DIE MARQUIS POSAS MÜSSEN GELÜFTET WERDEN. KOMMENTAR ZUR FOLGE 9

Bild

Mit der Lesung zu Ernst Bloch wird der historische Rückblick auf das Jahr 1968 beschlossen und der Bogen von 1968 zur Gegenwart geschlagen. In das Jahr 2018, das vor allem durch eine schleichende konservative und bürgerliche Konterrevolution geprägt ist, nicht durch die Stimmung des Aufbruchs der Jahre 1848, 1918 oder 1968. Wie sieht aber ein angemessener Kommentar zur deutschen Demokratie angesichts dieser konservativen Konterrevolution aus und was verbindet sie und das Jahr 2018 mit dem Datum 1968?

Eine verbindende Klammer ist sicher das Gefühl der Ohnmacht. Hieß es 1968 Kampf den Notstandsgesetzen, Kampf der überkommenen Sexualmoral, Kampf dem Vietnamkrieg, schwadroniert man heute über ein ominöses ›Establishment‹, das angeblich alles besser weiß und unser Begehren besser kennt, als wir selbst. Hätte Ernst Bloch den sprachanimierten Bestellservice Alexa von Amazon schon gekannt, hätte er vielleicht auch über die Kurzsichtigkeit unserer Zeit geschrieben und wie wir uns einem abstrakten Regime unterwerfen, das uns Mitmenschlichkeit vorgaukelt – anhand einer computergenerierten Stimme, nicht mittels Pickelhauben und preußischem Kasernen-Drill. Blochs Geschichte über die Begegnung der Bewohner der Inselwelt des Südpazifiks mit James Cook legt indes eine tiefere Wahrheit offen: auch wir sehen nicht. Auch wir fixieren uns auf Beiboote und übersehen die Fregatten am Horizont. Was sind aber diese Fregatten, die wir nicht sehen? Was die Kanus, die wir sehen? Und was ist das überhaupt für eine Leistung, das Nichtsehen?

Nimmt man das Bild der Insel auf, muss man zuerst wohl das Phantasma der Kleinstaaterei nennen, das heute in Form von Abschottungsphantasien nicht nur die Imagination britischer Massen besetzt. Am Riemen der nationalen Lösungen ziehen viele. In die Rubrik der Kanus oder der Beiboote gehören Phänomene wie Niedriglöhne, Zeitarbeitsverträge, Kleiderordnungen, Sprachregelungen usw., kurzum, die sozialen Gewaltverhältnisse, die als solche nicht sichtbar werden. Auf einen Nenner gebracht – und damit nehme ich den Faden zu Ernst Bloch noch einmal auf – , besteht die Malaise in der Ignoranz für das Schiff der Gewalt. Was uns verloren gegangen ist, ist ein Verständnis für Gewaltfragen, für deren soziale Natur und ihre anthropologische Basis. Denn Gewalt ist zuallererst ein gesellschaftliches Verhältnis, kein physisches Ding, wie ein Schiff es ist. Sie resultiert zum Beispiel aus Konkurrenzverhältnissen.

Bloch nahm diese Arglosigkeit für Fragen der Gewalt in seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels auf. In dieser Rede, die er keine Woche nach der Ermordung Che Guevaras im Oktober 1967 hielt und die zu einem wichtigen Bezugspunkt für die 68er werden sollte, rief er zum Widerstand auf – zum Widerstand gegen das Blendwerk der Gewaltlosigkeit. Statt nichtsehend Frieden zu predigen und sich auf die ›Mächte des Guten‹ zu verlassen – 1967 bezog sich Bloch damit sowohl auf die USA wie auf die Sowjetunion – müsse man realistisch mit der Wirklichkeit der Gewalt umgehen und das »Gewaltrecht der Guten« erneuern. So gibt es nach Bloch eine Ethik der Kanuten, wenn Sie so wollen. Eine Ethik des beschränkten Sehens. Bloch selbst nannte dies in seiner Rede die Kultur der »Duckmäuser«, die sich nur ums »Überleben« scheren. Angesichts dieser Duckmäuser forderte er eine neue »sozial juristische Orthopädie«. Man müsse wieder lernen »Aufrecht zu gehen«. Was hat aber diese sozial juristische Orthopädie mit der Frage der Gewalt zu tun? Und wie sieht er aus, der aufrechte Gang?

Blochs Antwort ist dabei so simpel wie verblüffend. Laut Bloch muss man sich dem menschlichen Begehren stellen und den Mangel im Begehren bejahen. Zudem muss man sich der Kraft des Neinsagens bewusst werden! Beides heißt auch, sich von der »Dunkelheit des Augenblicks« zu befreien und die Potentialität des ›Noch-Nicht‹ im Jetzt zu erkennen. Spricht Bloch am Ende dieser Passage aus seinem Werk »Das Prinzip Hoffnung« vom »Reich der Freiheit«, das mit der »Arbeit des militanten Optimismus« zusammenfällt, so muss man sich fragen, was diese Arbeit des militanten Optimismus ist. Zunächst meint er damit nichts anderes als das Begehren als Begehren zu bejahen. So setzt uns das Nicht im Begehren, der Hunger in Gang. Dem Hunger springt aber noch etwa anderes zu Seite, nämlich die menschlichen Fähigkeit, Nein sagen zu können. Ihr erst entspringt die menschliche Welt: die Sprache, die politischen Institutionen, die Phantasie. So muss der militante Optimist auch das Vermögen, Nein sagen zu können, bejahen. Dieses erst macht ihn zum Menschen und gibt ihm das Bewusstsein für das ›Noch-Nicht‹. 

Bloch, der 1885 in Ludwigshafen in eine Familie assimilierter Juden geboren wurde, widmete sich diesem Thema schon früh. Noch während seines Studiums (in München und Würzburg) entwickelte er die Lehre vom Bewusstsein des ›Noch-Nicht‹. Das Paradigma des ›Noch-Nicht‹ wird fortan sein ganzes Werk bestimmen. In den frühen 1910er Jahren stand die Figur ganz im Zeichen der Lebensphilosophie des Expressionismus. Dann – nach der Begegnung mit der Philosophie Max Schelers – wird sie zur Basis einer neuen, nämlich negativen Anthropologie und schließlich zum Fundament einer neuen Metaphysik. Die Denkfigur des ›Noch-Nicht‹ macht auch die besondere Stellung Blochs im Marxismus aus. Wollte man seine Leistung auf eine einschlägige Formel bringen, könnte man ihn wohl als Trotzkisten der Zeit bezeichnen. Dabei zeichnet sich sein gesamtes Werk durch eine hohes Maß an Agilität aus. Er verknüpft Leo Trotzkis Lehre der Synthese von Klasseninteressen mit Georg Lukács Arbeiten zum Klassenbewusstsein. Die geschichtsphilosophischen Thesen Walter Benjamins erweitert er auf ein fast 2000-seitiges Werk, sein Opus Magnum: »Das Prinzip Hoffnung«.

 

Als genuinen Beitrag zur Lehre des Marxismus (wie übrigens zu den Geschichtswissenschaften allgemein) muss man das Paradigma der Ungleichzeitigkeit zählen, das Bloch selbst 1935 in einer Studie zur Entwicklung des Faschismus – unter dem Titel »Erbschaft unserer Zeit« – entworfen hatte. Seine Diagnose ist die Existenz der Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit. Für uns heute hat der Begriff der Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit mehrere Facetten und Implikationen. 

(1) Zunächst jene der Zeitanalyse. Zeit, das heißt das Bewusstsein für Zeit, ist im Blochschen Sinne nicht eine objektive oder abstrakte Größe. Chronometer sind Herrschaftsinstrumente. Sie verwalten Menschen und Dinge. Um sich der Zeit bewusst zu werden und ich mir meines Bezugs zum Jetzt, muss mich meines eigenen historischen Bewusstseins vergewissern und meiner Position in der Geschichte. 

(2) Zeitbewusstsein ist damit Handlungsmacht, und zwar im doppelten Sinn: Bewusstsein für die eigene Stellung im Jetzt erschafft Bewusstsein für die Potentialität, die Zeit – also die Geschichte – selbst zu gestalten. Nimmt man diesen Aspekt des Zeitbewusstseins als Handlungsmacht ernst, wird auch dem Subjekt eine neue Rolle zugeschrieben. Der Kampf für die gerechte Gesellschaft liegt nun nicht mehr auf den Schultern einer abstrakt bleibenden Klasse. Zum Subjekt der Revolution kann jeder werden, sofern er sich der eigenen Position in den geschichtlichen Prozessen inne wird. 

(3) Schließlich wird damit das Ziel oder das Telos der Geschichte einsichtig. Es heißt »utopische Präsens«, »konkrete Utopie«, »Heimat«. Heimat ist (für Bloch) kein territorial oder kulturell gegebenes Etwas. Es ist auch kein Ruf nach den »guten alten Zeiten«. Heimat als konkrete Utopie ist das Verständnis für die erfüllte Zeit, das heißt für die Möglichkeiten des Noch-Nicht im Jetzt. Utopie ist das Gewahrwerden des Möglichen. Das ist Hoffnung. Das ist Heimat.


Wie bereits erwähnt: Die Denkfigur der Ungleichzeitigkeit und die Aufhebung des Ungleichzeitigen in die Potentialität des Noch-Nicht ist Dreh- und Angelpunkt des Blochschen Denkens. Neben der rein pragmatischen Organisation der Freiheit als Ordnung hat diese Idee auch eine politisch-theologische Komponente. Dazu muss man sagen, dass Bloch nichts Arkadisches anstrebt. Sein Denken ist nicht erfüllt von einem kommenden Eschaton. Vielleicht gehört dieses aber gerade zu den größten Missverständnissen seines Werks. Hoffnung und Utopie richten sich nicht auf ein Reich des Jenseits. Sein Zukunftsglauben ist innerweltlich. Zutage tritt dieser Bedeutungsrahmen der Begriffe Hoffnung und Utopie in seinem zweiten großen Buch »Atheismus im Christentum«, das im Jahr 1968 erschienen ist. Den Ausdruck »Atheismus im Christentum« kann man dabei zweifach verstehen: Eine erste Lesart, die sich in die Traditionslinien und den Kanon einschreibt, der mit Hegel seinen Höhepunkt gefunden hat, vermutet hinter dieser Formel des Atheismus eine Enthüllungssemantik des Christentums. Demnach hätte der Weltgeist im Christentum seinen Höhepunkt gefunden und er müsse nun nicht nur geistig, sondern auch materiell verwirklicht werden. Das aber ist nur die eine durch und durch christliche Lesart, die das Telos der Geschichte in der Erfüllung des Weltgeistes sieht. Das Christentum ist damit sozusagen die höchste Form des Atheismus. 

Eine zweite Lesart wäre die jüdisch-messianische, die sich gegen das Dogma der Verkörperung Gottes in der Welt richtet, gegen die Inkarnation. Der Begriff »Atheismus im Christentum« wäre damit eine jüdische (und anti-paulinische) Polemik. Bloch will dem Christentum schließlich nichts weniger als seinen Transzendenzglauben austreiben und damit auch alle Träume eines wiederkehrenden Messias und eines kommenden Reichs. Blochs Utopie-, Hoffnungs-, ja Paradies-Begriffe sind nicht getragen vom Pathos des »Vorwärts!«. Ihm schwebt nicht das Ende des Begehrens vor, wohl aber die Linderung des menschlichen Leidens. Statt eines vulgärmaterialistischen Pathos vom Ende des Begehrens, das manch einen konservativen Kommentator zu dem Seitenhieb nötigt, der Replicator des Star Trek Universums sei das eigentlich Herz des Kommunismus, geht es Bloch eben nicht um die faktische Überwindung des Begehrens. Das Nicht im Begehren zu verwirklichen, heißt Menschsein. Was ist dann aber Hoffnung? Was das Prinzip Hoffnung? Der »Fall ins Jetzt«.