Europäische Theaterbegegnungen

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10 Uhr, Foyer der Aula des Werdenfels Gymnasiums in Garmisch-Partenkirchen:
Neben den vollbepackten Garderobenständern mit Jacken und Rucksäcken der Schüler sind Tische mit Snacks, Getränken und Blättern mit Textpassagen aufgebaut. An den Bänken sitzen einige Lehrer und Kollegen vom JUNGEN RESI, die sich auf Englisch mit verschiedenen Färbungen unterhalten. Alles hier sieht nach kreativer Arbeit und internationaler Begegnung aus. Und das, obwohl die Hauptakteure dieses Projekts nicht im Foyer anzufinden sind. Die 39 Jugendlichen aus Frankreich, England und Deutschland proben nämlich in den verschiedenen Räumen des Gebäudes. In drei Gruppen aufgeteilt arbeiten sie jeweils szenisch, musikalisch und tänzerisch an der ersten Fassung von "Sag mir, wo die Blumen sind“. Während die erste Gruppe in der Tanzprobe Bewegungsabläufe inspiriert von Zeichnungen und Aufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg erarbeitet, probt eine zweite Gruppe im Musikraum den rhythmisch untermalten Vortrag von Wilfried Owen’s Gedicht „Dulce et Decorum est“.  Auf der Bühne der Aula tragen drei Jungen aus der dritten Gruppe Lieder vor, die verbleibenden Schülerinnen und Schüler stellen dazu Szenen des Abschieds dar. Dahinter steckt wie im gesamten Projekt eine Entstehungsgeschichte, die sich über mehr als ein Jahr und drei Länder erstreckt: Die erste Abschiedsszene entwickelten die Schülerinnen und Schüler bereits in den ersten Tagen in Lille für 3 Personen. Diese Monologe wurden in der Probenwoche in England präsentiert. Im Anschluss übersetzten die Jugendlichen die Monologe in alle drei Sprachen, so dass in Garmisch eine Abschiedsszene für 9 Schüler und 3 Sänger entstanden ist.

12.45 Uhr, Mittagspause:
Ich setze mich zu einem Lehrer der Bay House School in Gosport. Als ich ihm erzähle, dass ich gemeinsam mit unserem Fotografen und einem Kollegen aus der Videoabteilung angereist bin, um den Workshop zu dokumentieren, berichtet er, wie wichtig dieses Projekt für ihn ist: „I think more people should know about what we are doing here. People need to realize how we can all benefit from European projects like this one – especially young people.” Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „This is especially important for the school and for the students, because it will most likely be the last Erasmus project for us with Brexit and everything going on.” Europäischer Geister aus Gosport, trotz der dortigen hohen Befürwortungsrate für den Brexit.

14 Uhr, zweiter Probenblock:
Kurz vor dem zweiten Probenblock bespricht sich das Regieteam um Anja Sczilinski über die Fortschritte am Vormittag. Abläufen, die bisher nur szenisch geprobt wurden, werden in der Nachmittagsprobe musikalisch untermalt. Das am Vormittag geprobte Gedicht wird nun in Szenen eingefügt. Dies stellt einen Koordinationsaufwand für das künstlerische Team und die Jugendlichen dar. Dennoch ist diese Art von Arbeit notwendig, denn die Jugendlichen erarbeiten die Szenen mithilfe der zuvor gesammelten Materialien selbst und werden dabei vom künstlerischen Team unterstützt –  eine Arbeit, die nur in kleinen Gruppen möglich ist.

15.05 Uhr, Foyer der Aula:
Die szenische Probe dauert ein wenig länger als angesetzt. Im Foyer tummeln sich schon die Jugendlichen, die gerade aus den anderen Proberäumen kommen und warten, dass der erste gemeinsame Workshop des Tages beginnt. Ich gehe zu einer Gruppe aus vier Jungs, die nebeneinanderstehen und miteinander rumblödeln. Als ich sie auf Englisch frage, wie die Probe gelaufen sei, schaut mich einer von ihnen verdutzt an. Einer der deutschen Jungen übersetzt für ihn sofort auf Französisch. Eine Selbstverständlichkeit für ihn, denn die Jugendlichen haben sich bereits an die Mehrsprachigkeit des Projekts gewöhnt. Dann zückt er sein Handy hervor und schreibt etwas in eine mit Erasmus und  mehreren Emoticons betitelter WhatsApp Gruppe. Er erklärt mir, dass sie schon seit Projektbeginn in der Gruppe chatten – während und zwischen den Projektphasen. Noch bevor er eine Antwort erhält, öffnen sich die Türen zur Aula und die nächste Probe beginnt.

 

15.20 Uhr, Gesamtprobe
In der Gesamtprobe werden zum ersten Mal an diesem Tag alle drei Ebenen – Bewegung, Gesang und Szenisches – zusammengebracht. In der Tangoszene tanzen die Jugendlichen zusammen, Deutsche, Engländer und Franzosen. Einige suchen sich ihre Partner aus, doch scheinen dabei Nationalitäten keine Rolle zu spielen – wie bei allem in diesem Projekt. Während die Jugendlichen, angeleitet durch das künstlerische Team von „Sag mir, wo die Blumen sind“, noch mit ihrem Spiel die Bühne füllen, wird es Zeit für mich zu gehen. Doch für die Jugendlichen geht die Probenwoche weiter. Am folgenden Tag werden sie sich auf die letzte Recherchereise ihres Projekts ins Marshall Center machen, einem deutsch-amerikanischen Zentrum für Sicherheitsstudien.