleife und Schnauzer. In ihrer Mitte sitzt eine modern gekleidete Dame mit kurzem Haarschnitt und einer Perlenkette um den Hals. Alle drei blicken mit gerunzelter Stirn auf das Geschehen, das sich vor ihren Augen abspielt.  

Karikatur von Karl Arnold aus dem "Simplicissimus"Karikatur von Karl Arnold aus dem "Simplicissimus"Vermutlich nimmt der Karikaturist Karl Arnold in seinem Bild "Hoppla, wir leben!" das gehobene Berliner Publikum am Eröffnungsabend der neuen Bühne des politischen Theatermachers Erwin Piscator am 3. September 1927 aufs Korn. Doch damit zeigt er, was die Zusammensetzung des Premierenpublikums am Abend der Berliner Uraufführung von Ernst Tollers gleichnamigem Stück betrifft, nur die halbe Wahrheit. Nach seinen Aufzeichnungen muss Piscator selbst über die Zusammensetzung des Premierenpublikums seines Eröffnungsstücks verwundert gewesen sein. Repräsentierte es doch den Querschnitt der Gesellschaft der sogenannten "Goldenen Zwanziger Jahre", den der Autor Ernst Toller in seinem Zeitstück "Hoppla, wir leben!" beschreibt: "Die Zusammensetzung des Premieren-Publikums war wirklich merkwürdig. Der Vorwärts (vom 5. September 1927) schrieb: »Auf der einen Seite die feinen Leute, die Frack und Smoking zur Feier des Abends gewählt hatten und ihre Damen mit den schon frühzeitig ausgemotteten Winterpelzen, mit vielleicht schon bezahlten Perlenkolliers geschmückt – auf der anderen Seite kattunbekleidet, mit Wandervogelhosen und Schillerkragen die gesunden, sommerlich gebräunten Jünglinge und Mädchen!« […] Sie waren es, die den ersten Abend vom Zuschauerraum her zu einem politischen Ereignis machten."

Bühnenbildentwurf von Traugott Müller aus dem Jahr 1927Bühnenbildentwurf von Traugott Müller aus dem Jahr 1927Um den von Toller beschriebenen Querschnitt durch die Gesellschaftsschichten der Weimarer Republik auf der Bühne umzusetzen, entwickelte Piscators Bühnenbildner Traugott Müller gemeinsam mit dem Bühnenmeister Otto Richter einen Etagenbau, der alle technischen Erfindungen der Zeit vereinte: Ein acht Meter hohes, elf Meter breites Stahlgerüst, das trotz seinem Gewicht von ca. 4 Tonnen nach vorne und hinten gefahren werden konnte. Das Gerüst war durch einzelne Spielflächen geteilt, die durch Außentreppen miteinander verbunden waren. Die Bespielung dieser Etagen orientierte sich nach der gesellschaftlichen Position der Figuren. Jede einzelne Spielfläche war mit beweglichen Projektionswänden ausgestattet, die von vorne und von hinten mit Filmprojektoren bestrahlt werden konnten.

Die einzelnen Etagen der sogenannten Simultanbühne konnten einzeln beleuchtet werden, was einen beinahe "filmischen" Wechsel zwischen den Szenen ermöglichte. Einen wesentlichen Bestandteil dieses lichttransparenten Bühnenraums bildeten Filmprojektionen, die mit Hilfe von dokumentarischen Filmstreifen aus Wochenschau und eigens gedrehten Sequenzen das Geschehen auf der Bühne kommentierten. Für die Darsteller aus Piscators Ensemble bedeutete diese neuartige Bühnenkonstruktion eine echte Herausforderung. 

In ihrer Neuinszenierung von "Hoppla, wir leben!" greifen Regisseurin Anne Lenk und Bühnenbildnerin Judith Oswald auf ein in der Gesellschaft tief verankertes Symbol zurück. Ihre neue Etagenbühne hat die Form einer Pyramide. Es gab Zeiten, in denen Pyramiden noch als Verbindung zwischen Himmel und Erde angesehen und als Tempelanlagen genutzt wurden. Doch heute zeugen davon nur noch Ruinen der Grabstätten der Pharaonen. Gottkönige, die selbst die Spitze der Gesellschaftspyramide bildeten. In der modernen Architektur erfreut sich die spitze Form besonders bei der Konstruktion modernen Luxushotels großer Beliebtheit. 

In ihrem Bühnenbild im Cuvilliéstheater greift Judith Oswald den Ansatz von Piscators Etagenbühne wieder auf: Jede Gesellschaftsschicht der Weimarer Republik ist sinnbildlich einer Etage der Gesellschaftspyramide zugeordnet. Der Darsteller, isoliert in seinem Kämmerchen, wird sprichwörtlich zum Gefangenen des Systems. Gleichzeitig werden die alten Strukturen der Piscatorbühne durch moderne Versatzstücke erweitert. Die gesamte Pyramide ist mit Spiegelglas verkleidet. Hinter diesem Spionageglas, das auch Gebäude wie das NSA Hauptquartier in Fort Meade ziert, wird der ebenfalls gläserne Bürger wie in einer Isolierzelle genauestens beobachtet. Wie ein gläserner Dorn ragt die Pyramide in den Zuschauerraum des Cuvilliéstheater hinein und spiegelt das Alte im Neuen wieder.