Happy Birthday Shakespeare: das Shakespeare-Jahr im Resi!

Im Dickicht der Tr/Bäume: Michael Thalheimers Interpretation von Shakespeares "Sommernachtstraum" © Matthias Horn
Im Dickicht der Tr/Bäume: Michael Thalheimers Interpretation von Shakespeares "Sommernachtstraum" © Matthias Horn

Das Jahr 2014 stand für die deutschen Schauspielhäuser voll und ganz im Zeichen des wohl bedeutendsten Theatergottes: William Shakespeare. 

Im Residenztheater wurde sein Jubiläumsjahr bereits am 18. Januar mit Amélie Niermeyers Inszenierung von "Was ihr wollt" eingeläutet, mit der heute an Silvester auch das Jahr wieder beendet wird. Damit sind gerade insgesamt vier Shakespeare-Inszenierungen im Resi-Repertoire: Michael Thalheimers "Ein Sommernachtstraum", Tina Laniks "Der Widerspenstigen Zähmung", Amélie Niermeyers "Was ihr wollt" im Residenztheater und Gísli Örn Garðarssons "Der Sturm" im Marstall.

Volles Haus: ein Festival für William Shakespeare! © Ingo SawillaVolles Haus: ein Festival für William Shakespeare! © Ingo SawillaDoch das reichte noch lange nicht als Würdigung des 450. Geburtstages! Das Resi veranstaltete eine Geburtstagsparty der Superlative: Mitte April (vom 10. - 12. April 2014), kurz vor dem vermeintlichen Geburts- respektive Tauftag des Dramatikers stieg ein Festival: drei Tage - drei große Inszenierungen auf der Resi-Bühne - begleitet und umrahmt von Beiträgen einschlägiger deutschsprachiger Shakespeare-Forscher aus Theaterwissenschaft und Philologie.

Ein Resümee: "Glück, Freunde, Glück!" Tobias Döring, Professor der Englischen Philologie an der LMU und Präsident der Shakespeare-Gesellschaft, eröffnete das kleine "Shakespeare-Festival". Peter W. Marx schloss an mit seiner knappen Rezeptionsgeschichte des Sommernachtstraums, und führte somit in das erste Stück ein. "Ein Wald, ein Traum" – seine kleine Genealogie des Sommernachtstraums als Prüfstein des Regisseurs beginnt mit der ersten Theatergeschichte schreibenden Inszenierung der Moderne von Max Reinhardt am DT Berlin. Diese zeichnete sich vor allem durch den ersten dramaturgischen Einsatz der Drehbühne aus. Ein sich drehender Wald, der Zuschauerraum mit Tannenduft besprüht, sollte das Publikum mit ins Stück hineinziehen. Daran knüpfte auch einmal David Bösch an, der das Stück mit nur einem sich unaufhörlich drehenden Baum als ironische Hommage inszenierte. 

"Ein Sommernachtstraum": Michael Thalheimers Wald-Interpretation reiht sich hier als anfangs undurchsichtige Säulenwand ein, die die Figuren bis an die Rampe drängt. – Wenig Platz, auch wenn die Säulen sich auseinander schieben und Mehrdimensionalität lediglich erahnen lassen, bewegen sich Demetrius, Helena und Co. nur schleppend durch dieses Dickicht der Tr/Bäume. In die Tiefe lässt hier keine der Figuren blicken. Ist dieser "Zustand", in dem sich dieses Liebesverwirrspiel austobt, doch nur ein oberflächlicher und vor allem wieder vergänglicher. Daran erinnert auch immer wieder Thalheimers kontrovers diskutierte, blutrote Farbe, mit der Puck die entblößten Köper der Schlafenden benetzt: der Lebenssaft wird zum Liebessaft, jeder liebt (wie) verrückt den Falschen, Männer werden zu Monstern, Frauen zu Opfern und zuletzt stehen ein Duzend noch halbschläfriger Figuren wie eine dritte Baumreihe vor dem Publikum.

Sind Frauen im Sommernachtstraum noch Objekte des begehrenden Mannes und dieser wiederum selbst Opfer seines Triebs, so spürte Elfi Bettinger in ihrer Gesprächsrunde mit den beiden RegiseurINNEN Tina Lanik und Amélie Niermeyer die Rolle und Interpretation von "Shakespeares Frauen" Kate und Viola in den jeweiligen folgenden Komödien auf. Es sind doch die wesentlichen Themen – Geschlechterrollen, Gendertrouble, Identitätstausch, ein Hin und Her bis zur absoluten Verwirrung –, die Shakespeares Komödien immer scharf an die Grenze zum Tragischen bewegen, kurz darin umkippen lassen, um dann mit neuem Blick die Konstellationen zu betrachten. Wie subtil und fein Tina Lanik und Amélie Niermeyer die Frauenrollen und -möglichkeiten ausgelotet haben, konnte der Zuschauer an den folgenden Abenden prüfen!

"Es ist der Mond, die Sonne, oder was du willst" © Thomas Dashuber"Es ist der Mond, die Sonne, oder was du willst" © Thomas Dashuber"Der Widerspenstigen Zähmung": Es scheint ein durchgehender Stil in dieser Resi-Shakespeare-Reihe, möglichst wenig auf der Bühne zu haben, um mehr die Figuren zu fokussieren. Denn auch die zweite Inszenierung, Tina Laniks Eröffnungsinszenierung der Spielzeit 2012/13, braucht nicht mehr als ein paar Bretter, Neonröhren, etwas Regen und Schlamm. Und schon kann Petruccio seinem "Kätchen" ein Königreich bauen. Gedemütigte Frauen, die nach der Pfeife oder der Gitarre des Mannes tanzen? Nein, und wenn, dann nur zum Schein. Bei Tina Lanik funktioniert die Gender-Thematik feiner, subtiler: Hier steht die Frau tatsächlich im Vordergrund und in feinen Zügen hier und da immer wieder sogar über dem Mann. "Es ist der Mond, die Sonne, oder was du willst – auch eine brennende Kerze wenn es dir gefällt" - ist wohl einer der Lieblingsmomente, wenn kurz nach der Pause Petruccio und Kate sich wie zwei junge Hunde im Schein-Spiel verkeilen. Und schon die Rahmenhandlung perspektiviert diesen ganzen amüsanten Traum der Geschlechterneudeutung, denn dieser ist nicht an einen besoffenen Jäger gekoppelt, sondern an eine(n) weibliche(n) Sly.

"Was ihr wollt": Amélie Niermeyers Inszenierung konzentriert sich im Wesentlichen auf(s) Rollen. Da bestimmt eine gewaltige Rollen-Welle die Bühne, spuckt nacheinander ihre Figuren aus, lässt sie in Illyrien und an der Bühnenrampe stranden und ihre Identität auf der mal größeren, mal kleineren Spielfläche suchen und zuletzt auch finden. In diesem ewigen Auf und Ab erscheint das Triebhafte, das Frivole, das Komische in eine Reihe unterschiedlicher Typen. "Was ihr wollt" ist "bewusst 'älter' besetzt", wie Niermeyer im Capriccio-Interview kurz vor der Premiere kommentiert. Damit zeichnet sie Figuren, die eben schon länger in diesen/m Rollen gefangen sind, in diesem umeinander Werben auf Augenhöhe im konstruierten Täuschungsspiel. Einzig Nicht-Verwirrter / Nur-Verkleideter ist der Narr, der mit seinen Liedern - eigens vertonten Shakespeare-Sonetten - das Treiben, Fühlen und Handeln der Figuren musikalisch bespiegelt.

Doch geht es hier nicht nur um Identitätssuche und Charaktere-Entwicklung, bei Niermeyers "Was ihr wollt" geht es aber vor allen Dingen um das Feiern und zur Schau Stellen von Theater an sich: Rollentausch, Meta-Kommentare und Spiel im Spiel.

"So strömet Freud…
… und Leid, wie Zeiten wandeln"

Blicken wir auf das Jahr zurück, so lässt der Name "Shakespeare" den Resi-Besucher nicht nur mit lachenden, sondern auch mit weinenden Auge zurück. Denn dieses Jahr sind zwei bedeutende Shakespeare-Repräsentanten von der großen Weltenbühne abgetreten: Mitte Mai starb "König Lear/Ulysses/Shylock" Rolf Boysen, dessen Verkörperungen verschiedener Shakespeare-Charaktere unter der Intendanz von Dieter Dorn legendär wurden. Doch dem leider nicht genug: Anfang der laufenden Spielzeit erreichte uns eine weitere erschütternde Nachricht, die vom Unfalltod Guntram Brattias. Mit ihm ging eine weitere Viel-Shakespeare-Figur (die berühmteste und berührendste ist wohl unangefochten sein Romeo Anfang der 90er Jahre, gefolgt von einem Puck, einem zähmenden Petruccio und sogar einem Hamlet). Am Resi war er zuletzt ein muskulöser, kletternder Caliban in Garðarssons "Der Sturm".

Doch muss ein Shakespeare-Jahr vom Tragischen auch wieder umschwenken, und zwar in das Lachen. Ende November lud Ian Fisher, der Narr der Herzen, zum "Junior vs Shakespeare"-Konzert im Marstall.

Was bleibt nach diesem dichten Jahr für das nächste? Sagen wir es mit Shakespeare: "Du sollst so sein wie ich dich gern hätte!" – also: bleiben wir theaterbegeistert! Zwar verabschiedet sich der "Sommernachtstraum" Ende Januar von der Resi-Bühne und nur einen Monat später scheint auch die Widerspenstige (schluss)endlich gezähmt. Doch bedeutet das nur Platz für Neues. Denn Mitte Juni begrüßen wir Thomas Dannemann mit "Antonius und Kleopatra" im Resi!