Die Marquis Posas müssen gelüftet werden. Kommentar zur Folge 6

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Die Lesungen zum Revolutionsjahr 1918 enden mit Franz Kafkas letzter Erzählung "Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse". Sie steht damit in einer Reihe mit Hugo Balls "Kritik der deutschen Intelligenz", in der es um eine schonungslose Abrechnung mit der preußisch-deutschen Ideologie ging, und den revolutionären Texten Rosa Luxemburgs, die sich in den Dienst einer proletarisch-demokratischen Neuordnung Deutschlands gestellt hatten. Dass Franz Kafka in dieser politisch-kämpferischen Nachbarschaft auftaucht, unmittelbar neben Kommunisten, radikalen Republikanern und Anarcho-Syndikalisten, ist alles andere als selbstverständlich. Kafka ist weniger als politischer Autor bekannt. Er gilt eher als dunkler Prophet des 20. Jahrhunderts, Analytiker diffuser Ängste und Schuldkomplexe, als "ewiger Sohn", der zeitlebens unter seinem despotischen Vater gelitten hat, oder auch als "asketischer Gottessucher" [Auerochs; Engel, 2010].

Im Folgenden soll es deswegen zunächst darum gehen, den Autor Franz Kafka historisch-politisch zu konturieren. Klaus Wagenbach hat in seinem Buch "Kafka in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten" bereits auf dessen Affinität zu sozialistischen Theorien und Bewegungen hingewiesen. Der Studie lässt sich entnehmen, dass Kafka zwischen 1908 und 1912 sozialistische Zirkel wie den "Klub mladých" und den Arbeiterverein "Vilem Körber" rege besucht hat und in den 1910er Jahren die Schriften von Michael Bakunin, Alexander Herzen und Peter Kropotkin zu seiner Lektüre zählten [Wagenbach, 1964]. Dass es sich dabei nicht um ein temporäres, rein theoretisches Interesse an sozialistischen beziehungsweise anarchistischen Theorien und den entsprechenden politischen Bewegungen seiner Zeit handelt, sondern dass Kafka sich ernsthaft mit der Frage nach ihrer konkreten Umsetzung beschäftigt hat, wird nicht zuletzt an einem kleinen Text aus dem Jahr 1918 sichtbar, der den Titel trägt: "Die besitzlose Arbeiterschaft". Kafka entwirft darin modellhaft die Rechte und Pflichten einer auf maximal 500 Männer beschränkten Arbeiterschaft, die zunächst provisorisch für ein Jahr zusammenlebt. Geld, Luxusartikel und staatliche Gerichtsbarkeit sind abgeschafft; gearbeitet wird nur für den unmittelbaren Lebensunterhalt. Zum privaten Besitz ist – im Sinne einer "Minimallöhnung, die zugleich in gewissem Sinne Maximallöhnung ist" [Kafka, 2008] – einzig das Nötigste zulässig: einfachstes Kleid […], zur Arbeit Nötiges, Bücher, Lebensmittel für den eigenen Gebrauch. Alles andere gehört den Armen [Kafka, 2008].

Was damit unmöglich beziehungsweise rückgängig gemacht werden soll, ist das, was im historischen Materialismus als "ursprüngliche Akkumulation" bezeichnet wird, das heißt die gewaltsame Aneignung von Besitz und Produktionsmitteln, die wiederum zu Arbeitsverhältnissen führt, welche auf Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt beruhen. Auf der einen Seite gibt es Besitzer, auf der anderen die große, besitzlose Masse derer, die nichts anderes zu verkaufen haben als sich selbst und ihre nackte Arbeitskraft. Die damit zusammenhängende historische Notwendigkeit der Revolution – als Aufhebung der gewaltsamen, ungleichen und ungerechten Verhältnisse – wird von Kafka allerdings messianisch gewendet. "Es ist", so heißt es in einem seiner späten Tagebucheinträge, keine Widerlegung der Vorahnung einer endgültigen Befreiung, wenn am nächsten Tag die Gefangenschaft noch unverändert bleibt oder gar sich verschärft oder selbst wenn ausdrücklich erklärt wird, daß sie niemals aufhören soll. Alles das kann vielmehr notwendige Voraussetzung der endgiltigen Befreiung sein." [Kafka, 1990].

Wie stark die literarischen Texte Kafkas in dieser Hinsicht tatsächlich politisch motiviert sind, lässt sich auch anhand seiner poetologischen Überlegungen zu den sogenannten "kleinen Litteraturen" verdeutlichen. "Kleine Litteraturen" verfügen demnach nicht wie große Literaturen über repräsentative, staatlich organisierte Literaturgeschichten, in denen die Texte für kultivierte, über Zeit und Muße verfügende Leser kanonisiert und konserviert werden. "Kleine Litteraturen“ werden hier vielmehr als eine unmittelbare "Angelegenheit des Volkes" [Kafka, 1990] gedacht, das sich in einem ständigen, deshalb lebendigen und kritischen Austausch mit seiner Literatur befindet.

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die Thematik des Volkes oder der Gemeinschaft in den Texten Kafkas eine zentrale Rolle spielt. Fragen der Zugehörigkeit und Gemeinschaft werden in Erzählungen wie "Forschungen eines Hundes", "Beim Bau der Chinesischen Mauer", "Der Verschollene", "Gemeinschaft" oder "Das Schloss" verhandelt. Besonders in den sogenannten Künstlererzählungen der 1920er Jahre rückt – ganz im Sinn der "kleinen Litteraturen" – das Verhältnis zwischen einer Gemeinschaft und ihrer Kunst in den Blick.

Bertolt Brecht nannte Kafka in einem Gespräch mit Walter Benjamin den "einzig echt bolschewistischen Schriftsteller" [Benjamin, 1981]. Es ist sehr gut möglich, dass er dabei auch oder gerade an Kafkas letzte Erzählung "Josefine die Sängerin oder Das Volk der Mäuse" gedacht hat. Entstanden ist sie zwischen dem 18. März und 5. April 1924, als Kafka, nachdem er aufgrund seines sich verschlechternden Gesundheitszustandes seinen Wohnsitz in Berlin mit Dora Diamant aufgeben musste, für drei Wochen nach Prag in sein Elternhaus zurückgekehrt war. Bereits am 20. April erscheint sie in der Osterbeilage "Dichtung und Welt" der Prager Presse unter dem Titel "Josefine, die Sängerin" [Auerochs; Engel, 2010]. Trotz der sich weiter verschlimmernden Tuberkulose nimmt Kafka bis zu seinem Tod am 3. Juni 1924 die Fahnenkorrekturen an der Erzählung selbst vor. Seiner Stimme bereits beraubt, verfügt er auf einem Handzettel noch die Titeländerung zu "Josefine die Sängerin oder Das Volk der Mäuse" mit der Begründung, dass dieser Titel zwar "nicht sehr hübsch" sei, aber etwas "von einer Wage" habe [Kafka, 1996]. Im Anschluss an die jetzt folgende Lesung der "Josefine" von Katja Bürkle wird der Kommentar auf dieses Bild der Waage zurückkommen müssen.

Kafkas auf dem Notizzettel noch testamentarisch verfügte Titeländerung von "Josefine, die Sängerin"“ zu "Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse“ bestimmt im Bild der Waage das Verhältnis zwischen "Josefine" und dem "Volk der Mäuse" als ein einschließendes Verhältnis. Doch welches Verhältnis? Und wie soll es bestimmt sein?

Auf der einen Seite der Waage des "oder" steht nun also das "Volk der Mäuse". Erzählt wird die Geschichte der Sängerin Josefine von einer namenlos bleibenden Maus aus dem Volk der Mäuse. Das Volk und seine Lebensweise werden von der Erzählermaus folgendermaßen beschrieben:

Unser Leben ist sehr unruhig, jeder Tag bringt Überraschungen, Beängstigungen, Hoffnungen und Schrecken, daß der Einzelne unmöglich dies alles ertragen könnte, hätte er nicht jederzeit bei Tag und Nacht den Rückhalt der Genossen; aber selbst so wird es oft recht schwer; manchmal zittern selbst tausend Schultern unter der Last, die eigentlich nur für einen bestimmt war [Kafka, 1994].

Das Leben der Mäuse ist also gezeichnet von Unwägbarkeiten und Lebenssorgen, die sich tagtäglich aufs Neue einstellen. Ihre Tätigkeit erschöpft sich in permanenter Arbeit, die zugleich das grundlegende Merkmal des Volks der Mäuse ist. Das Mäusevolk, wie Kafka es zeichnet, lässt sich sehr gut beschreiben mit einer Wendung aus der politischen Theorie Hannah Arendts, die in ihrem Buch "Vita Activa" den Begriff "vom tätigen Leben" geprägt hat. "Es ist", so Arendt ja gerade das Kennzeichen der Arbeit, daß sie nichts objektiv Greifbares hinterläßt, daß das Resultat ihrer Mühe gleich wieder verzehrt wird und nur um ein sehr Geringes überdauert. Und dennoch ist diese Mühsal, […], in ihrer Vergeblichkeit von einer unüberbietbaren Dringlichkeit, und ihre Aufgaben gehen allen anderen Aufgaben vor, weil von ihrer Erfüllung das Leben selbst abhängt [Arendt, 1981].

Über die Arbeit erkennen sich die Mäuse einander als Genossen und somit als Gleiche an. Wie in Kafkas Entwurf der "besitzlosen Arbeiterschaft" gibt es auch hier keine Hierarchien, keine Ränge, Stände, Klassen oder Institutionen, nur Arbeit. Die Mäuse sind zum einen als notwendig arbeitende Wesen, zum anderen durch ihre gegenseitige Solidarität in der Mühsal des Lebens bestimmt. In diesem Sinn ist das Volk der Mäuse ein proletarisches Volk. Das lässt an eine Gemeinschaft denken, wie sie nach einer sozialistischen Revolution aussehen könnte, wenn auch nicht notwendig müsste, an ein kleines, staatenloses Volk, in dem es ohne Klassen auch keine Klassenkämpfe gibt. Das ist auch der Grund, dafür, dass die Mäuse die Geschichtsschreibung vernachlässigen. Denn die Geschichte des Mäusevolks kennt weder große Ereignisse noch Helden, vielmehr erschöpft sie sich in den tagtäglichen, wirtschaftlichen und materiellen Sorgen, die sich unaufhörlich erneuern und immer das ganze Volk betreffen. Selbst die Kinder sind von der Arbeit nicht ausgenommen: "wir können", heißt es in der Erzählung, "die Kinder vom Existenzkampfe nicht fernhalten, täten wir es, es wäre ihr vorzeitiges Ende" [Kafka, 1994]. Gemeinsam tragen sie die Mühen und Sorgen des täglichen Lebens und geben sich gegenseitig "bei Tag und Nacht den Rückhalt der Genossen" [Kafka, 1994].

Wie jedoch – das scheint die zentrale Frage zu sein, die der Text verhandelt – verhält sich solch ein Volk zur Kunst? Genauer: Braucht es diese überhaupt? Und wenn ja, wofür braucht es sie, wenn es doch nichts Höheres und nichts anderes als das Arbeitsleben gibt? Eine große Kunst, die im repräsentativen Interesse einer Staatsnation und einer "Kultur" des Müßiggangs steht, braucht das Mäusevolk jedenfalls nicht. Es hätte gar keine Zeit dafür. Die Frage nach der Funktion der Kunst in einer reinen Arbeitsgesellschaft hat sich im Übrigen auch Heine gestellt – auch wenn seine Sorge, dass seine Texte womöglich nur noch als Tüten für den Kartoffelhandel verwendet werden würden, eine ganz andere gewesen ist. Dennoch bleibt die gleiche beängstigende Frage: Was geschieht nach der sozialistischen Revolution als der letzten aller Revolutionen mit der Kunst?

Im Vordergrund der Erzählung steht der Gesang der Sängerin Josefine – und das bezeichnet den anderen Teil der Waage. Ihr Gesang stellt sich als eine komplexe Beziehung zwischen dem Mäusevolk und seiner Sängerin dar. Die Grenz- und Verbindungslinien zwischen den namenlos bleibenden Mäusen und Josefine stehen dabei dauerhaft zur Disposition. In dem unmusikalischen Volk der Mäuse, erscheint Josefine als einzig Musikkundige, die der Gemeinschaft ihre Gesangskunst darbietet. Doch bereits hier beginnen die Verständnisprobleme zwischen Josefine und dem Mäusevolk. Während das Leben der Mäuse sich gewissermaßen voll und ganz in der Arbeit erschöpft, singt Josefine – und fordert gar die Freistellung von ihrer Arbeit zugunsten ihrer Kunst. Ob es sich jedoch tatsächlich um Gesang oder doch nur um ein gewöhnliches Pfeifen handelt, bleibt unklar. Wie soll das auch jemand aus dem unmusikalischen Mäusevolk beurteilen können? Nicht nur der Exkurs über das Nussknacken legt nahe, dass es sich möglicherweise um ein ganz gewöhnliches und noch nicht einmal ein besonders gutes Pfeifen handeln könnte. Auch heißt es an anderer Stelle, dass Josefines Gesang eine eigenartige Wirkung zeige, zu der ein echter Gesangskünstler gar nicht fähig wäre. Diese Ununterscheidbarkeit zwischen Gesang und Pfeifen macht gerade den Reiz der Kunst Josefines aus. Zum einen ist Josefine – mit allen Allüren einer großen Diva – Gesangskünstlerin. Zum anderen ist sie eine Maus aus dem Mäusevolk und ist ihr Gesang nicht genau davon zu unterscheiden, was die Mäuse während der alltäglichen Arbeit ständig tun, nämlich pfeifen. Mehr noch ist das Pfeifen die eigentliche Sprache des Volkes, ihre charakteristische Lebensäußerung.

Viel wichtiger als die Frage von "Gesang oder Pfeifen" ist die prekäre Beziehung, die im "oder" zwischen "Gesang" und "Pfeifen" liegt. Nähern kann man sich ihr, wenn man nach der Wirkung der Kunst Josefines fragt. Ihr Gesang wirkt zunächst als eine Art Kraftfeld, das die Mäuse an wahllosen Orten unangekündigt zusammenführt und gemeinschaftsstiftend ist: "Schon tauchen wir auch in das Gefühl der Menge, die warm, Leib an Leib, scheu atmend horcht." [Kafka, 1994]. In diesem Kraftfeld öffnet sich im Gesang plötzlich das Volk auf sich selbst. Schließlich ist das Volk als arbeitendes Volk auch ein pfeifendes Volk. Josefines kleine, prekäre Kunst eröffnet in den Volksversammlungen einen Raum, in welchem augenblickshaft die Sorgen und Mühen des täglichen Lebens unterbrochen werden. Die Kunst Josefines, die kaum merklich unterschieden ist vom Pfeifen der Mäuse bei der Arbeit hat demnach verwandelnde Kraft. Dass die Möglichkeit der Befreiung von den Sorgen, die keine Befreiung von der Arbeit meint, den Mäusen in ihrem Pfeifen immer schon mitgegeben ist, daran erinnert sie Josefines Gesang.

Am Anspruch einer sozialen und politischen Veränderung der Verhältnisse hat sich auch heute, 94 Jahre nach Kafkas Tod die Kunst nach wie vor zu messen. "[S]elbst noch im Scheitern [bleibt der Schriftsteller] […] der Träger einer kollektiven Aussage [...] und wahrt die Rechte eines künftigen Volkes oder eines menschlichen Werdens." [Deleuze, 2000]. Dieses künftige Volk, welches es noch nicht gibt, ist das Volk der Mäuse, für dessen andere Wirklichkeit – als Volk der Gleichen, Gerechten und Solidarischen – wir mit Kafka einstehen sollten.

 

Literatur:

Auerochs, Bernd; Engel, Manfred: Kafka - Leben - Werk - Wirken, 2010.

Arendt, Hannah: Vita Activa oder Vom tätigen Leben, 1981.

Benjamin, Walter: Benjamin über Kafka, 1981.

Deleuze, Gilles: Kritik und Klinik, 2000.

Kafka, Franz: Beim Bau der Chinesischen Mauer und andere Schriften aus dem Nachlaß, 2008.

ders.: Drucke zu Lebzeiten. Textband, 1994.

ders.: Drucke zu Lebzeiten. Apparatband, 1996.

ders.: Nachgelassene Schriften und Fragmente I, 1993.

ders.: Tagebücher, 1990.

Wagenbach, Klaus: Kafka in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, 1964.