Herzenssache

"Viel mehr als die Summe der Teile": das intergroup-Ensemble bei den Proben © Victoria Schmidt
"Viel mehr als die Summe der Teile": das intergroup-Ensemble bei den Proben © Victoria Schmidt

Einige Tage vor der Premiere des aktuellen Stücks des JUNGEN RESIS "Die Klasse" verbringen wir Darsteller und das Team mehr Zeit auf der Marstallbühne als anderswo. Dem Ablauf wird der letzte Feinschliff verpasst, die Ernsthaftigkeit und Vorfreude steigen. Ein kurzer Moment, um zurückzublicken: Wie sind wir da hin gekommen, wo wir jetzt stehen?

Es handelt sich bei diesem Stück um eine Produktion mit starkem Projektcharakter. Die Regisseurin Anja Sczilinski inszeniert in der Spielzeit 14/15 nicht nur die fertige Textvorlage von "Die Klasse". Vielmehr wird uns als intergroup über den gesamten Zeitraum von November bis April immer wieder die Möglichkeit gegeben, eigene Ideen, Erfahrungen, Szenen und Figuren zu erarbeiten, vorzuschlagen und zu entwickeln. Im Text finden sich zahlreiche Sätze, die wir automatisch mit der Entstehung bei Workshops, Assoziationsketten und Improvisationen verbinden. Die ständige Reflexion weckt in uns Erinnerungen, die sonst wahrscheinlich in der Versenkung verschwunden wären.

Als Vorlage dient der Roman "Die Klasse" von Francois Bégaudeau. Der schulische Kontext, in dem sich die Geschichte erzählt, diktiert die Themen und Aufgaben, mit denen wir uns auseinandersetzen.

Die bunte Gruppe bringt den Vorteil mit, dass die Erinnerungen an die Schulzeit und alle Hürden und Chancen wie auch der einfache Schulalltag sehr frisch sind. Bei den einen reicht es, an den Vormittag des jeweiligen Tages zu denken, bei den anderen ist das Abschlusszeugnis praktisch noch druckfrisch.

Die Intergroup steht im Lexikon unter dem Begriff "Diversität": Herkunftsländer, kulturelle Vielfalt, Alter und Erfahrungsschatz variieren innerhalb unserer "Klasse" sehr. Schauspielschüler spielen gemeinsam mit denen, die es noch werden wollen, einige davon Theaterwissenschaftler. Gleichzeitig stehen viele Jugendliche auf der Bühne, für die Theater und schauspielerische Arbeitsprozesse Neuland sind. Untereinander tauschen wir uns rege über unsere jeweiligen Hintergründe mit allen Besonderheiten, Sprachen und Traditionen aus. Dies hilft uns nicht nur, ein stimmiges Bild auf der Bühne abzugeben, sondern auch enorm, uns persönlich weiterzuentwickeln. Die Zeit beim JUNGEN RESI schenkt uns Selbstbewusstsein, neue Freunde, Einsichten, die uns sonst verwehrt bleiben würden. Das Residenztheater dürfen wir in seiner Gesamtheit kennenlernen. Wir besuchen Aufführungen und gehen zusammen ins Kino, nutzen Probebühnen und genießen erstklassige Betreuung auf künstlerischer und auch persönlicher Ebene. 

Die Atmosphäre ist vom ersten Moment an bei den Castingrunden bis hin zur letzten Generalprobe stets offen, es gab nicht eine Sekunde Anlass dazu, sich nicht komplett auszuprobieren. An der Neugierde und Motivation merkt man, wie sehr es für uns alle schnell zur Herzenssache wurde. Jedes mal, selbst wenn man etwas wiederholt macht, entdeckt man für sich eine Variante, wie man freier und spielerischer mit dem Erlernten umgehen kann.  Und am Ende sind wir alle um viele gleichgesinnte Freunde reicher. 

Fast nebenbei erfuhren wir von Sitten und Umgangsformen am Theater, oder wie aus gedrucktem Text nach und nach eine Szene erwächst. Man bekommt, wenn man genau hinsieht, mit, wie unglaublich viel Aufwand betrieben wird, damit unser Stück läuft und gefällt, damit es uns wohl ergeht und damit die Traumfabrik Residenztheater funktioniert. Und am Ende ist es viel viel mehr als die Summe der Teile, denn auch das Zwischenmenschliche und die eigene Sensibilität werden gepflegt. So sehr, dass sich brave Mädchen erlauben, unseren "Lehrer" Anton Algrang gnadenlos zu ärgern, unter der Bedingung, zurückgeärgert zu werden. Die Profis, die mit uns arbeiten, sind für uns Mentoren. Tipps für alle Lebenslagen und für die Leistung auf die Bühne saugen wir auf wie Schwämme, jedenfalls im besten Fall. (Das Können von F. Ott und A. Algrang löst in uns Bewunderung aus. ) Aus anfänglichem Überschwang und Dankbarkeit sowie Zurückhaltung entwickelt sich nach einigen Monaten eben eine eingespielte Truppe, die manchmal einer echten Klasse erschreckend ähnelt. Eine Klasse, die sich auch ohne Kostüm eingespielt hat. Hauselfen und sämtliche gute Seelen einbegriffen. Andauernd zitieren wir in privaten Gesprächen die Fassung und spielen mit der Spannung zwischen Rolle und Person. 

Die letzten Verabredungen sind also getroffen, die Spannung steigt und es beginnt ein neuer, nicht minder spannender Abschnitt von "Die Klasse".