Die Marquis Posas müssen gelüftet werden. Kommentar zur Folge 2

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2018 lesen Schauspieler aus dem Ensemble monatlich vor einer Vorstellung ausgewählte Texte, die auf 1848, 1918, 1968 und 2018 datieren und an die Courage deutscher demokratischer Schriftsteller erinnern. Christian Begemann kommentiert die zweite Ausgabe der Lesereihe zu Annette von Droste-Hülshoffs "Die Judenbuche" und geht auf die verborgenen sozialen Aspekte der Erzählung ein.

Annette Freiin Droste zu Hülshoff, geboren 1797, hat die Anfänge der Revolution von 1848 gerade noch erlebt. Auf der Meersburg am Bodensee, wo sie zu diesem Zeitpunkt bei Schwester und Schwager wohnte, wurden die 'Unruhen' mit Besorgnis registriert, im gegenüber liegenden Konstanz rief man im April eine Republik aus, die drei Tage Bestand hatte. Auf der Meersburg packte man die Koffer. Bereits im Mai 1848 aber starb Droste-Hülshoff, 51jährig. Dass sie die Revolution guthieß, wird man nicht behaupten können. Ihre weltanschauliche Haltung wird üblicherweise als sehr katholisch beschrieben; tief sei sie im Konservatismus des westfälischen Landadels verwurzelt gewesen, dem sie entstammte. Bei genauerem Zusehen trifft weder das eine noch das andere so ganz zu. Trotz aller Gläubigkeit kennt sie bohrende Zweifel, und dass sich an den verkrusteten Adelsprivilegien und ihren sozialen Folgeerscheinungen vieles würde ändern müssen, war ihr aus ihrer eigenen Lebenserfahrung mehr als deutlich. An ihrem jüngeren Bruder Werner, dem Erben des Familiensitzes Hülshoff, kritisiert sie, dass er "nur mit dem Adel umgeh[e]", der zur Empörung des "Bürger- und Bauernstands" nur seine eigenen Anliegen im Blick habe: "ich wollte die Herren dächten auch zuweilen an allgemeinere Landes-Interessen" (Brief vom 2.8.1844). Das begründet noch keine Sympathien für deutsche Demokratie oder Revolution. Aber der scharfe Verstand der Autorin, den man immer wieder hervorgehoben hat – die Familie durchaus mit Unbehagen –, hat sie eigene Wege gehen und eigene Wahrnehmungen machen lassen, die sich nicht bruchlos mit einem landadeligen Konservatismus verrechnen lassen.

Kaum etwas belegt das besser als die 1842 erschienene Erzählung "Die Judenbuche", mit der ein später und zunächst bescheidener Erfolg der Autorin begann. Es handelt sich dabei um eine ländliche Kriminalgeschichte, in deren Zentrum zwei Morde und die Geschichte eines mutmaßlichen Mörders stehen. Aber das ist es gar nicht so sehr, was das Faszinosum dieses eigensinnigen, dichten und schwer auflösbaren Textes ausmacht. Es ist vielmehr der klare dia­gnostische und gelegentlich sarkastische Blick auf soziale Situationen, Phänomene und Verhaltensweisen, die zwar im Westfalen der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts angesiedelt sind, aber für die restaurativ-vorrevolutionäre Epoche eine hohe Prägnanz besitzen. In ihnen kündigt sich ein Rumoren an, an dessen Ende eine Revolution stehen mag.

Im Rahmen dieser Reihe haben wir uns bewusst auf diejenigen Passagen der "Judenbuche" beschränkt, die uns die vermeintlich eher konservative Autorin dann eben doch in mancher Hinsicht im Vorfeld der Revolution zeigen, auch wenn eine politische Dimension in ihrer Erzählung kaum erkennbar ist. Zum Teil verbergen sich die sozialen Aspekte der Geschichte in einem anderen Konzept: Der Untertitel der Erzählung "Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westphalen" deutet bereits auf die Westphälischen Schilderungen der Autorin von 1845 hin, eine der damals beliebten Lokalbeschreibungen von Land und Leuten. Hier wird eine Art 'Binnenethnologie' betrieben, die über Lebensweisen, Herrschaftsverhältnisse, alltäglichen Holzdiebstahl, Aberglauben, häusliche Gewalt, Alkoholmissbrauch und vieles andere unterrichtet. Das alles erinnert sehr stark an die "Judenbuche" und hebt deren Schilderungen ins Regionaltypische. In diesem Rahmen ist nun allerdings eine präzise Wahrnehmung für soziale Beziehungen, Macht- und Geschlechterverhältnisse angesiedelt. Ich möchte im Folgenden vier Aspekte hervorheben:

1. Da ist zunächst einmal das Thema Wald. Im krassen Gegensatz zur gerade vergangenen Literatur der Romantik zeigt Droste-Hülshoff den Wald als sozialen Brennpunkt und Tatort. Nichts markiert den Abstand deutlicher, als die ironische Bezeichnung des gewalttätigen Erdenwinkels als "tiefe und stolze Waldeinsamkeit" – eine Vokabel, die zur deutschen Romantik gehört wie die 'mondbeglänzte Zaubernacht' oder der Vogel als Prophet. Nichts davon in der "Judenbuche". Im Mord am Förster Brandis kulminieren uralte Konflikte. Sehr verkürzt gesagt, war der Wald bis ins Frühmittelalter eine res nullius, eine Sache, die niemandem gehörte und von allen genutzt werden konnte, ein Niemandsland. Seit dem Mittelalter aber setzt eine Aneignung des Waldes durch die Grund- und Landesherren ein, die Wald verschenken oder als Lehen vergeben, exklusive Nutzungen beanspruchen, wie etwa das Jagdrecht, oder Nutzungsrechte vergeben oder verweigern. Diese Entwicklung hat gravierende soziale und rechtliche Verwerfungen zur Folge, zumal einer Konfliktpartei, den Grundherren, die niedere Gerichtsbarkeit zustand. Erst zur Zeit Droste-Hülshoffs geht das 'hölzerne Zeitalter', wie der Soziologe Werner Sombart es genannt hat, zu Ende, eine Zeit, in der Holz und Wald die maßgeblichen Ressourcen waren: Baustoff, Energielieferant, Weidefläche und vieles mehr. Mit den herrschaftlichen Aneignungen des Waldes setzen nicht enden wollende Zwistigkeiten ein, die sich nicht zuletzt an den Förstern entluden, die die Interessen der Herrschaft im Wald wahren sollten. Droste-Hülshoff kannte dies – wie übrigens auch die Geschichte vom Mord an Aaron – aus der Familie ihrer Mutter: Die Freiherren von Haxthausen waren in einen solchen Konflikt involviert, der bis ins frühe 15. Jahrhundert zurückreichte. Zahllose Gerichtsentscheidungen konnten diesen Zwist um die Verfügung über die wichtigste ökonomische Ressource nicht beilegen, der sich bis 1848 hinzog. Dass die 'wilde' Nutzung des Waldes als 'Holzfrevel' kriminalisiert wurde, verdeckt die Tatsache, dass sich die ländliche Bevölkerung im Besitz guter alter Rechte sah. Obwohl Droste-Hülshoff in diesem Konflikt hätte Partei sein können, schildert sie ihn doch unvoreingenommen und differenziert. Sie zeigt die ungleichen juristischen Möglichkeiten, die Mechanik der Eskalation im Widerstreit der Rechtsauffassungen, in dem Gewalt mit Gegengewalt beantwortet wird und beide Seiten sich schuldig machen. Bemerkenswerterweise aber sehen weder die Blaukittel noch die Autorin selbst den "Krieg um den Wald", wie der Historiker Wilhelm Heinrich Riehl wenige Jahre später formulieren wird, als eine politische Aktion, die also etwa auf grundlegende Veränderungen der Herrschafts- und Besitzverhältnisse abzielen würde. Riehl empört sich kurz nach der Revolution darüber, dass Wald mutwillig zerstört wurde, um die Besitzenden zu schädigen – Waldfrevel mithin als ein, wie auch immer missverstandener, revolutionärer Akt. Diese Dimension bleibt in der "Judenbuche" noch latent, aber im Wissen um die Vor- und Nachgeschichte sieht man, wie genau die Autorin den Konfliktherd erzählerisch einkreist. Es scheint nur leicht veränderter Rahmenbedingungen bedurft zu haben, um einen politischen Funken aus ihm überspringen zu lassen.

2. Der soziale Blick des Textes bewährt sich auch dort, wo Friedrich Mergels Entwicklung zur Delinquenz gezeigt wird. Sie wird in einer fast schon naturalistischen Milieuschilderung in historische, regionale, soziale und familiäre Verhältnisse eingebettet. In der Dorfgesellschaft wie in der Familie herrschen soziale Rohheit, Gewalt und Aberglaube. Der Vater ist ein Trinker, der seiner Gewaltneigung an seiner ersten wie seiner zweiten Frau freien Lauf lässt. Die Widerstandskraft der energischen und selbstbewussten Mutter wird bald durch das häusliche Elend gebrochen. Obwohl eine "brave, anständige Person", ist sie die Schaltstelle zwischen den gesellschaftlichen Werten und ihrem Sohn, dem sie die verworrenen Rechtsauffassungen ihrer Zeit einpflanzt. Das Kind überlässt sie dem unlösbaren Widerspruch, dass es einerseits fromm und artig sein, nicht lügen und stehlen soll, während diese Normen andererseits auf den Kopf gestellt werden. Die Rechtsunsicherheit muss in diesem pädagogischen Szenario zur moralischen Verwirrung werden. Gesellschaftlich führt die prekäre Lage der Familie zu ihrer Isolation. Der Vater wie die zunehmend verarmte und demoralisierte Mutter werden von den Dörflern aufgegeben, "wie es denn die Art der Menschen ist, gerade die Hülf­losesten zu verlassen". Friedrich reagiert mit einem Akt der Überkompensation. Seine soziale Existenz ist völlig ungesichert, und wer er in Wahrheit sein könnte, deutet sein "verkümmertes Spiegelbild" Johannes Niemand an. Umso mehr neigt Friedrich dazu, dieses Faktum durch sozialen Schein zu maskieren und zu überspielen. Er legt einen "grenzenlosen Hochmut" an den Tag und wird zum skrupellosen Aufschneider, der sein erschlichenes Ansehen auch mit Gewalt zu verteidigen sucht. Die beiden späteren Mordopfer treffen Friedrich genau an der Stelle, an der er am verwundbarsten ist, und provozieren damit seine Rachegefühle. An Friedrich Mergel zeigt sich die Genese eines ländlichen Proletariats, dem, wie man in Anlehnung an Marx sagen könnte, das Bewusstsein für die soziale und politische Dimension seiner Lage fehlt und das nicht zuletzt darum den Weg in die Kriminalität geht. Die Klugheit und Differenziertheit des Textes liegt darin, dass er diese komplexe Situation als ein Bündel widersprüchlicher und ambivalenter Faktoren transparent machen kann. Er zeigt einen sozialen Nexus mit hochgradig determinierendem Charakter, ohne doch die Individuen aus ihrer individuellen Verantwortlichkeit zu entlassen und ohne primär auf politische Lösungen zu setzen.

3. Es ist alles andere als Zufall, dass es sich bei den beiden Mordopfern um Außenseiter handelt, wenngleich sehr verschiedenartige. Der Förster Brandis ist Vertreter der Herrschaft, ohne dieser anzugehören, wird aber als solcher aus dem Weg geräumt. Während die Gutsherrschaft sich patriarchalische Fürsorge und joviale Herablassung leisten kann, muss der Förster den Kopf für die Wahrung eines Besitzstands hinhalten, der nicht sein eigener ist. Seine Ermordung ist das Resultat einer trüben Mischung aus privater Rache bei Friedrich und krimineller Energie bei den Blaukitteln, die von abweichendem Rechtsverständnis und einem Moment anarchischen Aufbegehrens gegen die Herrschaft unterfüttert wird. Das zweite Mordopfer ist der jüdische Händler Aaron, dessen ‚Fehler‘ darin besteht, seinen Berufsgeschäften nachzugehen. Da Juden keinen Zugang zu den Gilden und Zünften hatten, wurden sie mehr oder weniger in die Bereiche Handel, Pfandleihe und Geldverleih, der den Christen untersagt war, abgedrängt. Unter den Handwerken war ihnen lediglich die Metzgerei erlaubt, da die jüdischen Speisevorschriften rituelle Schlachtungen voraussetzten. Das Geldgeschäft macht sie offenbar in der Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft fast schon automatisch zu "Schelmen" und Betrügern. Die Schulden, die man selber macht, fallen dann als Schuld auf den Gläubiger zurück. Ihre berechtigte Rückforderung erscheint als unerträgliche Zumutung. Pogromstimmung liegt in der Luft. Förster und Juden sind Freiwild, im Gegensatz zu den ersteren aber sind die Juden ungefährlich, weil wehrlos. Der Text teilt uns wenig über ihre Lage und Lebensweise mit, aber genug, um die Abgründe eines alltäglichen Antisemitismus erkennen zu lassen, zu dessen folkloristischen Vergnügungen es gehört, einen Juden gegen ein Schwein aufzuwiegen. Anders als manch einer ihrer Schriftstellerkollegen hat die katholische Autorin diesen Antisemitismus nicht geteilt. Registriert hat sie ihn sehr wohl. Die Emanzipation der Juden, ihre "bürgerliche Verbesserung", wie man damals sagte, ist zum Zeitpunkt des Geschehens noch ein gutes Stück entfernt. Man steht zwar Mitte des 18. Jahrhunderts auf dem Scheitelpunkt der Aufklärung, aber von dieser ist weit und breit nichts zu sehen. Das schwingt als Subtext in der Erzählung mit und wirft einen weiteren Schatten über die unromantische "Waldeinsamkeit" Westfalens. Wo Aufklärung, jüdische Emanzipation und Erringung der Bürgerrechte ausbleiben, muss man sich an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs halten, um den Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Aber das ist nur eine von mehreren vagen Optionen in dieser an Rätseln reichen Erzählung.

4. "Die Judenbuche" ist kein politischer Text. Im Gegensatz zur Literatur des Jungen Deutschlands und des Vormärz verfolgt er keine politische Agenda und hat keine politische Vision. Das hängt wohl nicht zuletzt mit der besonderen Situation der Autorin zusammen, die als unverheiratetes Freifräulein einen Großteil ihres Lebens im Bann ihrer Familie und unter der Ägide männlicher Mentoren blieb. Intellektuelle Arbeit widersprach den Geschlechterrollen und den Vorstellungen von Weiblichkeit, die sich seit dem späten 18. Jahrhundert durchgesetzt hatten. Dementsprechend waren schreibende Frauen vielfältigen Vorurteilen und Benachteiligungen ausgesetzt. Das galt gerade auch in den gesellschaftlichen Kreisen, denen Annette von Droste-Hülshoff angehörte und von denen sie finanziell, aber auch emotional abhängig war. Schreiben, Musizieren und Malen wurden als Nebenbeschäftigung und als Beitrag zur Geselligkeit der Familie und der Freunde durchaus geschätzt, die hauptberufliche Karriere einer Frau als Schriftstellerin aber war nahezu undenkbar. Erst mit dem Beginn ihres fünften Lebensjahrzehnts gelang es der Autorin, sich den Einflüssen der Familie entschiedener zu entziehen und mit ihren Werken an die Öffentlichkeit zu treten. Die Publikation der "Judenbuche" markiert in diesem privaten Emanzipationsprozess einen entscheidenden Schritt. Die Teilnahme am Politischen aber ist für eine Frau mindestens ebenso problematisch wie die an der Berufsschriftstellerei. Die Frau hat ein häusliches Wesen zu sein, und was dabei herauskommt, skizziert Droste-Hülshoff in wenigen sarkastischen Sätzen am Schicksal von Margareth, der Mutter Friedrich Mergels. Die Frau ist daher per se unpolitisch, weil ihr die Teilnahme an den Geschäften der Polis verwehrt ist. Die meisten schreibenden Frauen haben sich an diese zusätzliche Restriktion gehalten.

Umso bemerkenswerter ist die Intensität, in der in der "Judenbuche" Gesellschaft thematisch wird. Sechs Jahre vor der Revolution werden hier Aspekte eines historischen Wandels seismo­graphisch genau registriert. An vielfältige Abhängigkeiten gewöhnt, hält sich Droste-Hülshoff frei von ihnen und macht soziale Mechanismen sichtbar, ohne Partei zu ergreifen – schon darum, weil keine der Parteien zum Sympathieträger taugt und weil so gut wie alles, was hier erzählt wird, uneindeutig ist. Die Stärke des Textes liegt darin, dass er das Erzählte in der Schwebe lässt und gerade keine Antworten gibt. Stattdessen stellt er viele Fragen, Fragen, die das rechtliche wie soziale Dilemma ebenso betreffen wie die brüchig gewordene Metaphysik, die der Welt einen Sinn geben sollte, das aber nicht tut. Die Wirklichkeit überhaupt erscheint unklar, intransparent, labil. Ihre Zeichen sind nicht mehr lesbar, kein einziger Tathergang kann aufgeklärt werden – Indikator einer tief verunsicherten Realitätswahrnehmung. Annette von Droste-Hülshoff bietet uns keine Wahrheiten und Lösungen, sondern sie legt den Finger auf die Probleme ihrer Zeit, während ihr Text uns alle Sicherheiten entzieht.

Literatur: Annette von Droste-Hülshoff, Die Judenbuche, hg. mit einem Kommentar und einem Essay von Christian Begemann, Frankfurt / Main (Suhrkamp BasisBibliothek) 1999, 62015.

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