DIE MARQUIS POSAS MÜSSEN GELÜFTET WERDEN. KOMMENTAR ZUR FOLGE 4

TOTENKLAGE

ombula

take

biti

solunkola

tabla tokta tokta takabla

taka tak

tabubu m’balam

tak tru – ü

wo – um

biba bimbel

o kla o auw

kla o auwa

kla – auma

o kla o ü

kla o auma

klinga – o – e – auwa

ome o-auwa

klinga inga M ao – Auwa

omba dij omuff pomo – auwa

tru-ü

tro-u-ü o-a-o-ü

mo-auwa

gomum guma zangaga gago blagaga

szagaglugi m ba-o-auma

szaga szago

szaga la m'blama

bschigi bschigo

bschigi bschigi

bschiggo bschiggo

goggo goggo

ogoggoa-o – auma

 

Das Lautgedicht TOTENKLAGE, das Hugo Ball im Juni 1916 verfasst und während einer DADA-Soirée im Züricher Cabaret Voltaire öffentlich vorgetragen hat, eröffnet den zweiten Teil der Lesereihe zur deutschen Demokratie, der den revolutionären Aufbrüchen in Deutschland um 1918 gewidmet ist. Die Klage steht zugleich am Beginn der Lesung von Hugo Balls bahnbrechender Abhandlung "Zur Kritik der deutschen Intelligenz".

Titel und Thema des Lautgedichts sind kein dadaistischer Jux und kein Zufall: Am 21. Februar 1916 hatte die mechanisierte Massenschlächterei vor Verdun begonnen, die jedes Vorstellungsvermögen der bisherigen Menschheit in die Luft sprengte. Deswegen ist auch die Form des Gedichts kein Zufall. Hugo Ball ersetzt in der Totenklage die gewöhnliche, traditionelle Sprache durch wortlose Laute – erstens, weil die gängigen, bedeutungstragenden Wörter nicht hinreichen, um das Grauen und den Zynismus des Kriegs auszudrücken, zweitens, weil die konventionelle Sprache von der Staats- und Militärpropaganda systematisch missbraucht, pervertiert und gezielt zur Lüge entstellt worden ist – zum Beispiel in Versen wie den folgenden, die zwar ordentlich klingen, aber grauenhaft unwahr sind.

"Mein Volk im grauen Eisenkleid,

zu Gottes Schildamt geschaffen,

nun starren Fluren und Fluten weit

von deinen heiligen Waffen

[…]

Der Krieg weiß nichts vom Sterben,

Wir wissen uns Hüter und Kämpfer des Lichts

Und kennen unsere Erben."

 

Um solche national-theologischen Delirien zu vermeiden – sie sind im Gedicht "Das Volk in Eisen" des Burschenschafter-Dichters Walter Flex zu finden –, muss man noch einmal zurückgehen auf das Artikulationsvermögen vor jeder etablierten Bedeutungsordnung, auf die kindlich lallende vox humana vor jeder Semantik. In der gewöhnlichen Sprache stimmt kein einziges Wort mehr. Sie ist verrückt (ge-)worden. Mit konventionellen Wörtern und Sätzen lässt die Wahrheit sich nicht mehr sagen. Was soll ein Ausdruck wie "Volk im Eisenkleid" bedeuten angesichts des Breis aus Eingeweiden, Schlamm, Knochen und der bestialischen Schreie der Krepierenden? Was ist das für ein "Krieg", der vom Sterben – angeblich – nichts weiß?

Die Erfahrung, die den von Hugo Ball und Emmy Hennings initiierten Züricher DADA-Soiréen der Jahre 1916/17, aber auch der 1918 in Bern entstandenen Abhandlung "Zur Kritik der deutschen Intelligenz" vorausliegt, ist damit umrissen. Es ist die Erfahrung eines zivilisatorischen Total-Zusammenbruchs. Der Kriegsausbruch 1914 löste nicht bei allen Zeitgenossen patriotische Hochgefühle und Hurra-Reflexe aus, wie eine Passage aus Balls zwischen 1914 und 1920 entstandenem DADA-Roman"Tenderenda, der Phantast" deutlich macht. Die Szene des Kriegsbeginns im Sommer 1914 wird darin wie folgt geschildert:

"Eines ist gewiss", sprach Benjamin, "Intelligenz ist Dilettantismus. Intelligenz blufft uns nicht mehr. Sie schauen hinein, wir schauen heraus. Sie sind Jesuiten der Nützlichkeit. […] Ihre Bibel ist das bürgerliche Gesetzbuch."

"Du hast recht", sagte Jopp, "Intelligenz ist verdächtig: Scharfsinn verblühter Reklamechefs."

"Genug", sprach Benjamin, "mir wird übel, wenn ich von 'Gesetz' höre und von 'Kontrast' und von 'also' und 'folglich'. Ich hasse die Addition und die Niedertracht. Man soll eine Möwe, die in der Sonne ihre Schwingen putzt, auf sich beruhen lassen und nicht 'also' zu ihr sagen, sie leidet darunter."

"Also", sprach Stiselhäher, „lasset uns das Karussellpferd Johann in Sicherheit bringen und einen Kantus singen auf das Fabelhafte."

"Ich weiß nicht", sprach Benjamin, "wir sollten doch lieber das Karussellpferd Johann in Sicherheit bringen. Es sind Anzeichen vorhanden, dass Schlimmes bevorsteht."

In der Tat waren Anzeichen vorhanden, dass Schlimmes bevorstand. Ein Kopf war gefunden worden, der schrie "Blut! Blut!" unstillbar, und Petersilien wuchsen ihm über die Backenknochen. Die Thermometer standen voll Blut, und die Muskelstrecker funktionierten nicht mehr. In den Bankhäusern diskontierte man die Wacht am Rhein.

"Wohl, wohl", sagte Stiselhäher, "lasset uns das Karussellpferd Johann in Sicherheit bringen. Man weiß nicht, was kommen mag."

Auf himmelblauer Tenne, mit großen Augen, ganz in Schweiß gebadet, stand das Karussellpferd Johann. "Nein, nein", sagte Johann, "hier bin ich geboren, hier will ich auch sterben." Das war aber eine Unwahrheit. Denn Johanns Mutter stammte aus Dänemark, der Vater war Ungar. Man wurde sich aber doch einig und floh noch in selber Nacht." (Hugo Ball: Tenderenda, der Phantast)

Mit dieser Szene beginnt das dritte Kapitel des Romans. Es handelt davon, so die Kapitelüberschrift, wie "eine phantastische Dichtergemeinde im Sommer 1914 Unrat wittert und den Entschluss fasst, ihr Steckenpferd Johann [also die Poesie] rechtzeitig in Sicherheit zu bringen" – und zwar in Sicherheit vor einer Wirklichkeit, die an Dinge wie Aktienkurse, Torpedos oder auch an das "Septemberprogramm" des Staatssekretärs Wilhelm Solf glaubt, in dem im September 1914 Kriegsziele für die deutsche Schwer- und Exportgüterindustrie formuliert worden waren. Die Herren vom Kartell wünschten sich darin – wenig überraschend (das ist noch heute so) – die Erschließung neuer Erzlager und militärisch gesicherte Absatzmärkte.

Völlig zu Recht wittert die Dichtergemeinde – porträtiert sind damit Künstler wie Walter Serner, Clara Walter oder Tristan Tzara – allergrößten Unrat und flieht noch in derselben Nacht. Es ist die Nacht des ersten Weltkriegs, in dem insgesamt 8 Millionen 255 Tausend 534 Soldaten sterben werden und der weitere, ungezählte Millionen von Witwen, Waisen, Verkrüppelten, Vergasten, Zwangsprostituierten, verrohten Landsknechten, krepierten Pferden zurücklassen wird – in einer Welt, die T.S. Eliot 1922 zu Recht "The Waste Land" nennt.

Im Gegensatz zu den DADA-Poeten wollte die staatstragende deutsche Intelligenz vom Irrsinn und vom Elend des Krieges nichts wissen. Sie betrachtete ihn als Werk der höheren Vernunft, des Weltgeistes oder des "Gottes, der Eisen wachsen ließ", und begab sich unverzüglich an die Schreibtischfront, um dort – wie der größte Theologe des Zweiten Reichs, Adolf von Harnack formulierte – mit der "Riesenschlange" der "internationalen Lügenpresse" zu ringen. Aus den Tintenfässern der deutschen Professoren, Leitartikler, Ministerialreferenten, Landesbischöfe und Pastoren sprudeln unaufhörlich Aufrufe, Abhandlungen, Rechtfertigungen, Kriegspredigten. Es gibt kein Halten mehr, wenn Kaiser und Vaterland zum "Gedankendienst mit der Waffe" rufen, wie Thomas Mann seine sechshundertseitigen "Betrachtungen eines Unpolitischen" nannte. Darin finden sich Prachtsätze wie (O-Ton Thomas Mann): "Im Osten Deutschlands beugt die Dienerschaft sich noch zum Kusse des herrschaftlichen Rocksaums – eine Gebärde, die mit Natürlichkeit und Würde ausgeführt und ohne Verlegenheit hingenommen wird. Ich betone dies letztere, weil es mir persönlich als das Schwerere erscheint."

Je länger man die Sätze anschaut, desto obszöner schauen sie zurück. Die Obszönität wird nicht kleiner, wenn man weiß, dass Thomas Mann die Herrschafts-Erotik der anmutig geküssten Rocksäume durch die alles nivellierende Demokratie aus dem Westen lebensgefährlich bedroht sieht, so dass man sie weit vorn im Feindesland verteidigen muss – vor dem Fort Douaumont, am Chemin des Dames, bei Vimy oder Bullecourt. Dort, wo alle Frauen freche Kokotten sind und das Volk, dieser blutrünstige Lümmel, immerzu schreit: "Vive la République".

Es gehört zum Unglück der Demokratie in Deutschland, dass Thomas Manns "Betrachtungen eines Unpolitischen" durchs ganze 20. Jahrhundert zum Bestand der bürgerlichen Bildung gehört haben, während Hugo Balls dreihundertseitige Abhandlung "Zur Kritik der deutschen Intelligenz" schon bei ihrem Erscheinen im Januar 1919 durchgefallen war. Das Buch wurde zielstrebig niedergeschrieben und ins Vergessen gestoßen: Vaterlandsverrat, Nestbeschmutzung, Beleidigung, Unverschämtheit.

Der Grund, weswegen Balls Kritik in Deutschland nie angekommen ist, erschließt sich bereits aus den ersten Sätzen des Vorworts. Erstens ist für Ball die sogenannte Kriegsschuldfrage schon während des Krieges beantwortet – fast ein halbes Jahrhundert vor der sogenannten Fischer-Kontroverse aus dem Jahr 1963: Ja, das deutsche Kaiserreich wollte den Krieg, es wollte nicht den Frieden. Zweitens stellt Ball die Frage, wie es zum Skandal eines Volkes kommen konnte, das noch im 20. Jahrhundert Rocksaumküsse und Prügelstrafen für anmutig und natürlich hält. Und dabei stößt er drittens auf den noch größeren Skandal einer deutschen Intelligenzija, die das Drei-Klassen-Wahlrecht, eine neo-absolutistische Monarchie, Gasangriffe und Blutmühlen als kulturelle Spitzenleistung feiert und sie aus der abstrusen Idee der spezifisch Deutschen Freiheit ableitet – die genau darin besteht, sein Maul zu halten und sich gefälligst ins organische Volksganze einzugliedern, freiwillig natürlich. Ball schreibt:

"Der Sinn dieses Buches ist es, dass es die während des vierjährigen Krieges gegen die Regierungen der Mittelmächte erhobene Schuldfrage systematisch ausdehnt auf die Ideologie der Klassen und Kasten, die diese Regierungen möglich machten und stützten. […] Die deutsche Staatsidee ist es, die ich mit diesem Buch treffen will. […] Die Frage nach den Gründen unserer Isolation beschäftigte mich seit Herbst 1914. Ich bemühte mich, die Prinzipien ausfindig zu machen, mit denen das Deutschtum der ganzen Welt sich entgegensetzte." (Hugo Ball, Zur Kritik der deutschen Intelligenz)

Von Balls Kritik der preußisch-deutschen Ideologie wollte man seinerzeit nichts wissen. Sie blieb ungehört. Zum hundertjährigen Geburtstag des Buches ist es höchste Zeit, sie endlich zur Kenntnis zu nehmen und aufzunehmen in den Kanon der deutschen Literatur- und Philosophiegeschichte.

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Die Prinzipien, die Hugo Ball als Ursache der deutschen Misere ausfindig macht und "mit denen das Deutschtum der ganzen Welt sich entgegensetzte", sind religiöser Natur. Im Zentrum steht eine deutsch-imperiale Herrschafts- und Auserwähltheits-Ideologie, die vom Christentum nicht die demokratischen Ideen universaler Brüderlichkeit, der Feindesliebe, der Gewaltlosigkeit und Barmherzigkeit zurückbehalten hat, sondern einen hohl scheppernden, leeren Namen, mit dem sich ein räuberisches Gewalt- und Willkürregime schmückt. Sein Ziel und seine "raison d’être" sind – um es mit Heinrich von Treitschke zu sagen – "zum ersten Macht, zum zweiten Macht und zum dritten nochmals Macht". Und sonst gar nichts. Den historische Ursprung des ebenso arroganten wie brutalen preußisch-deutschen Machtstaats hat Hugo Ball in der Zerschlagung der deutschen Bauernaufstände entdeckt und sie theologisch präzise rekonstruiert. Die Zerschlagung (und anschließende damnatio memoriae) dieser Revolution erklärt unter anderem auch, warum in Deutschland nach wie vor keine Revolutionen, wohl aber die Reformation und Lutherjahre gefeiert werden.

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Nachdem Ball im ersten Teil seiner „Kritik der deutschen Intelligenz“ die revolutionäre Gestalt Thomas Münzers und den folgenschweren Sieg Luthers ins Gedächtnis gerufen hat, das Scheitern der ersten deutschen Revolution an skrupellosen Pfaffen und Feudalherren, untersucht er in den Folgekapiteln die intellektuellen Konsequenzen dieser Niederlage und ihrer Verdrängung. Sie machen sich vor allem dort bemerkbar, worauf man in Deutschland glaubt, ganz besonders stolz sein zu können, nämlich in der transzendentalphilosophisch geputzten, deswegen sehr reinen Vernunft. Noch die Latrinenreinigungsvorschriften des preußischen Heeres – um im Bild zu bleiben – weiß man auf Kants kategorischen Imperativ zurückzuführen. Umgekehrt weiß jede deutsche Frontlatrine sich im Einklang mit dem gestirnten Himmel über ihr. In der klassischen deutschen Philosophie entdeckt Ball – er hat dabei zeitgenössische Geistesheroen und Kriegsbefürworter wie Wilhelm Wundt, Walter Sombart oder Max Scheler vor Augen – einen mächtigen Willen zur Katzbuckelei. Der absolute Geist, der in den Bildungsanstalten des Reiches umherstolziert, entpuppt sich als Macht- und Männerphantasie. Er beseelt umtriebige Denunzianten, notorische Heuchler und feige Untertanen.

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Die demokratische Kirche der Intelligenz, der freien Geister, der Großherzigkeit, die neue Republik, die Hugo Ball sich erhofft und für die er seine „Kritik“ im Schweizer Exil geschrieben hatte, sind nicht gekommen. Nach der Ermordung Kurt Eisners im Februar 1919 und der Zerschlagung der Münchner Räterepublik zwei Monate später war Balls anarcho-sozialistischer und anarcho-christlicher Demokratieentwurf Makulatur.

Die Kritiken fielen vernichtend aus: "Das ganze Buch ist vergiftet durch den Hass gegen das Deutschtum, daher ist es auch zwecklos, auf einzelnes einzugehen", hieß es in der „Frankfurter Zeitung". "Genug davon! Bemerkenswert an alledem erscheint uns nur eines: dass es möglich war, ein geistig so tief stehendes politisches Pamphlet deutschen Lesern im Druck anzubieten", schrieb Gerhard Ritter in der "Historischen Zeitschrift". Kurzum, der antidemokratische Geist von Potsdam und der deutsche Überlegenheitswahn – mit Kant, Fichte und Hegel im Tornister und einem eifrig scharrenden Hitler in den Startlöchern – machten unverdrossen weiter.

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Hugo Ball versuchte Anfang der 1920 Jahre in Deutschland, das er im Frühjahr 1915 als erfolgreicher Dramaturg und frecher Expressionist verlassen hatte und in das er als engagierter Intellektueller zurückgekehrt war, wieder Fuß zu fassen, unter anderem in München. Die Versuche endeten kläglich. Hugo Ball kehrte mit Emmy Hennings ins Schweizer Exil zurück und starb dort 1927 – bitterarm – im Alter von 41 Jahren.

 

Literaturhinweise:
Hugo Ball: Zur Kritik der deutschen Intelligenz, hrsg. v. Hans Dieter Zimmermann, Sämtliche Werke, Band 5, Göttingen 2005.
Klaus Böhme (Hrsg.): Aufrufe und Reden deutscher Professoren im Ersten Weltkrieg, Stuttgart 1975 (2. Aufl. Stuttgart 2014)
Kurt Flasch: "Von der 'Kritik der deutschen Intelligenz'’ zu Dionysius Aeropagita", in: Bernd Wacker (Hrsg.): Dionysius DADA Areopagita. Hugo Ball und die Kritik der Moderne, Paderborn, München, Wien, Zürich 1996.
Edlef Köppen: Heeresbericht, Stuttgart 2015 (1. Aufl. Berlin 1930)