Die Marquis Posas müssen gelüftet werden. Kommentar zur Folge 8

Bild

"Das Gedächtnis des Literaturbetriebs ist ein Sieb, in dem bekanntlich nur die Dicksten hängenbleiben", schrieb der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Hermann Kinder in einem Nachwort zu Gisela Elsners Erfolgsroman "Die Riesenzwerge" von 1964, welcher ihr den Literaturpreis Prix Formentor einbrachte. Vergeben wurde dieser zusammen mit dem Prix International zwischen 1961 und 1967: 61 ging der Prix International an Borges und Beckett. Gisela Elsner war 27 Jahre alt, als ihr mit den Riesenzwergen ein fulminanter Einstieg in den Literaturbetrieb gelang. Sie war zeitweilig Mitglied der Gruppe 47 und des P.E.N., gewann Auszeichnungen, wurde von Rowohlt verlegt – und blieb nach ihren Erfolgen im Gedächtnis des Betriebs nicht hängen, sondern wurde wieder vergessen. Sie war eine unbequeme Person, sowohl in politischer, als auch in literarischer Hinsicht. Die Kritiker verrissen sie als männermissgünstige, neidhafte und schadenfrohe Zynikerin, und bald wurde ihr eine unzeitgemäße, verstaubte Prosa attestiert. Es gab Streit mit den Verlegern, sie geriet in finanzielle Not, dazu kam Pillenabhängigkeit und manischer Zigarettenkonsum. 1992 wurde sie, nach einem Zusammenbruch auf offener Straße, in eine Münchener Entzugsklinik eingewiesen, aus deren Fenster sie sich in den Tod stürzte. So zu lesen in den Kurzbiographien. So zu sehen in dem Film ihres Sohnes Oskar Roehler mit dem Titel: "Die Unberührbare".

Dieser dramatische Lebenslauf lenkt jedoch zu sehr ab von der literarischen Arbeit der Autorin, der wir uns heute mit dem Roman "Berührungsverbot" nähern wollen, weil er in den späten 1960er Jahren der Bundesrepublik zu situieren ist und einen analytischen Zugriff auf die 68er Revolution ermöglicht. Schonungslos und mit scharfem Witz blickt Elsner darin sowohl auf die Berührungsverbote der Elterngeneration als auch auf die Berührungsgebote ihrer eigenen, gegen die Verbote der Eltern revoltierenden Generation. Sie installiert ihre Figuren dabei wie Automaten, die unentrinnbar an die Regeln ihrer Sozialisation durch die Elterngeneration gefesselt sind. In der Gnadenlosigkeit, mit welcher Elsner ihre Charaktere durch den Text treibt, stellt sie die zwar maroden, aber dennoch äußerst stabilen Prinzipien, Umgangsformen und Verhaltensweisen bestimmter Gesellschaftsschichten, hier des kleinbürgerlichen Milieus im bayerischen Voralpenland zur Schau, das sie – nicht direkt, aber indirekt: der Roman ist 1970 erschienen – mit der allgemeinen Befreiungsbewegung von 68 konfrontiert, worin nicht zuletzt der böse Witz ihrer Darstellung liegt.

Sie nahm damit literarisch vorweg, was später in der politikwissenschaftlichen und soziologischen Forschung im Blick auf die bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft Konsens werden sollte, und zwar die Problematik des patriarchal-autoritären Bürgertums. Elsner verzichtet auf Figurenpsychologie, dennoch sind ihre Charaktere weder Klischees noch Stereotypen, sondern symptomatische Abbilder des Milieus, in dem sie sich bewegen. Nicht umsonst und nicht zufällig steht dieses unter dem Zeichen des Berührungsverbots. Elsners Roman kann damit als kritischer Kommentar, ja als Einwand gegen die "sexuelle Revolution" gelesen werden. Mit ihm geht der Verdacht einher, dass die Befreiung, wie sie die 68er Avantgarden Kommune I und Co. vorleben wollten, die Stabilisierung des Macht- und Herrschaftssystems, nicht dessen politischen Umsturz zur Folge hatte.

Der Roman ist szenenhaft aufgebaut und beschreibt die sozialen Verhaltensmuster von fünf befreundeten Ehepaaren: Frau und Herr Keitel, Frau und Herr Dittchen, Frau und Herr Hinrich, Frau und Herr Stößel, Frau und Herr Stief. Einigen Figuren kommt dabei mehr Aufmerksamkeit zu als anderen, eine Hauptfigur im klassischen Sinne gibt es jedoch nicht. Auch die Handlung der Geschichte wird nicht durchgehend erzählt, vielmehr werden in vielen Einzelszenen die schicht-, genauer milieuspezifischen Dynamiken der kleinbürgerlichen Familien en détail dargestellt. Die Figuren versuchen der verklemmten Sexualität und Lebenswelt ihrer Eltern zu entkommen, indem sie durchritualisierte Feste veranstalten, bei denen die Sexualpartner getauscht werden. Elsner beschreibt diese Orgien jedoch nicht als erotisches Fest, sondern arbeitet an ihnen minutiös die Mechanismen sozialer Erniedrigung heraus. Die Ehepaare wetteifern darum, sich ihre Zitat: "neue Fortschrittlichkeit" zu beweisen, reproduzieren dabei aber lediglich die immer schon geltenden Ordnungsstrukturen.  "Sexuelle Befreiung" wird hier zum bloßen Label, hinter welchem sich die politische Niederlage verbirgt.

 

Wir haben eben gehört, wie Frau Keitel die doppelte Bedrängung von Mutter und zukünftigem Ehemann durchleiden muss. Ihr eigenes Begehren kommt dabei mit keinem Wort zur Sprache. Warum auch, wurde es ihr doch schon in der Kindheit gewaltsam ausgetrieben. Das in der Erzählung eröffnete Spannungsfeld des verhinderten sexuellen Begehrens erstreckt sich über das Monogamie-Dogma, Verbot von vorehelichem Sex und Masturbationsverbot hinaus, bis hin zu den Siglen SA (für "Strafarbeit") und SS (für "Siegfried und Sieg"). Elsner spannt also, über ihre kleinteilige Darstellung hinaus, einen historischen Bogen, der vom wilhelminischen Kaiserreich (Zucht, Ordnung, Sauberkeit) über den Nationalsozialismus (SA und SS) – "noch eine Seite Siegfried" – bis hin zur noch jungen Bundesrepublik reicht. Damit schließt sie an theoretische Diskussionen und politische Auseinandersetzungen, wie sie von den 68ern geführt worden sind, an. Mit der breiten Rezeption der Texte Herbert Marcuses und Wilhelm Reichs setzte sich bereits in der Studentenbewegung der frühen 60er Jahre die Vorstellung der gesellschaftlichen Befreiung durch sexuelle Emanzipation durch. Das Brechen der Sitten- und Sexualmoral der Elterngeneration sollte das politische Mittel zur Überwindung von Faschismus, Autoritarismus und Kapitalismus sein.

Erläutern lässt sich dieser auf den ersten Blick nicht gerade evidente Konnex zwischen sexueller Emanzipation und gesellschaftlicher Befreiung im Rückgriff auf ein "Erfolgsbuch" aus dem Jahr 1977, nämlich auf die theoretische Abhandlung "Männerphantasien" des Literaturwissenschaftlers und Kulturtheoretikers Klaus Theweleit. Theweleit entwickelt darin eine psychoanalytisch fundierte Körpergeschichte des Faschismus, die er in engen Zusammenhang mit den Maßnahmen zur Sexualerziehung im deutschen Kaiserreich stellt. Sie bestand im Wesentlichen aus Verboten und strengster Sauberkeitserziehung und sollte "brauchbare Menschen" hervorbringen, sowohl ein Arbeiter- als auch ein Soldatenheer. Diese massive Unterdrückung der sexuellen Triebe habe zu zwanghaften Reinheitsphantasien und Abwehrmechanismen gegen alles Fremde geführt – und so den besten Nährboden für die faschistische Ideologie geboten: In der nationalsozialistischen Rassenpolitik kommt diese unterdrückte Sexualität schließlich zur morbiden Entfaltung. Ihr Höhepunkt ist die mörderische Triebabfuhr gegen all das, was den faschistischen Körper (durch Ansteckung, Kontamination, Vermischung) in seiner Reinheit und Sauberkeit bedrohen könnte.

Verfolgt man diese Argumentationslinie weiter, dann kehrt die bundesrepublikanische Gesellschaft der 50er und 60er Jahre, nach dem rassistisch motivierten Vernichtungswahn des Nationalsozialismus, moralisch wieder ins wilhelminische Kaiserreich zurück: Es herrschen Ordnung, Disziplin und Schweigen. Die Studentenbewegung der 1960er Jahre erkannte darin das Fortbestehen autoritärer Strukturen und wollte ein umfassendes gesellschaftliches Emanzipationsprogramm verwirklichen, das am intim Privaten – also am Sexuellen – ansetzte. Nicht selten jedoch identifizierten sich ihre Protagonisten dabei selbst mit den Opfern des Nationalsozialismus. Sinnfällig wird dies in dem bekannten Bild der Kommune 1, das ursprünglich eine polizeiliche Untersuchungsaktion bloßstellen sollte: Sieben nackte Männer und Frauen stehen mit gespreizten Beinen und erhobenen Händen an einer weißen Wand. "Das Bild der nackten Kommune-Mitglieder", sagte Rudi Dutschke 1967 in einem Spiegelinterview, "scheint mir ein adäquater Ausdruck der jetzigen Situation dieser Kommune zu sein. Das Bild reproduziert das Gaskammer-Milieu des dritten Reiches; denn hinter diesem Exhibitionismus verbirgt sich Hilflosigkeit, Angst und Schrecken. Die Kommune-Mitglieder begreifen sich als Unterdrückte und Ausgestoßene der Gesellschaft."

Der Psychoanalytiker Reimut Reiche merkte dazu an: "Drastischer kann die 'sexuelle Überwindung' der Vergangenheit, die nicht vergehen darf, nicht ins Bild gesetzt werden. […] Diese Männer und Frauen stehen da wie in einer ästhetisch inszenierten, unbewussten Identifizierung mit den Opfern ihrer Eltern und verhöhnen diese Opfer zugleich durch den vorgeprägten Lesetext des Bildes als sexueller Befreiung. Dadurch bleiben sie zugleich unbewusst identifiziert mit den bewusst abgelehnten Täter-Eltern." Mit der "unbewussten" Opferidentifikation ist auch für Klaus Theweleit ein Kernproblem der 68er Bewegung benannt, die zur erneuten Verdrängung und nicht zuletzt zwanghaften Reproduktion des Verdrängten führt. Dieser Vorgang gipfelte u.a. in der Re-Inszenierung von Gewalt im Terror der RAF.

Liest man Gisela Elsners Roman vor diesem Hintergrund, dann wird die Szene der Vergewaltig von Frau Stief, die wir gleich hören werden, aus einer größeren historischen Perspektive heraus verständlicher. Frau Stief, das muss für die weiteren Ausführungen noch erwähnt werden, kommt, im Gegensatz zu den anderen Figuren aus einer gesellschaftlich niedrigeren Schicht – und scheint von den Männern gerade deswegen zum Phantasie- und Lustobjekt Nummer 1 auserkoren worden zu sein. Folge dieser Trieblogik ist denn auch, dass sie als Verursacherin des verwerflichen Lebenswandels identifiziert und aus dem Kreis der befreundeten Ehepaare ausgeschlossen wird.


Um ihrem tristen Sexualleben zu entkommen, veranstalten die Figuren des Romans Orgien, die von Elsner bereits auf der Ebene der Darstellung derart trist in Szene gesetzt werden, dass das Umkippen dieser Befreiungsversuche in Macht- und Gewaltgesten den Rezipienten nicht allzu sehr überraschen – zumal Gisela Elsner ihren Blick auf den verlogenen Katholizismus des von ihr beschriebenen Milieus richtet. Das erklärt auch den Handlungsverlauf: die von Außen in den Kreis der befreundeten Ehepaare tretende Frau Stief wird zunächst zum Wunsch- und Lustobjekt der Männer. Nachdem die Paare ihren Lebenswandel jedoch anfangen zu bereuen und Buße üben, wird sie zum Sündenbock gemacht – und ausgeschlossen. Dies ermöglicht den befreundeten Paaren nicht nur, die alte Ordnung wieder herzustellen, sondern diese nun als gereinigte, d.h. entsühnte wiederherzustellen: "Endlich sind wir wieder wir", heißt es im Roman.

"Endlich sind wir wieder wir". In dieser Aussage liegt der Konflikt des Textes bzw. das Kernproblem begründet, welches von Elsner verhandelt wird. Der Ausschluss Frau Stiefs aus der Gemeinschaft erhält im Kontext des Romans eine mehrfache Bedeutung: aufgerufen wird das Sauberkeitsparadigma der wilhelminischen Sexualerziehung, die nationalsozialistische rassistisch motivierte Hygienevorstellung des Volkskörpers sowie die verlogene Sexualmoral eines kleinbürgerlichen Katholizismus. Daneben verhandelt "Berührungsverbot" als Milieustudie ein sozialgesellschaftliches Problem, und zwar das des Schichtunterschieds zwischen der Bäckerstochter Stief und den anderen Figuren. Wird dieser zeitweise aufgelöst, als mit der Befreiung der Sexualität neue Sexualpraktiken und neue Sexualpartner möglich wurden, ist es den Figuren des Romans also zeitweise gelungen, das umzusetzen, was Ziel der sexuellen Emanzipation sein sollte, nämlich die gesellschaftliche Emanzipation, so wird dies von den Keitels, Dittchens, Hinrichs und Stößels schnell als Bedrohung der geltenden Herrschaftsstrukturen empfunden. Folge ist die Verstoßung Frau Stiefs durch die Frauen und die Vergewaltigung von Frau Stief durch die Männer. Was das kleinbürgerliche Ego hier nicht erträgt, ist der soziale Aufstieg der Bäckerstochter durch Heirat. Dieser Aufstieg führt den Männern das eigene Versagen beim Streben nach höheren Positionen im Beruf vor Augen. Ihre fehlende soziale Potenz wird verschoben auf die sexuelle Potenz und in der Vergewaltigung scheinbar wiederhergestellt: die Glieder stehen aufrecht, wenn die Soldaten der bürgerlichen Ordnung ihr Gewehr präsentieren. Gisela Elsner weist in ihrem Roman demnach darauf hin, dass sexuelle Befreiung eine revolutionäre Luftblase bleibt, solange sie nichts an den bürgerlichen Herrschaftsstrukturen ändert, mehr noch, dass die Befreiung als misslungene nicht einfach nur zur Stabilisierung der alten Ordnung, vielmehr zu ihrer Potenzierung führt. Ausschluss bewirkt keine Entsühnung, sondern er vermehrt die Schuld. Im Roman werden diese Schuldgefühle auf den Akt des Konsumierens verschoben und somit verdrängt.


Ein sauberer Ablasshandel: Rührgerät, Entsafter, Trockenhaube, befreit die Täter, das heißt die Dittchens, Keitels usw. von ihrer Schuld. Dass dieser im Kapitalismus, welcher von der Verschuldung lebt, unendlich fortsetzbar ist, hat Walter Benjamin in seinem Textfragment "Kapitalismus als Religion" gezeigt.

Damit erweist sich, das zeichnet Elsners Roman nach, die allein im Intimen und Privaten verbleibende sexuelle Befreiung als doppelbödig. Zum einen entsühnt sie nicht, sondern verdrängt die Schuld, zum anderen verschiebt sie diese auf die Ebene des Konsums und setzt damit das frei, was der Soziologe Lothar Baier als den "unendlichen Konsumenten" bezeichnet hat: "Entfesseltes Wachstum verlangte auch nach dem entfesselten Konsumenten, der sich weder Kleiderordnungen noch Familienpflichten vorschreiben lässt. Ohne die Revolte und ihre rebellische Aura hätte sich die Modellierung des neuen, lustgetriebenen, anspruchsvollen, gegen jede kulturelle Bevormundung allergischen Konsumenten wahrscheinlich etwas langsamer durchgesetzt."

Doch auch diese Entfesselungen geschehen nicht ohne gegenläufige Eindämmungsbestrebungen – der Konservatismus hat noch lange nicht ausgedient. So ist auch Frau Keitel nicht so bestechlich wie die anderen Freundesfrauen. Nachdem sie sich aus der strikten Moral ihres Elternhauses gelöst hat und die größte Begeisterung für die ausschweifenden Feste und Orgien zeigte, gilt es für sie, nicht nur die Verfehlungen ihres Ehemannes zu bestrafen, sondern ebenso ihr eigenes bürgerliches Sittenbild wieder herzustellen. Sex gibt es fortan bei den Keitels ausschließlich im Dienste der weiteren Familienplanung – "nicht um seinetwillen, nicht um ihretwillen, sondern einzig um des Kindes willen" – denn, so Frau Keitel, Einzelkinder haben eine schlechtere Entwicklung. Jegliche Lust verschwindet, und Sexualität vertrocknet zum reinen Reproduktionsakt. Dies bezeichnet die gegenläufige Bewegung zum "entfesselten Konsumenten": Restauration von Moral und Anstand, Einhegung von politischen und privaten Extremen. Das kapitalistische System lebt von beidem: Entfesselung und Einhegung, da es sich ansonsten selbst zerfleischen würde. Was bleibt ist das Selbstbild des freien, einzigartigen Individuums, dessen Persönlichkeit sich in der individuellen Zusammenstellung von IKEA-Möbeln vollkommen selbstverwirklicht.

Aus Elsners Beschreibung des kleinbürgerlichen Milieus der 60er Jahre lugt diese Entwicklung schon hervor. Damit benennt sie die dringendsten Probleme der Revolution von 68 – und wirft ebenso unangenehme wie wichtige Fragen auf. Sie haben seither an Aktualität nicht verloren, im Gegenteil.