Mit "Mozart" auf der Probe

Mittendrin: Komponist Detlev Glanert (Mitte) mit Dirigent Heinz Friedl und Schauspieler Paul Wolff-Plottegg auf der Probebühne © Oliver Proske
Mittendrin: Komponist Detlev Glanert (Mitte) mit Dirigent Heinz Friedl und Schauspieler Paul Wolff-Plottegg auf der Probebühne © Oliver Proske

Vor zwei Jahren durfte ich bei unseren Kollegen am Gärtnerplatztheater als Übertitelinspizient bei der Oper "Joseph Süß" mitarbeiten. Ich war von der Partitur sofort fasziniert und bildete mir recht rasch die Meinung, dass der Komponist Detlev Glanert einer der wenigen lebenden Tonsetzter ist, die ein tiefes Gespür dafür haben, was es heißt, für das Musiktheater zu schreiben. Die Musik in "Joseph Süß" dient, so empfinde ich es, immer dem Ganzen, der Schilderung dessen, was die Figuren auf der Bühne umtreibt, wird dabei aber nie platt oder nur eine Art "Underscore". Sie überfordert ihre Hörer nicht, sondern fordert sie, lässt nie die Rezipierbarkeit ganz aus den Augen und verleugnet dabei doch auch nicht ihre eigene Originalität. Dass es diesen Herrn Glanert gibt, so überlegte ich mir damals, ist ein Glücksfall für das  Musiktheater.

Eine Komposition entsteht: Heinz Friedl und Detlev Glanert © Oliver ProskeEine Komposition entsteht: Heinz Friedl und Detlev Glanert © Oliver ProskeZwei Jahre später, Februar 2014: Da sitzt nun also genau dieser Detlev Glanert keine drei Meter entfernt von mir auf der Probebühne des Residenztheaters an einem Tisch in der Ecke, ganz still, und schreibt Noten. Kontinuierlich, manchmal längere Zeit darüber nachgrübelnd, aber ohne Pausen einzulegen. Wenn er fertig ist, gibt er mir die handschriftlichen Aufzeichnungen zum kopieren oder bringt sie zum Klavier, wo Julio, der Korrepetitor, sie sofort in Klang umsetzt. Jeden Tag kommt neues Notenmaterial hinzu und manchmal, wenn ich es an Julio weitergebe, scherzt der, man müsse diesem Mozart da hinten am Tisch in der Ecke die Hände zusammenbinden, damit er nicht soviel schreibe, was er, Julio, dann vom Blatt spielen müsse! Ja "dieser Mozart"… das ist vermutlich für keinen Komponisten ein Vergleich, den er gerne hört: Wer will sich schon mit dieser Ausnahmeerscheinung, dem wohl erstaunlichsten musikalischen Genie, das die Menschheit bisher erlebt hat, verglichen wissen?! Aber tatsächlich habe auch ich sofort an Mozart gedacht, als ich Detlev zum ersten Mal da hinten an seinem Tisch Noten schreiben sah: ganz ohne Klavier, um das Komponierte zu überprüfen. Auch von Wolfgang Amadeus Mozart sagt man ja, er habe vollkommen ohne musikalische Hilfsmittel komponieren können, nur mit Notenpapier und Stift, weil er die Musik in seinem Kopf bis in einzelne Stimmen aufgegliedert gehört habe. Spräche man Detlev Glanert darauf an, würde er das in seiner bescheidenen Art freilich alles herunterspielen und sagen, er könne nur die ganz einfachen Sachen so live auf der Probe und ohne Hilfsmittel schreiben. Und trotzdem hatte ich vorher nicht für möglich gehalten, was ich in den zurückliegenden Wochen erlebt habe. Oder besser gesagt: Die Geschichten beispielsweise von Rossini, der in einem Kämmerchen des Palazzo Barbaja eingeschlossen wurde, damit er endlich die Ouvertüre zum "Otello" beende, oder andere Begebenheiten aus der Entstehungszeit heute kanonisierter Opern, waren für mich immer mehr oder weniger legendäre und weit zurückliegende Anekdoten aus dem "Neuen Handbuch der Musikwissenschaft". Nicht dass wir Detlev irgendwo hätten einschließen müssen, damit er "Die Befristeten" beendet (glücklicherweise war die Probendisposition großzügig, O-Ton Detlev: "Rossini hatte weniger Zeit"…), und doch ist das Projekt durch die Gleichzeitigkeit des Entstehungsprozesses von Musik und Szene ein heutzutage ungewöhnliches und faszinierendes Experiment.

Und so komme ich mir nun ein bisschen vor, als wäre ich direkt in eines jener Jahrhunderte gebeamt worden, in denen es noch ganz selbstverständlich war, dass Opern erst geschrieben werden mussten, wenn man welche aufführen wollte … Oder weniger flapsig gesagt: Seit Anfang des 20. Jahrhunderts ist die Produktion neuer Werke des Musiktheaters immer mehr zum Erliegen gekommen und es hat sich nach und nach ein recht beschränktes Repertoire kanonischer Werke herausgebildet, die auf den Opernbühnen dieser Welt immer wieder neu interpretiert und heute nur noch selten einmal mit Uraufführungen neuer Werke durchmischt werden. Und wenn doch, so verschwinden diese Werke meist schon bald wieder in der sprichwörtlichen Versenkung. Nur die allerwenigsten schaffen es ins Repertoire. Eine mehr als rühmliche Ausnahme bildet hier übrigens tatsächlich die oben erwähnte Oper "Joseph Süß" von Detlev Glanert, die seit ihrer Uraufführung vor bald 20 Jahren immer wieder an Opernhäusern aller Größen nachgespielt wird und mittlerweile ein Klassiker des zeitgenössischen Musiktheaters geworden ist – eine Tatsache, die mich angesichts meiner oben geschilderten Eindrücke von diesem Werk ganz und gar nicht überrascht.

Gegen Ende der Probenzeit gehörte es dann zu meinen Aufgaben, die handschriftlichen Noten einzuscannen und zum Notensetzer zu schicken, denn wir brauchten möglichst bald das gedruckte Orchestermaterial, die Endproben standen vor der Tür … Danach sind nur noch wenige Änderungen wirklich leicht umzusetzen.  Natürlich lassen diese sich aber nicht vermeiden und so kommt es nun auch vor, dass die Musiker sich handschriftliche Aufzeichnungen des Komponisten in ihr Stimmenmaterial einkleben müssen. Die scheinbar weit entfernte ungewöhnliche Probensituation aus den Musikgeschichtsbüchern wird wieder einmal ganz real … Der Vorteil einer solchen Arbeitsweise liegt für Detlev Glanert aber auf der Hand. Es sei, so sagt er, eigentlich der "Idealfall für jeden Komponisten, seine Leute und die Situation zu kennen", in der ein Musiktheater-Werk zur Aufführung kommt. Was daraus freilich auch folgt, ist für den Komponisten selbst eine neue Erfahrung, die er mit einem etwas erschöpften Lächeln beim Namen nennt: "Ich habe noch nie in meinem Leben in so kurzer Zeit so viel Musik geschrieben."

Abschließend will ich noch von einer Probenbegebenheit berichten, die mir stark im Gedächntis geblieben ist, weil sie das Potenzial hätte, vielleicht selbst einmal eine jener Anekdoten zu werden, die für spätere Generationen wieder ganz fern erscheinen mag: Bei einer Nachmittagsprobe, auf der gerade eine neue Szene zum ersten Mal geprobt und festgestellt wurde, dass die dafür vorgesehene Musik nicht passt, setzt sich Detlev mit neuem, schnell handschriftlich notiertem Material neben den Korrepetitor. Er lässt sich die neue Musik vorspielen, die das Thema der Szene in ironischer Weise aufnimmt und die Oberflächlichkeit des dort verhandelten Dialogs kommentiert, und bricht dabei immer wieder über seine eigene Komposition in lautes Prusten aus. In diesem Moment wird spürbar, was dieses Projekt so einzigartig macht: Ein Mensch erschafft für und zusammen mit der Theaterbühne dieses Wunder des „organisierten Klangs“, das wir Musik nennen – und man kann ihm dabei zusehen, wie er es selbst immer wieder kaum glauben kann. Und so wird mir nun nach all den erstaunlichen Wochen auf den Proben zu „Die Befristeten“ auch klar, wie hoffnungsvoll doch dieser Satz von Detlev zu verstehen ist, den er einmal bei einem Abendessen zu mir sagte:  "Die Oper (respektive das Musiktheater, Anm. d. Verf.) ist eine Utopie und hat heute genauso viel Zukunft wie vor 400 Jahren, nämlich gar keine – oder alle."

 

"Die Befristeten" ist eine Produktion des Residenztheaters in Koproduktion mit der Münchener Biennale in Kooperation mit Nico and the Navigators. Uraufführung ist am 19. Mai 2014 im Rahmen der Münchener Biennale.