Freiheit, Mitmenschlichkeit, Offenheit, Solidarität

Banner an der Fassade des Residenztheaters am 22. Dezember 2016 © Ingo Sawilla
Banner an der Fassade des Residenztheaters am 22. Dezember 2016 © Ingo Sawilla

Im Namen des Residenztheaters grüße ich alle, die sich heute vor seinen Türen versammelt haben, um den selbsternannten Rettern des Abendlandes ein deutliches und positives Signal entgegenzusetzen: auf Eure Art wollen wir nicht gerettet werden. 

Wir tun das heute nicht leichten Herzens, aber in dem Gefühl, dass die Erfahrung von Solidarität und Miteinander in diesen Tagen besonders wichtig ist.

Die Theaterliteratur aus zweieinhalb Jahrtausenden lehrt, dass Freundlichkeit, Großzügigkeit, Solidarität und Herzenswärme nicht Regungen und Gefühle sind, die man sich leistet, wenn das Wetter gut, die Lage sicher und alle Einkäufe getätigt sind. 

Vielmehr handelt es sich um Forderungen der Menschlichkeit und das heißt auch: um Forderungen an die Menschlichkeit eines jeden. Diese Forderungen stellen sich immer  besonders in den Momenten, wo die Situation unübersichtlich, der Gegner übermächtig und der Bedürftige vor der Tür unbekannt erscheint. 

In diesen Tagen befinden wir uns zum wiederholten Male in einer Situation, in der die Forderungen der Menschlichkeit besonders schwer auszuhalten sind. Wir alle, die wir hier leben, sind mit unmenschlichen, barbarischen Akten konfrontiert, und ringen um eine angemessene Haltung. 

Vielleicht lässt sich in dieser Situation aus den alten Texten und Stücken wie aus ihren Nachfolgern bis heute eines ablesen: dass den Preis der Unmenschlichkeit nicht nur „der Andere“ zahlt, nicht nur das Opfer. Den Preis der Unmenschlichkeit zahlt auch der Unmensch selbst. Die Angst, die Scham, der Ekel, die selbstzerfleischende Paranoia – Unmenschen leben schlecht!

Man wird einwenden, das sei Literatur, damit ließe sich keine Politik machen, so löse man keine Probleme. Das ist auch ganz sicher richtig - diese Texte sind wirklich nicht geschrieben, um zu erklären, wie man menschenwürdige Unterkünfte gestaltet, ausreichende Bildungsangebote organisiert, Geflüchteten eine dauerhafte Perspektive bietet, oder ein gewisses Maß an Sicherheit für alle schafft, die hier leben. Aber wenn das richtig ist, dann muss andersherum auch gelten, dass Gefühle von Angst, Abwehr, Feindseligkeit und Hass ebenfalls keine Maßstäbe von Politik sein können. Aus diesem Gefühls-Arsenal bezieht die Menschenverachtung gleich welcher Richtung ihre Waffen. So unvergleichlich die jeweiligen Situationen natürlich sind: Die Verheerungen, die die Menschenverachtung zur Folge hat, erfahren Menschen in den Kriegen, aus denen sie fliehen, an geschlossenen Grenzen, auf offenem Meer, in den Laderäumen von LKWs und am Breitscheidplatz gleichermaßen. 

Walter Benjamin hat gesagt: "auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein". Wenn wir der Menschenverachtung diesen Sieg nicht gönnen, und wirklich ohne Angst leben wollen, werden wir auch die Toten vor falscher Inanspruchnahme schützen müssen. Es ist also ein Gebot der Achtung vor den Opfern, aber nicht zuletzt auch ein Gebot der Selbstachtung, dass das Residenztheater und seine Mitarbeiter hier, heute und jeden Abend auf der Bühne für Freiheit, Menschlichkeit, Offenheit und Solidarität eintreten.

Vielen Dank!

 

 

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