Das Publikum im Blick

Richard III
Richard III

Eröffnet hat das Residenztheater seine Spielzeit 2017/18 mit Maxim Gorkis "Kinder der Sonne" in der Regie von David Bösch sowie Ingmar Bergmans "Das Schlangenei" inszeniert von Anne Lenk. Im Dezember stehen mit Shakespeares "Richard III" (Regie: Michael Thalheimer) und der Uraufführung "Philipp Lahm" von Michel Decar (Regie: Robert Gerloff) zwei weitere, sehr unterschiedliche Stoffe auf dem Spielplan – und doch ist ihnen allen eines gemein: der Blick auf das Publikum. 

Der Blick richtet sich auf das Publikum. Auf den Souverän, auf das Volk, von dem alle Macht ausgeht, auf die Empörten und auf die Besonnenen, die scheinbar hilflos zusehen, wie sicher geglaubte Errungenschaften und Standards infrage gestellt oder ganz über Bord geworfen werden. Im Osten und im Westen, im Süden wie im Norden und erst recht hierzulande könnten die Menschen wissen, und tun es wohl in vielen Fällen auch, was sie da tun, wem sie dazu Macht und Parlamentssitzen verhelfen. Man kann wissen, dass es gefährlich ist, mit demokratischen Mitteln antidemokratische Strömungen zu Macht und Einfluss zu bringen.

"Lange Zeit verstanden wir ihn nicht, und als wir ihn allmählich verstanden, stellten wir uns ihm nicht entgegen, bemühten uns nicht, ihn zu Fall zu bringen."

Der große Shakespeare-Kenner Stephen Greenblatt hat vor der letzten amerikanischen Präsidentenwahl anhand von "Richard III" die Lage in den Vereinigten Staaten geschildert und in den Figuren um Richard herum die Urbilder einer "Nation der Möglichmacher" erkannt. Er hat unterschieden zwischen den Figuren, die nicht aufhören an die regulierende Funktion politischer Institutionen zu glauben, und denen, die nicht bereit sind, die bösen Absichten Richards wahr- oder ernst zu nehmen; denen, die sich fürchten, denen, die sich Vorteile erhoffen und schließlich denen, die das Gefühl haben, endlich ein Ventil für ihren Hass und ihre Aggressionen gefunden zu haben. Kann, wenn Richard schließlich auf dem Thron Platz nimmt, irgendjemand behaupten, er sei überrascht, oder gar betrogen, hinters Licht geführt? Alle wissen im Grunde, was man wissen muss, um das Unglück zu erkennen, das ist eine derzeit nur zu bekannte Situation. Ist überhaupt noch ein positiver Effekt zu erwarten, wenn man die Lüge erkennt und benennt, dem Verbrecher die Verbrechen nachweist und deutlich macht, wohin Gier, Menschenverachtung und Gewalt führen? Shakespeare ist ganz offensichtlich skeptisch. In seinem Stück gelingt es dem Hauptdarsteller seiner selbst, alle zu Mitspielern zu machen – auch jene, die eigentlich als Gegenspieler angetreten waren. Sein Verfahren wie das seines Autors besteht darin, alle so tief zu verstricken, bis sie als Teile eines wahnhaft überdrehten Systems von Schuld, Rache, Misstrauen und skrupellosem Aufstiegswillen erkennbar werden. Richards Einsamkeitsformel "I am myself alone", mit der er sich aus allen sozialen Fügungen verabschieden zu können glaubt, klingt wie eine schreckliche Antwort auf die heute so verheißungsvoll wie unerbittlich anmutende Forderung "Be yourself". Richards Aufstieg und Fall ist die Studie einer neuzeitlichen Pathologie der Macht, seine Faszination liegt im Extrem. Er ist der neue König einer Welt, die für Menschen gemacht scheint, die keine Menschen mögen.

"In dieser Blase war Wissen Ignoranz, oben war unten, und die richtige Person, um die nuklearen Codes in Händen zu halten, war der grünhaarige weißhäutige Kicherer mit dem aufgeschlitzten roten Mund, der ein militärisches Beraterteam viermal fragte, warum der Einsatz von Nuklearwaffen so schlimm sei."

Es ist das Publikum, auf das der Blick fällt. Manche verzichten gleich freiwillig auf jegliche Rolle und haben sich ganz abgewendet. Als am Ende von Ingmar Bergmans "Schlangenei" der letzte Satz über den gescheiterten Hitler-Putsch von 1923 heißt: "Die haben die Stärke unserer Demokratie unterschätzt", war das in der Premiere im Cuvilliéstheater ein beklemmter Lacher, der sich nicht auf den historischen Irrtum des Polizeikommissars Bauer allein bezog. Die arbeitslosen Artisten Abel und Manuela, die durch das Berlin der 1920er-Jahre driften und zwischen Kabarett und Menschenversuchsklinik ihr Leben fristen, während um sie herum mehrere Morde geschehen und "die Stimmung kippt", sind nicht davon zu überzeugen, dass die politische Situation mit ihrer eigenen elenden Existenz irgendetwas zu tun haben könnte.

Einige Jahre und eine Zeitenwende zuvor sitzen Maxim Gorkis "Kinder der Sonne", Künstler, Wissenschaftler, Bürger kurz vor dem Bankrott ihres Privathaushalts wie des zaristischen Regimes und der gesamten alten Weltordnung zusammen und machen Pläne. Pläne, die zu groß und weitläufig sind für ihre Welt und deren reale Probleme, wie auch für die eigenen Fähigkeiten. Komische Gestalten sind sie in der Ernsthaftigkeit ihrer Weltverbesserungsunternehmungen und tragisch in der völligen Verkennung der sich außerhalb anstauenden Aggressivität, der Wut, der Gewalt, die sich am Ende auch gegen sie selbst richten wird. "Wer sollte mich hassen? Oder uns?", fragt der Chemiker Protassow, kurz bevor die unverstandene Realität sich gewaltsam Zutritt zu seinem bröckelnden Refugium verschafft.

Das SchlangeneiDas Schlangenei

"Wir wendeten uns ab und lebten unser Leben weiter. Welch schrecklichen Fehler wir machten."

Aber manchmal, in ganz bestimmten Stunden, beherrschen nicht die Monster und Nachtmahre die Bühne, sondern es treten die hellen Träume des Publikums ins Rampenlicht. Dann reimen sich Anstand auf Wohlstand, Leistungsbereitschaft auf Erfolg, Frage auf Antwort. Das ist die Stunde von Philipp Lahm. In ihm sieht sich das Publikum wie in einem klaren Spiegel, unverzerrt – wie es wäre, wenn es könnte, wie es wollte. Mannschaftsdienlich, hochkompetent, grundsolide, fleißig, erfolgsverwöhnt, konstant. Ein bundesrepublikanisches Ideal. Kann so einer über Richard III, heimtückische Krankheiten und den Faschismus obsiegen? Wer, wenn nicht er. Wer, wenn nicht wir, wenn wir nur alle und immer so wären wie er. An diesem Tag würde das Theater endlich ein historisches Museum zur wohligen Erinnerung an verblichene Schreckgespenster, aufgelöste Widersprüche und beglichene Rechnungen.

Alle ungekennzeichneten Zitate aus: Salman Rushdie, "Golden House", C. Bertelsmann, München 2017.