FACE FAUST

"Die Gewalt kommt aus dem Text, er ist vielmehr von der Wirklichkeit weitergeschrieben worden, von einer Wirklichkeit der Walpurgisnächte." © Matthias Horn
"Die Gewalt kommt aus dem Text, er ist vielmehr von der Wirklichkeit weitergeschrieben worden, von einer Wirklichkeit der Walpurgisnächte." © Matthias Horn

Warum "Faust"? Von Anfang an ist "Faust" ein Kampf, ein Schattenboxen beim Lesen, ein Schlag ins Gesicht beim Verstehen und am Ende der Arbeit am und mit dem Text ein präkordialer Faustschlag aufs Herz. Ein Text, den wir tot geglaubt hatten, ist plötzlich lebendiger denn je, unmittelbar, direkt, störend und verstörend, lässt uns verwundet und verwundert zurück, aber auch befreit, denn er ist so widersprüchlich und ohnmächtig mächtig wie die Wirklichkeit, die uns umgibt. Und die wir kaum aushalten können, aber der wir uns stellen müssen, mit offenen und leeren Händen ebenso wie mit geballten Fäusten.

Zuerst dachte ich, Goethe sei einfach kein Dramatiker, kommt nicht an Schiller heran, er schrieb nur Lesedramen. Goethe findet im Kopf statt, Schiller auf der Bühne. Und dann auch noch die Reime und dass er sich auf alles und jeden seinen Reim macht, Gretchenfragen und Teufelsklagen, aus den Augen aus dem Sinn, wo will man damit heute hin? Die Antworten kamen aus "Faust II", dem hidden Text und Dark Room des ersten Teils, das zu Goethes Lebzeiten versperrte, eigentliche Stück, das Sinn und Sinne aufsperrte und ein Schlüssel ist zur Aktualität und Vergegenwärtigung Fausts. Natürlich ist "Faust II" für sich unspielbar, Goethe 2.0, Dark Web. Gibt man "Goethe Faust" bei Google ein erhält man über 3 Mio. Einträge. Mindestens so viele Anspielungen sind auch in dem Stück. Wenn man sich aber nicht abschrecken lässt, und Zeile für Zeile liest und jede Zeile für sich, Zeile für Zeile isoliert von allen Arabesken drumherum, wenn man einfach Vers für Vers darauf befragt, was er einem zu sagen hat, und wenn man dann nochmals liest, was man unterstrichen oder sich abgeschrieben hat, dann steht man fast unter Schock, wie zeitgenössisch, provokant, fast prophetisch dieser Text ist, der, weil alles er umfasst, auch fast alles fassen kann. Alles, was man in der Inszenierung von Martin Kušej sieht, kommt aus dem Text und ist nicht auf den Text projiziert, es wird ihm keine Gewalt angetan, die Gewalt kommt aus ihm, er ist vielmehr von der Wirklichkeit weitergeschrieben worden, von einer Wirklichkeit der Walpurgisnächte. Nur sind es keine Hexen mehr, sondern wir, die wir nicht verhext sind, aber schuldig, mitschuldig an dem, was um uns herum geschieht. Weil wir wegsehen, weil wir übersehen, weil wir blind und blind gehorsam unseren Vorurteilen sind. Wo ist denn ein Augenblick, der verweilen soll? Wovon haben wir denn genug? Von der Liebe? Oder nur von der Gewalt, und kriegen doch nicht genug von ihr und nicht genug von allem wie Faust, der, je mehr er haben will, desto weniger hat. Wir sind Faust. Wenn wir nicht schon am Boden liegen, niedergeschlagen von unserer Bequemlichkeit.

Martin Kušejs Inszenierung hat den "Faust II" in "Faust I" geschnitten, er ist der Echoraum, der Resonanzraum unserer Ängste, Schrecken, Sehnsüchte, Triebe, Phantasie, das Unbewusste und das Verdrängte, das aber immer da ist. "Faust II" ist immer da, er ist nicht wegzudenken, er ist unser Schatten. Und deshalb ist er kein Teil, der danach kommt, sondern immer schon – wie Mephisto – ein Teil des Ganzen war. So wie wir nicht nur das sind, was wir von uns glauben.

Was ist das für ein Faust? Faust steht vor einem Spiegel, sich selbst in der Jugend spiegelnd. Faust hat alles, hat alles erlebt, alles gegeben, alles gespürt. Er hat alles verloren, indem er alles gewonnen hat. Und alles gewonnen, indem er alles verloren hat. Aber er will sein Spiegelbild, will sich ins Unendliche spiegeln, sich verjüngen, jung sein, Midlife Crisis. Eben das sein und werden, was er nicht mehr ist. Er will unschuldig schuldig sein und schuldig unschuldig werden. Was hilft die Unsterblichkeit als Greis? Er muss die Zeit zurückdrehen: reject, rewind. Immer wieder jung sein, das ist Ewigkeit. Alle Erfahrung vergessen, die Freiheit finden, jeden Fehler neu zu machen. Die Leichen im Keller, unter den Fußböden, in den Betonpfeilern, unter dem Asphalt neu ausgraben und erneut unter die Erde bringen. Better to burn than to fade away. Aber warum jung werden? Vielleicht ganz im Herzen, im Hinterkopf die Sehnsucht, die Wahrheit: only the good die young oder einfach nur raus aus der virtuellen Welt oder der Papierwelt. Aber was ist das für eine Welt dort draußen? Mephisto wird sie ihm zeigen und erklären. Mephisto, der ein Teil von Fausts Ganzem ist. 

Mephisto steht auch zunächst allein, er bilanziert die Welt, macht eine Rechnung auf. Es ist alles aus dem Ruder gelaufen, die Vernichtung, Zerstörung ist allgegenwärtig; er weiß, dass jeder Augenblick, der, wenn er denn verweilt, nur die Dauer der Gewalt hat, des Niedergangs, der Katastrophe. Mephisto denkt im Sinne Heiner Müllers: Man muss die Katastrophe beschleunigen, es gibt keine andere Rettung als die Verwüstung zu vervollständigen. Das Böse, das sich Mephisto imaginiert hat, ist nichts gegen die Vorstellung der Wirklichkeit des Bösen vor seinen Augen. Er ist, um es mit einem Song von Kyuss zu sagen, ein "Demon Cleaner". Er säubert wie Harvy Keitel in "Pulp Fiction" den Dreck, wischt das Blut weg und sagt: Wir fangen nochmals von vorne an, wir spielen es neu: zum Teufel mit der horizontalen Macht, der Ohnmacht, lass uns Mann gegen Mann stehen, Teufel gegen Gott, Teufel gegen Faust, Augenblick gegen Ewigkeit. Er sagt eigentlich im Pakt zu Faust, was Brecht am Ende von "Im Dickicht der Städte" sagt: Das Chaos ist aufgebraucht, es war die beste Zeit für dich, Faust. Was ab jetzt kommt ist deine schlimmste Zeit. Es ist ein Kampf, ein Krieg, der nicht erklärt wird, sondern längst erklärt ist. Mephisto hat keine Chance, aber er nutzt sie. 

Da ist eine Wüste und da sind zwei Männer, oder ein Mann und eine Frau und die Fata Morgana, dass es noch auf sie als Menschen ankäme und sie nicht längst von Sand ununterscheidbar sind, der in jedem Sandkorn vorgibt, Gott zu sein und sie füllt, die ewige Leere, die wir mit unserem Herzschlag füllen müssen, Faust um Faust, wenn wir nicht so enden wollen. 

 

Albert Ostermaier ist Autor und Schriftsteller und war als dramaturgischer Mitarbeiter an "Faust" beteiligt.