DIE MARQUIS POSAS MÜSSEN GELÜFTET WERDEN. KOMMENTAR ZUR FOLGE 10

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Wir beenden heute unsere Lesereihe zur deutschen Revolutions- und Demokratiegeschichte von 1848 bis 2018 mit einem Auszug aus einem Romanmanuskript von Markus Ostermair. Es trägt den Titel "Der Sandler: Geschichten von unten" – und es ist nicht das erste Mal, das aus diesem Manuskript gelesen wird.

Markus Ostermair wurde 1981 in Pfaffenhofen an der Ilm geboren, lebt in München und arbeitet als Autor, Übersetzer und Lehrer für Englisch und Deutsch als Zweitsprache. Er ist Mitglied des Konzert-Kollektivs "KafeKult" und Teilnehmer der Bayerischen Akademie des Schreibens. Für seinen Debütroman, an dem er momentan noch arbeitet, hat er ein Literaturstipendium der Stadt München und ein Residenzstipendium des Brandenburgischen Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur auf Schloss Wiepersdorf erhalten. Aus seinem Roman gelesen hat er unter anderem als Finalist beim letztjährigen Wettbewerb für Junge Literatur, dem open mike.

Sein in München spielender Obdachlosenroman bildet nun den Abschluss der Reihe. Das ist weniger der Tatsache geschuldet, dass im Manuskript Worte wie "Revolution", "soziale Frage als Magenfrage", "Kurt Eisner" und "Bayerische Republik" auftauchen und dort dann merkwürdig fremd in die Gegenwart der Figuren ragen. Vielmehr verdankt es sich dem Umstand, dass ihre Gegenwart, also die der Figuren auch – wie es sich für einen ordentlichen Zeitroman gehört – die unsere ist, d.h. jene Worte auch in unserer Wirklichkeit heute eher fremd und als historische erscheinen. Konfrontiert sind sie im Text mit Zeitbegriffen wie "Sozialarbeiter", "Flaschensammler", "Penner", "Sicherheitsdienst", "Einsatzhandschuhe", "nässender Ausschlag", "Spendenbereitschaft" - ohne dass sich daraus etwas ergeben würde, etwa Empörung, Aufstand, Revolution. Genau genommen kann es das auch nicht, sich daraus etwas ergeben, denn die Figuren Lenz, Karl, Albert und Christine gehören nicht zu jener Klasse, auf welche die Revolutionstexte von den 1848ern bis zu den 1968ern noch zu bauen suchten, zum Proletariat. Vielmehr sind sie Teil jener passiv-trägen und formlosen Masse, die als Lumpen-, genauer als ruiniertes Proletariat der "Auswurf, Abfall, Abhub aller Klassen" ist. Dementsprechend haben sie als Klassenlose innerhalb der revolutionären Dialektik zwischen Bourgeoisie und Proletariat weder einen Platz noch eine Funktion. Im besten Fall sind sie Symptom eines noch unvollendeten Geschichtsprozesses.

Auch Karl, der Hauptfigur des Romans, von den anderen erfahren wir es nicht immer im Einzelnen, ging es, das machen seine inneren Monologe deutlich, schon einmal wesentlich besser. Auch er ist, wenn man so will, Abfall seiner Klasse. Er hatte eine Frau, ein gerade geborenes Kind, einen gerade begonnenen Beruf, ein ordentlich bürgerliches Leben, in dem plötzlich etwas aus der Reihe springt als er schuldlos einen Jungen überfährt und es ihm ab sofort unmöglich wird, sein Referendariat als Gymnasiallehrer zu beenden. Nicht nur, weil er den Kindern nicht ins Gesicht sehen kann, ohne an den Jungen denken zu müssen, dem er das Leben genommen hat, auch weil seine Kollegen ihn, obwohl er gerichtlich von jeder Schuld frei gesprochen wird, meiden. Er fängt an zu trinken, entfremdet sich von seiner Frau, die ihre gemeinsame kleine Tochter vor ihm zu schützen beginnt – und ihn letztlich verlässt. Folge ist ein sozialer Abstieg, der ab einem gewissen Punkt nicht mehr umkehrbar ist. Obwohl Karl, nach bald zehn Jahren auf der Straße, noch hofft, an sein altes Leben wieder anknüpfen zu können. Ganz anders als Lenz, der alles, auch die Hoffnung, längst aufgegeben hat – und sich selbst seinen Namen von einem Plakat leiht, das er auf dem Weg in die Teestube, im Vorbeigehen überflogen hat. Obdachlosigkeit erscheint in diesem Zusammenhang als die Kehrseite des bürgerlichen Wohlstands in einer neoliberalen Gesellschaftsordnung, aus welcher die Figuren herausgefallen sind. Und sind die Gründe oder Schicksale ihres Herausfallens zahllos, so gibt es doch ein Abstiegsmuster: Scheidung, Verlust des Arbeitsplatzes, Kündigung der Wohnung, Alkohol- und Drogenkonsum, Krankheit.

Historisch betrachtet ist Obdachlosigkeit nicht notwendig das Phänomen einer neoliberalen Gesellschaftsordnung. Obdachlose, Landstreicher, Vagabunden, Herumtreiber, Sandler sind schon im Mittelalter bekannt. Im Unterschied zur Neuzeit und Moderne allerdings hatten sie innerhalb der Ständegesellschaft noch einen religiös legitimierten und damit festen Platz. Das ändert sich im Zuge der Reformation, nicht zuletzt mit dem Siegeszug der protestantischen Ethik die bekanntlich Hand- in Hand ging mit der im Spätmittelalter aufkommenden kapitalistischen Wirtschaftsordnung – der "schicksalsvollsten Macht unseres modernen Lebens", wie es bei Max Weber heißt. Denn unberechenbar gibt sie und nimmt sie und macht – manchmal über Nacht – die einen reich, die anderen arm.

Dass Obdachlosigkeit nicht selten auf persönliche Schicksalsschläge zurückgeführt werden kann, ändert nichts an der Tatsache, dass sie heute Ausdruck einer politischen Schieflage ist. Das beginnt schon dort, wo nicht nur die Zahl der lebenden Obdachlosen in Deutschland statistisch nicht erfasst ist, sondern auch die der toten, d.h. es keine bundesweite amtliche Statistik gibt, die weder die Lebenden noch die Toten zählen und für die Politik sichtbar machen würde. Währenddessen steigt die Dunkelziffer beständig. So gehen jüngste Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungshilfe für 2018 von 860.000 Wohnungslosen aus, Flüchtlinge mit eingerechnet. Von der knappen Million schlafen ungefähr sechs Prozent auf der Straße und sind im Wortsinn ohne Obdach.

Ein Grund für diese Entwicklung ist – bei stetig sinkenden sozialstaatlichen Minimalstandards – die zunehmende soziale Ungleichheit in Deutschland. Diese wiederum kann auf einen Niedriglohnsektor zurückgeführt werden, der zu den größten in Europa zählt. Nach einer Erhebung des statistischen Bundesamtes waren, obwohl insgesamt die Zahl der Erwerbstätigen zugenommen hat, im letzten Jahr "etwa 13 Millionen Menschen armutsgefährdet, hatten also monatlich 969 Euro zur Verfügung". Die Haushalte mit mittleren Einkommen sind stark zurückgegangen, zugenommen haben die reichen und die armen. Was seit Jahren zugunsten einer Polarisierung von Arm und Reich wegbricht, ist die sogenannte Mittelschicht, die den Sozialstaat der alten Bundesrepublik getragen hatte. Und aus dieser Perspektive, nimmt man die Wohnungsmarktpolitik, genauer die vor allem in den Ballungszentren ungebrochen steigenden Mieten hinzu, erscheint Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit, anders als noch in den 1990er Jahren, nicht mehr als ein Randphänomen. "Die Kombination von immer weniger bezahlbaren Wohnungen mit einer verfestigten und steigenden Einkommensarmut breiter Bevölkerungsschichten" machen Obdachlosigkeit als "extremste Erscheinung von Armut innerhalb einer Wohlstandsgesellschaft" vielmehr zum Spiegel ihrer Verhältnisse. Als ihr Gegenpol kann auf globaler Ebene jenes 1ne Prozent der Weltbevölkerung betrachtet werden, an welches im Jahr 2018 insgesamt 82 Prozent des weltweiten Vermögenswachstums gegangen ist.
 


Insgesamt eine eher trübe Bilanz am Ende einer Reihe, die literarisches, philosophisches und politisches Denken, Schreiben und Dichten in Deutschland im Ringen um Emanzipation, Revolution und Demokratie ins Auge gefasst hat. Wo stehen wir heute? Befinden wir uns, wie es Francis Fukuyama 1990 formuliert hat, längst am Ende der Geschichte, deren Krönung und gerechte Erfüllung die lange Dauer der liberalen Postdemokratie ist, in welcher zudem vielleicht schon bald politische Entscheidungen von Algorithmen getroffen und durchgeführt werden? Mit allen Autoren eint uns vielleicht eines: Wir wissen es nicht genau. Wir wissen nicht, ob da, um ein Wort Heiner Müllers zu bemühen, noch so etwas wie "eine (revolutionäre) Situation" vorbeikommt. Vielleicht könnten wir mit ihr auch gar nichts anfangen. Was wir hingegen wissen: Love does not kill capitalism. Und wir wissen ganz sicher, dass Literatur eine Fluchtlinie bildet. Sie nimmt die Welt, ihre Geschichte, ihre Kriege und Revolutionen, ihre Lebenden und ihre Toten als Monument in sich auf und gibt sie uns durch sie verwandelt wieder frei. Darin liegt nicht nur ihre Kraft, sondern auch ihr Auftrag. Bei dem französischen Philosophen Gilles Deleuze heißt es im Kunst-Kapitel seiner Schrift: "Was ist Philosophie?":

"Der Schriftsteller verbiegt die Sprache, lässt sie vibrieren, umklammert sie, spaltet sie, um den Perzeptionen die Perzepte, den Affektionen die Affekte, der Meinung die Empfindung zu entreißen – mit Blick, so ist zu hoffen, auf jenes Volk, das noch fehlt. [...] Das genau ist die Aufgabe aller Kunst. [...] Ein Monument gedenkt nicht, feiert nicht etwas, das sich ereignet hat, sondern vertraut dem Ohr der Zukunft die fortbestehenden Empfindungen an, die das Ereignis verkörpern: das stets wiederkehrende Leiden der Menschen, ihr immer wieder aufflammender Protest, ihr immer wieder aufgenommener Kampf. Sollte alles vergebens sein, weil das Leiden ewig währt und die Revolutionen ihren Sieg nicht überdauern? Doch der Erfolg einer Revolution beruht nur in ihr selbst, eben in den Schwingungen, den Umklammerungen, den Öffnungen, die sie den Menschen im Moment ihres Vollzugs gab und die in sich ein immer im Werden begriffenes Monument bilden [...]."

Kunst im Allgemeinen, hier Literatur im Besonderen, bildet also ein Monument, welches nichts Geronnenes ist, sondern etwas, das ewig wird – und eben das unterscheidet sie von Statistiken, Fakten, Nachrichten, Informationen, Kalkulationen, Prognosen, Chroniken, Diagnosen usw. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie der historischen Ereignisse weder einfach gedenkt noch diese feiert. Vielmehr bewahrt sie etwas von ihnen, und zwar sowohl die ungebrochene Kontinuität unserer Empfindungen als auch das geschichtliche Ereignis selbst in Bezug auf das Fortbestehen dieser Empfindungen. In diesem Sinn bildet sie die Fluchtlinie zwischen dem, was war und dem, was sein wird.

So wird sich weder der Sturm auf die Bastille vom 14. Juli 1789 noch der Kieler Matrosenaufstand vom 3. November 1918 historisch eins-zu-eins wiederholen, beides Ereignisse, die zum Sturz der Monarchie und zur Ausrufung der Republik geführt haben. Wiederholen jedoch wird sich, weil weder das Leid der Menschen noch ihr Kampf zu Ende ist, das Ereignis Revolution selbst, welches immer eine Öffnung innerhalb des Bestehenden ermöglicht. Dabei bleibt unklar, wie es aussehen wird. Das ist ein Entwurf, der aus den blutigen Erfahrungen der Geschichte, vor allem aus denen des 20. Jahrhunderts heraus spricht und nicht nur die idealistische Ästhetik, sondern auch ein Revolutionsdenken verwirft, welches sein Ziel kennt und alles diesem Ziel gnadenlos unterwirft. Und solange Kunst und Literatur ihrem Auftrag nachkommen, der Welt ihren Realitätsgehalt zu entreißen, solange bleibt die Möglichkeit der revolutionären Öffnung immer bestehen. Kunst also ist nicht, nicht von dieser Welt und ermöglicht schon gar keine Flucht aus dieser Welt. Sie ist, so gesehen, kein ästhetischer Gegenstand, sondern eine Flucht in diese Welt. Was hier seinen Ausdruck findet, ist ein emphatisches, der Welt und den Menschen zugewandtes Kunst- und Literaturverständnis.

Während Armuts- und Verteilungsfragen sowie die Folgen des Neoliberalismus in den letzten Jahrzehnten von den Wissenschaften breit erforscht worden sind – Namen wie Christoph Butterwege, Stephan Lessenich, Oliver Nachtwey, Claus Offe, um nur ein paar wenige zu nennen, sind bekannt – gibt es in der jungen Literatur vergleichsweise wenig Texte, die sich mit den gesellschaftlichen, d.h. politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen unserer Zeit befassen. Markus Ostermair befasst sich mit ihnen und das zudem in einem Format, welches der Darstellung dieser Verhältnisse angemessen und vorbehalten ist, dem Roman.

Und nicht ganz zugfällig taucht in seinem Manuskript ganz am Ende der Lesung dann doch noch jene Insigne der französischen Revolution auf, welche vor allem in Deutschland für ihre ablehnende Rezeption im 18. und 19. Jahrhundert maßgeblich geworden ist: die Guillotine. Ihr Auftauchen im Roman als Zeichnung auf einem Flaschencontainer lässt auch die Figur Karl für einen Moment zurückweichen. Und der Zusammenhang von Obdachlosigkeit, Flaschensammler, Flaschencontainer, in welchem sie im Text erscheint, öffnet plötzlich einen Raum, der ein Kontinuum durch die Zeiten bildet, denn das auf den Container gezeichnete Fallbeil trifft hier blutig jene, welche in diesem notgedrungen nach vielleicht noch unversehrten Flaschen suchen. Fast zynisch ruft es die während der Schreckensherrschaft korrumpierten Ideale in Erinnerung, für welche die französische Revolution symbolisch geworden ist: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Ins Ohr dringt nun auch jener Ruf, der im Januar diesen Jahres mit den Texten der 1848er den Auftakt der Reihe gebildet hat: "Vive la République!" Mit Heinrich Heine, welcher diesen Ruf, im Blick auf die sich nach der Julirevolution mehr und mehr von ihren Idealen entfernende Herrschaft des Bürgerkönigs Louis Philippe, skeptisch in ein: "Vive la France, quand même!" – "Es lebe Frankreich, trotz allem" – verwandelt, möchten wir heute sagen: "Ja, es lebe die Republik, trotz allem!"

 

Literatur:

Deleuze, Gilles / Felix Guattari: „Was ist Philosophie?“, Frankfurt am Main 2000.

Freiligrath, Ferdinand: „Die Republik“, in: Freiligraths Werke in einem Band, Berlin / Weimar 1962.

Heine, Heinrich: „Französische Zustände. Vorrede“, in: Werke in 5 Bänden, Bd. 4, Berlin / Weimar 1974.

Marx, Karl: „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, in: MEW, Bd. 8, Berlin 1960.

Müller, Heiner: „Verabschiedung des Lehrstücks“, in: Werke 8, Schriften, Frankfurt am Main 2005.

Oxfam-Studie 2018, https://www.oxfam.de

Reuter, Timo: „Falsche Bilder, echtes Leid“, in: ZEIT online, November 2017.

Ders.: „Von der Politik vergessen“, in: ZEIT online, September 2017.

Ders.: „Wie kann man Obdachlosen helfen?“, in: ZEIT online, Dezember 2017.

Weber, Max: „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. Vorrede“, Beck 2010.