Die Marquis Posas müssen gelüftet werden. Kommentar zur Folge 5

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Rosa Luxemburg hatte, wir haben es gerade gehört, "das Bedürfnis, so zu schreiben, dass [sie] auf die Menschen wie der Blitz wirke, sie am Schädel packe" und das nicht "durch Pathos", sondern "durch die Weite der Sicht, die Macht der Überzeugung und die Kraft des Ausdrucks".

Das ist ein Ton, den man vielleicht nicht erwartet hat. Rosa Luxemburg ist von der politisch gebildeten Öffentlichkeit längst zur "Säulenheiligen" der deutschen Demokratie erklärt, ihr radikaler Freiheitsbegriff in einen bürgerlich-liberalen verkehrt worden. Den Satz, dass die "Freiheit immer die Freiheit des Andersdenkenden" sei, konnte Ende der 1980er Jahre selbst Helmut Kohl für sich in Anspruch nehmen. Er hatte nicht im Ruf gestanden, von Rosa Luxemburg am Schädel gepackt worden zu sein. 

Wie verhält sich zu dieser demokratischen Heiligkeit das kriegerische Vokabular von "Blitz", "Macht" und "Kraft"? Es erinnert zum einen daran, dass hier eine Denkerin spricht, die weiß, dass der „Anspruch“ auf Gerechtigkeit und Freiheit nicht "billig abzufertigen", sondern im Kampf gegen mächtige Gegner einzulösen ist. Zum anderen erinnert es an die Zeit, in der sie gedacht, geschrieben, Reden gehalten, politisch gehandelt – und dies zuletzt mit ihrem Leben bezahlt hat, das heißt an das politische Klima des Ersten Weltkrieges, gegen den Luxemburg entschieden Position bezog. 

"Dieser Weltkrieg", schreibt sie nach der Kriegskreditbewilligung am 4. August 1914 durch die SPD,

"ist der "Selbstmord der europäischen Arbeiterklasse. […] Noch ein solcher Weltkrieg, und die Aussichten des Sozialismus sind unter den von der imperialistischen Barbarei aufgetürmten Trümmern begraben." (Krise der Sozialdemokratie, 1915)

"Selbstmord der europäischen Arbeiterklasse" ist der Weltkrieg deswegen, weil die einst internationalen Interessen der Arbeiterklasse nun auch in den eigenen Reihen in nationale Interessen gewendet werden. Jetzt heißt es: "Vaterland in Gefahr", statt "internationale Solidarität" und "Volkskrieg um die eigene Existenz, Kultur und Freiheit", statt "Klassenkampf". Weil Luxemburg nicht müde wurde, darauf hinzuweisen, ist sie als Landesverräterin diffamiert und 1915/1916 wegen "Aufreizung zum öffentlichen Ungehorsam" und "Wehrkraftzersetzung" inhaftiert worden. Am 15. Januar 1919 wurde sie zusammen mit Karl Liebknecht ermordet und in den Berliner Landwehrkanal geworfen. "Die Sau muss schwimmen", hieß die Parole, mit der sie im Berliner Grandhotel „Eden“ eingeliefert und an den Haaren wieder herausgezerrt wurde. 

"Die Frau // musste schwimmen, die Sau // für sich, für keinen, für jeden" erinnert ein Gedicht von Paul Celan an jenes historische Ereignis, das für Heiner Müller nichts Geringeres "als ein europäisches Verhängnis" gewesen ist, weil "historisch gesehen", die Tragödie des deutschen Kommunismus mit der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg beginnt. 

"Das war" – so Müller – "die Enthauptung des deutschen Proletariats. Sie führte zur totalen Abhängigkeit von Lenin beziehungsweise der KP der Sowjetunion. […]. Die Rosa Luxemburg war ein Dialogpartner, ein kontroverser Dialogpartner für Lenin. Danach gab es keinen Partner mehr, es gab nur noch Funktionäre, […] und das war ein Verhängnis, ein europäisches Verhängnis." (Müller, 1991)

Rosa Luxemburgs Mitarbeit in der Arbeiterbewegung begann sehr früh im heute in Polen gelegenen Zamosc. Im Alter von 16 Jahren trat die 1871 in eine jüdische Familie hineingeborene Luxemburg der Arbeiterbewegung bei. Sie erhielt eine humanistische Bildung, lernte sechs Sprachen und las immer wieder – das waren ihre Lieblingsautoren – Goethe, Mörike und Tolstoi. Mit 18 floh sie vor der zaristischen Polizei nach Zürich, studierte dort Botanik und Nationalökonomie und beteiligte sich kurz darauf an der Gründung der Sozialdemokratischen Partei Polens. Bereits in ihrer Doktorarbeit über die industrielle Entwicklung Polens argumentierte sie internationalistisch, nicht für die Unabhängigkeit Polens, sondern für die Verbindung des polnischen Proletariats mit dem deutschen und russischen. Die Nationalstaatlichkeit, schreibt sie, würde diese Verbindung nur unmöglich machen. Umso paradoxer erscheint es, dass sie, um sich in der SPD engagieren zu können, die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen musste. Dafür ging sie 1898 eine Scheinehe ein. Von diesem Zeitpunkt an war sie, bis zu ihrem gewaltsamen Tod, beruflich entweder als Redakteurin für die Zeitungen der SPD oder als Lehrerin in der Parteischule tätig.

Heiner Müllers historischer Blick auf die Ermordung der zwei führenden Köpfe der deutschen Kommunisten als "europäisches Verhängnis" öffnet zwei Zugänge zu Rosa Luxemburg, einen theoretisch-politischen und einen historischen, der die Anfänge der KPD ebenso in sich einschließt wie die Rezeption ihrer Schriften.

Theoretisch-politisch vertritt und entwickelt Rosa Luxemburg eine "Politik von unten", genauer: eine "revolutionäre Realpolitik", die im Zeichen von Aufklärung und Sozialisierung der Gesellschaft steht. Ihr Politikentwurf bewegt sich im Spannungsverhältnis zwischen Revolution und Realpolitik, zwischen der Vision eines utopischen Sozialismus und den tatsächlichen politischen Aufgaben des Tages. Der Prüfstein, an dem die politische Praxis gemessen wird, ist dabei immer der Sozialismus, der das Ziel jeder "revolutionären Realpolitik" ist. Dabei lassen sich zwei wesentliche Unterschiede zur Politik Lenins ausmachen. Zum einen ist der Sozialismus für Luxemburg keine vorgegebene politische Form, sondern im Sinne einer Tendenz zu verstehen. Die praktische Verwirklichung des Sozialismus ist etwas, dass völlig im Nebel der Zukunft liege und kein Lehrbuch oder Parteiprogramm könne darüber Aufschluss geben. Der andere große Unterschied zu Lenin liegt in der Bestimmung des Verhältnisses, das die Partei zum Volk beziehungsweise zur Masse einnimmt. Die hauptsächliche Aufgabe der Partei besteht in der Aufklärung der Masse. Das erfordert in erster Linie Presse und Öffentlichkeit, "[d]enn es geht darum, 

Wissen […] über reale Entwicklungen so zu verbreiten, dass begreifendes Erkennen als selbsttätiger Prozess möglich wird. Das Volk muss so informiert werden, dass es sich selbst überzeugen kann. […] Die Einsichten, die es gewinnt, sollen es befähigen, politisch zu denken in der Perspektive, die politische Macht zu übernehmen." (Haug 1994) 

Dementsprechend setzt Luxemburgs politisch-theoretischer Entwurf beim Alltagsverstand an. Dazu zählt beispielsweise auch der Versuch, dem Volk ihre Schriften durch die häufige Verwendung von Sprichwörtern oder Wortspielen begreiflich zu machen. In diesem Zusammenhang sei auch an die in den Vor- und Nachworten zum "Kapital" bezeugten Bemühungen von Karl Marx erinnert, der seine "Kritik der politischen Ökonomie“ von Fassung zu Fassung, von Überarbeitung zu Überarbeitung dem Leser zugänglicher zu machen. Mehr als Aufklären also, mehr als die schöpferischen Impulse sozialer Bewegungen zu verstärken, kann eine Partei für die Revolution nicht tun. Die politische Umwälzung, die zudem stets unerwartet wie ein Blitz kommt, können nur die Massen selbst vornehmen. Aus diesem Grund waren für Luxemburg Demokratie und Öffentlichkeit so wichtige Grundsteine ihres Politikverständnisses. Öffentlichkeit braucht man, um ein Korrektiv bilden zu können. Und nur das "aktive, ungehemmte, energisch politische Leben der breitesten Volksmassen", das heißt, nur die aktive Partizipation aller an der Demokratie kann zum Sozialismus führen.

Historisch kann man den Grad der Bolschewisierung der KPD gespenstisch präzise an ihrer Luxemburg-Rezeption ablesen. Die Geschichte der KPD lässt sich grob in drei Phasen einteilen: die erste dauert von 1919 bis 1923; in dieser Zeit verfügt die Partei noch über eine ausgeprägte innerparteiliche Demokratie. Die zweite umfasst die Jahre zwischen 1924 und 1928, in denen die Tendenz zur Bolschewisierung allmählich Überhand gewinnt. In der dritten Phase von 1929 bis 1933 wird die KPD schließlich zu einer diktatorisch von Moskau gesteuerten Partei. 

1919 geht die KPD aus der SPD hervor als Fortsetzung der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung, da sich die SPD ihrerseits von einer international solidarischen Politik und vom Ziel des Sozialismus entfernt hatte. Die Gründungsmitglieder der KP, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Paul Levi, Leo Jogiches und Clara Zetkin, waren alle sozialdemokratisch sozialisiert. Dabei bildeten Liebknecht und Luxemburg das unbestrittene geistige Zentrum der Partei. Durch ihre langjährige Mitarbeit genossen sie – national wie international – das größte Ansehen in der Arbeiterbewegung. Ihre Ermordung hinterließ ein intellektuelles Vakuum. Es kam noch hinzu, dass kurze Zeit später der nachfolgende Parteivorsitzende Leo Jogiches, ein enger Vertrauter Luxemburgs und Gegner Lenins, ebenfalls im Gefängnis ermordet wurde. Und so wurde Paul Levi zum Vorsitzenden gewählt, welcher versuchte, die Parteiausrichtung im Sinne Luxemburgs und Liebknechts fortzusetzen, was sich beispielsweise an der Vereinigung von KPD und USPD oder an der Beteiligung an der Nationalversammlung zeigte.  

Noch 1922 bezeichnete man an der zentralen Parteischule Luxemburgs ökonomisches Werk: "Die Akkumulation des Kapitals" als die "theoretische Grundlegung des Kommunismus in Deutschland." Allerdings zeigten sich auch in dieser ersten Phase Tendenzen zur Bolschewisierung. Denn bereits kurz nach den Märzaufständen 1921 wurde Paul Levi, der die Aktion in seiner Broschüre „Wider den Putschismus“ scharfsinnig kritisiert hatte, als Abweichler ausgeschlossen. 

Lenin bemerkte dazu: "Levi hat den Kopf verloren. Er war allerdings der einzige in Deutschland, der einen zu verlieren hatte." (Bloch, 1998) Daraufhin veröffentlichte Levi das ihm von Luxemburg hinterlassene Fragment: "Zur russischen Revolution", während innerparteilich sich immer mehr die Tendenz zu einem Luxemburg-Verdikt abzeichnete. 

Dieses setzte sich 1924 schließlich in der Komintern durch, während es in der KPD zumindest noch einige Randfraktionen gab, die Luxemburg nahestanden. Nach den Oktoberaufständen des Jahres 1924 fand der erste große Führungswechsel innerhalb der KPD statt, in der eine neue Generation die Führung übernahm und die Partei zu zentralisieren versuchte. Allerdings gelang dies noch nicht ganz, da sich die Fraktionen in der Tradition Luxemburgs noch immer halten konnten. Erst 1929 war die Stalinisierung abgeschlossen. Die Partei war zu einer straff disziplinierten Organisation mit strikt zentralisierter Befehlsgewalt geworden, das heißt zu einem blind gehorchenden, politischen Instrument der UdSSR Stalins. Alle Fraktionen – etwa die Gruppen um Gershom Scholem und Arthur Rosenberg¬, die noch eine Verbindung zu Luxemburg hatten – wurden entweder ausgeschlossen oder verließen selbstständig die KPD. Gegner der KPD war von nun an in erster Linie die SPD, deren Politik als "Sozialfaschismus" verunglimpft und bekämpft wurde. Die Verbindung zur Frühgeschichte des deutschen Kommunismus war damit abgerissen und das Projekt der Herausgabe der gesammelten Werke von Rosa Luxemburg – der 4.Teil erschien noch 1928 – wurde auf Eis gelegt.

Vor dem Hintergrund der gerade skizzierten Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung und der KPD werden die historische Tragweite und die Tragik der Texte Rosa Luxemburgs verständlich.

 

Gegen Ende ihres Lebens lassen sich im Denken Rosa Luxemburgs zwei verschiedene Haltungen zur Revolution ausmachen. Die eine ist aus Überzeugung affirmativ, den sicheren Sieg erwartend. Die andere ist dunkler und wird dann kenntlich, wenn Luxemburg vom Golgathaweg der Befreiung spricht und die Passion Christi in die Geschichte der Klassenkämpfe übersetzt, oder wenn sie die Revolution sprechen lässt: "Ich war, ich bin, ich werde sein". Hier erscheint die Revolution eher als verzweifelte Hoffnung, als Glaube daran, dass der sozialistische Geist auch dann überleben wird, wenn die Revolutionäre verfolgt, gefangen und ermordet sind. 10 Jahre nach dem Tod Luxemburgs, das Scheitern des deutschen Kommunismus und den Aufstieg des Nationalsozialismus vor Augen, schreibt Brecht im Fatzer-Fragment: 

"Und von jetzt ab und eine ganze Zeit über / Wird es keinen Sieger mehr geben / Auf eurer Welt, sondern nur mehr / Besiegte."

Mit Blick auf die Novemberrevolution 1918 variiert der Historiker Wolfgang Niess einen berühmten Satz von Marx: "Alle Geschichte ist eine Geschichte von Kämpfen um die Deutung von Geschichte." So konkurrieren im Laufe des 20. Jahrhunderts unterschiedliche Deutungen der Novemberereignisse, die vom Verrat an Kaiser und Reich über die Geburtsstunde der deutschen Republik oder die verpasste Chance der Demokratisierung bis hin zur Abwehr der bolschewistischen Gefahr reichen. Der politische Kampf um die Deutung der Revolution fand in den 1990er Jahren ein unspektakuläres Ende, als mit dem Untergang der DDR plötzlich die gesamte deutsche Geschichte glücklich an ihr demokratisch-liberales Ende gekommen und alles gut geworden war. Eine ähnliche Geschichte erzählen die Deutungen der Gestalt Rosa Luxemburgs, die von der blutigen Rosa, über die Anti-Kommunistin bis hin zur Heldin der Freiheit und zur Heiligen reichen. Eine ihrer wohl berühmtesten Rezeptionen stammt von Karl Kraus, der sie als "Bändigerin von Menschenbestien, von denen sie zerfleischt ward" bezeichnete und den "Büffel-Brief", den wir zum Abschluss noch hören werden, als verpflichtende Schullektüre für alle deutschsprachigen Länder forderte. 

Wie bei der Novemberrevolution so endet auch hier der Streit in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in der bürgerlich-liberalen Demokratie, als deren Apostel Rosa Luxemburg nun zu gelten hat.

Spätestens am 15. Januar 2019, pünktlich zu ihrem hundertsten Todestag, wird Rosa Luxemburg erneut in den Mittelpunkt des medialen Interesses rücken. Am 9. November diesen Jahres steht außerdem noch das hundertjährige Jubiläum der deutschen Revolution an. Man wird wieder etwas zu verkaufen haben: die Demokratie, den Fortschritt, die Freiheit, die Menschenrechte, die offene Gesellschaft. 

Literaturhinweise: Badia, Gilbert: Rosa-Luxemburg-Rezeption im 20.Jahrhundert, in: Rosa Luxemburg im internationalen Diskurs, 2002.Bloch, Charles: Paul Levi - Ein Symbol der Tragödie des Linkssozialismus in der Weimarer Republik, in: Juden in der Weimarer Republik, 1998.Brecht, Bertolt: Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer, Bühnenfassung von Heiner Müller, 1994.Celan, Paul: Du liegst, in: Schneepart, 1971.Haug, Frigga: Rosa Luxemburg und die Kunst der Politik, Hamburg 2007.Kinner, Klaus: Die Luxemburg-Rezeption in KPD und Komintern, in: Rosa Luxemburg im internationalen Diskurs, 2002.Luxemburg, Rosa: Die Krise der Sozialdemokratie, 1915.Dies.: Zur russischen Revolution, 1918.Dies.: Was will der Spartakusbund?, 1918.Dies.: Rede für die Beteiligung der KPD an den Wahlen der Nationalversammlung, 1918.Dies.: Die Ordnung herrscht in Berlin, 1919.Müller, Heiner: Nekrophilie ist Liebe zur Zukunft, in: Jenseits der Nation, 1991.Niess, Wolfgang: Die Revolution 1918/19 in der deutschen Geschichtsschreibung, 2013.Weber, Hermann: Die Stalinisierung der KPD – Alte und neue Einschätzungen, in: Jahrbuch für historische Kommunismusforschung, 2007. 

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