Neu-Land

Ein undefiniertes Niemands-Land: die Bühne von "The Land" mit Blick auf den Zuschauerraum des Cuvilliéstheaters. © Ingo Sawilla
Ein undefiniertes Niemands-Land: die Bühne von "The Land" mit Blick auf den Zuschauerraum des Cuvilliéstheaters. © Ingo Sawilla

Liebevoll blickt er sie an. Sie fühlt sich geschmeichelt. Dreht ihren Oberkörper hin und her. Beide stehen noch weit auseinander, doch ihr Interesse aneinander lässt ihn näher kommen. Behutsam, Stück für Stück. Der Blick wird lüsterner. Schnell zu ihr. Die bleischwere Axt in seiner Hand hindert ihn noch daran, loszulaufen. Als Verlängerung seines Arms schleift sie über den Boden. Plötzlich versteht sie. Schrecksekunde. Er nutzt die Verwirrung und holt zum ersten Schlag aus. Verfehlt sie um ein Haar. Sie läuft los. Stürzt. Schreit. Der nächste Hieb. Krachend schlägt das Beil neben ihrem Körper auf. Todesangst. Er jagt sie wie im Wahn quer über die Bühne. Eine Regieanweisung unterbricht die eskalierte Szene.

Gabriela Carrizo bei den Proben im Cuvilliéstheater © Andreas PohlmannGabriela Carrizo bei den Proben im Cuvilliéstheater © Andreas PohlmannEs ist die sanfte Stimme der Gabriela Carrizo, die uns zurück in die Realität holt. Unter ihrer Regie entsteht gerade im Cuvilliéstheater die Inszenierung "The Land". Am 8. Mai ist dort Uraufführung. Bis dahin ist noch viel zu tun, denn das Stück ist nicht fertig. Es entsteht in einzelnen kleinen Szenen, in denen die Schauspieler improvisieren dürfen. Wie eine Collage setzt Carrizo sie dann zu einem fertigen Bild zusammen.

Das Land breitet sich dem Zuschauer auf der Bühne als kunstrasenbewachsene Hügellandschaft aus. Zwischen Bonsai-Bäumchen stehen vereinzelt Miniaturhäuschen. Eine Modelleisenbahn-Idylle möchte man meinen. Ein undefiniertes Niemands-Land. Kontur bekommt es erst durch die Menschen, die in ihm agieren, handeln. Ihre Gefühle ausdrücken. Zwei Frauen knien nebeneinander auf dem Rasen und rupfen permanent das Gras. Die Handlung wiederholt sich. Es mutet an wie zwei wiederkäuende Kühe. Im nächsten Moment schmiegen sie sich an. Die eine küsst die andere zärtlich auf den Po.

"Dieses  Gemälde mit den in der Miniaturlandschaft hockenden Frauen vom belgischen Künstler Michael Borremans stand ganz am Anfang unserer über eineinhalb Jahre dauernden Workshoparbeit", erinnert sich Paul Wolff-Plottegg. Der eben noch kaltblütig die Frau jagende Schauspieler ist Ensemblemitglied am Residenztheater. Außer der Landschaft war nichts vorgegeben. "Als ich mir von einem Tisch voller Requisiten eine aussuchen durfte habe ich spontan die Axt gegriffen und daraus meine Rolle abgeleitet. Wir kreieren hier. Improvisieren. Und werden so zu Co-Autoren des Stücks." Keiner weiß, was daraus wird.

Jemand kommt mit Latzhose, rotem T-Shirt und einem Melkeimer - bäuerlich anmutend - auf die Bühne. Er gerät ins Schwärmen ob der zwei Frauen, die da den Boden beackern. Er mag Kühe und es wäre doch schön, wenn er in eine hineinbeißen, Fleisch herausreißen könne. Er habe schließlich Hunger. Es sind diese dem Menschen ureigenen Gefühle und Bedürfnisse, um die es Gabriela Carrizo geht. Die Regisseurin, Mitte vierzig, ist Kopf der Tanzcompany Peeping Tom, die sie zusammen mit Franck Chartier vor 15 Jahren gründete. Grundgefühle wie Angst spielen bei ihr eine wichtige Rolle. Und wie diese Ängste sich in Körperlichkeit ausdrücken können. Bei jedem anders. Erst wenn die Schauspieler sich auf diese Persönlichkeit des Spielens einlassen, öffnet sich eine Tür in eine andere Welt. Unsicher betreten sie gemeinsam Neuland. Zum ersten Mal arbeitet Carrizo dabei mit dem für sie fremden Ensemble eines Staatstheaters und nicht mit ihrer festen Crew.

"Ich zeige Dir den Weg. Gehe an der Felswand weiter nach unten. Du kommst an ein Haus, dort gehst du nach links…" Was sich nach einer simplen Wegbeschreibung anhört kippt ganz bald darauf. Die Wegweisende mutiert beim Sprechen immer mehr zum Monster. Ihre Stimme verstellt sich, wird surreal, nicht mehr verständlich. Ihr Körper verkrampft. Fängt an zu sabbern. Sie versucht sich zu beherrschen. Sie muss doch den Weg erklären. Es gelingt ihr nicht. Sie steht zwischen zwei Welten. Eben noch aus der realen kommend ist sie jetzt in der Unwirklichkeit gefangen. Sie ist Borderliner.

Carrizo lässt den Zuschauer erahnen, wie schnell die Grenze verschwimmt. Das anhand der Körperlichkeit zu zeigen ist ihr Anliegen. Ohne viel Worte. Ohne definierten Ausgang. Da kann es auch mal sein, dass sich Angst zum Gegenteil kehrt. Sich auflöst. Und dennoch allgegenwärtig bleibt, angedeutet durch das ewige Zirpen der Grillen, die Sound-Landschaft. Gefühl in mehreren Dimensionen. Sicherheit geht dabei verloren. Das bekommen die Akteure deutlich zu spüren. Sie müssen sich auf Neues einstellen. Sich ganz und gar einbringen. Dinge von sich preisgeben. Sie können sich nicht hinter dem Textbuch verstecken. Sie sind dem ausgeliefert, was sie selber sind und geschaffen haben. Ein bisschen Frankenstein. Carrizo beschreibt es als Transformation von innen nach außen, Paul Wolff-Plottegg als: "Körpersprache lügt nie." 

An die Stelle wo vielleicht Worte versagen setzt Carrizo den Ausdruck über den Körper. Es braucht dann keine Übersetzung mehr und die Interpretation wird jedem selbst überlassen.  Auch auf die Gefahr hin, dass das Publikum nicht alles versteht. "Der Mensch und auch seine Wahrnehmung der Welt sind zerstückelt und es gibt mehrere Möglichkeiten, das Puzzle seiner Existenz zusammenzusetzen." fasst sie zusammen.

Genau das ist es, was bis zur Premiere im Mai noch passieren muss. Aus den schier unendlich kleinen Szenenschnipseln, die das Ensemble erarbeitet hat, wird nach und nach das Bühnenstück "The Land" zusammengebaut. Es ist wie im Schneideraum eines Filmstudios: Nach den Dreharbeiten ist der Film noch lange nicht fertig. Der Cutter nimmt sich aus den Bruchstücken das Beste heraus und beginnt damit eine Geschichte zu erzählen. Dieses Neuland sieht der Zuschauer zum ersten Mal bei der Premiere am 8. Mai.

 

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