Der Feind im Inneren

Permanente Beobachtung: Schauspielerin Katrin Röver in der Überwachungskamera eines Parkhauses © Sebastian Arlt
Permanente Beobachtung: Schauspielerin Katrin Röver in der Überwachungskamera eines Parkhauses © Sebastian Arlt

Das Öffentliche und das Private sollen einst getrennte Sphären gewesen sein. Es heißt, man habe in diesen Zeiten über den anderen nur wissen können, was dieser in der jeweiligen Sphäre von sich preisgeben wollte. Von uns entstehen fortlaufend umfassende Biografien, in denen unsere Bewegungen festgehalten sind, unsere Kontakte und Vorlieben, die Vorlieben anderer, die das gleiche gekauft haben, sowie die Risiken, in die wir uns begeben und die von uns ausgehen. Wir sind Darsteller in einem endlosen Film, der so lange nur von Maschinen gesehen wird, bis etwas Unerhörtes passiert.

Auf diesen Moment warten alle technischen Vorrichtungen, vor denen wir unser Leben aufführen – auf den Moment, der den Generalverdacht uns selbst gegenüber rechtfertigt. Je mehr Bilder von uns entstehen, desto unheimlicher werden wir den Aufnahmegeräten und uns selbst. Unendlich vertraut erscheinen wir auf diesen Bildern und dennoch als eine unergründliche Ansammlung von Impulsen, Keimen, Wünschen und Gefahren. Dass der Feind im Innern lauere und noch nicht gefunden sei, ist die Grundidee jeder totalitären Gesellschaft.

In vielen Stücken der neuen Spielzeit am Residenztheater richtet sich der Verdacht nach innen, sitzt der (vermeintliche) Feind im eigenen Lager, stellt sich heraus, dass Richter und Täter identisch sind: Das gilt sowohl für die ganz großen klassischen Stoffe wie "Prinz Friedrich von Homburg" und den Mythos von "Ödipus" als auch für modernere Dramen wie Arthur Millers "Hexenjagd". Und insbesondere in den zeitgenössischen Stücken "Die Netzwelt" von Jennifer Haley, Ayad Akhtars Pulitzer-Preis-gekröntem Stück "Geächtet", Peter Handkes "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rande der Landstraße" sowie in Stefano Massinis "Lehman Brothers" wird der Feind im Inneren besonders deutlich spürbar.

Dieser Themenschwerpunkt geht einher mit der Analyse unserer Gegenwart: Diese ist geprägt von einer Zunahme an Verdächtigungen und der permanenten Beobachtung, einem immer tiefer gehenden Generalverdacht nach Innen. Er zeigt sich nicht nur in polizeilichen Maßnahmen wie der Vorratsdatenspeicherung und der Ausspähung von allen und jedem durch eigene und befreundete Dienste. Er beschränkt sich auch nicht auf die Profile, die die Unternehmen von uns allen erstellen, und an denen wir täglich emsig mitarbeiten, bis die Maschinen in aufmerksamen Teddybären besser als wir selbst wissen, was wir demnächst tun werden. Dieser Generalverdacht gegen uns selbst zeigt sich auch in der steten Forderung nach Selbst-Verbesserung und Optimierung, der wir uns bereitwillig unterwerfen.

Der Münchner Fotograf Sebastian Arlt hat für unser Spielzeitheft die Schauspielerinnen und Schauspieler des Ensembles mit Fotoapparaten und Videokameras verfolgt und dabei nebenher nicht ganz repräsentative Antworten auf die berühmte Frage gefunden: Was machen Sie eigentlich tagsüber?