Bleistift und Spitze

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"Ich mag es nicht, 'Kostüme' zu machen, ich möchte Charaktere erschaffen", sagt Kristīne Jurjāne, Kostümbildnerin der Neuinszenierung von Anton Tschechows "Die Möwe" im Cuvilliéstheater. Mit Regisseur Alvis Hermanis verbindet sie eine langjährige Zusammenarbeit. Die Arbeit im Kostümdesign ist für sie eine besondere Leidenschaft und ein Luxus, der es ihr ermöglicht, in verschiedene Zeiten und Länder einzutauchen. Wir haben mit ihr über die Arbeit am Theater und den Entstehungsprozess ihrer Kostüme gesprochen.

Im Frühling 2018 begann die Arbeit an der "Möwe", die am 19. Januar 2019 im Cuvilliéstheater Premiere feierte. An erster Stelle steht für alle Beteiligten die Lektüre des Stücks. Der Text gibt vor, welche Kleidungsstücke, ob Abendrobe oder Morgenmantel, benötigt werden und liefert darüber hinaus viele Details über die einzelnen Charaktere, die Kristīne in ihre Arbeit einfließen lässt. Ob eine Figur exaltiert oder melancholisch ist, lässt sich anhand der Kostüme gut ausdrücken. Regisseur Alvis Hermanis verortet "Die Möwe" in seiner Inszenierung in ihrer Entstehungszeit, also um 1900. Sobald mit der Regie ein Konzept abgesteckt ist, schaut sich Kristīne zuerst die Schauspieler an, denn die Kostüme müssen zu Statur und Charakter jedes einzelnen passen. Neben der Recherche historischer Kleidermode sind ihre Beobachtungen Kristīnes größte Inspirationsquelle. Aus ihnen entstehen die Zeichnungen, anhand derer die Schnittmuster entworfen werden. Ihre Arbeit vergleicht Kristīne mit dem Handwerk des Bildhauers, der seine Plastiken Schicht für Schicht herausarbeitet.

Die Schuhe in "Die Möwe" stammen allesamt aus dem Fundus des Residenztheaters und waren der erste Teil der Kostüme. Schließlich würden neue Schuhe in dieser Landpartie unglaubwürdig erscheinen. Der Zustand der Kleider spiegelt natürlich auch den gesellschaftlichen Status der Figuren wider. Für "Die Möwe" hat die Lettin Stoffe aus ihrer Heimat mitgebracht. Aber auch im Fundus hat sie zahlreiche Kleidungsstücke und Stoffe entdeckt, wie zum Beispiel rollenweise alte, ungebleichte Spitze.
"Katharina (Pichler) kam zu mir und sagte, dass sie gerne etwas Blaues tragen würde. Blau war jedoch für die Rolle der Arkadina vorgesehen. Im Fundus habe ich dann diese Spitze mit blauen Applikationen gefunden, die perfekt zu einem Stoff passte, den ich mitgebracht hatte. Somit trägt Katharina nun doch etwas Blaues!"

Sobald die Kostüme angepasst sind, schickt Kristīne die Schauspieler in ihren Anzügen nach Hause. Die sollen sich in ihren Kleidern schließlich wohl fühlen und sie sich zu eigen machen. Wenn die Proben auf der Bühne beginnen, kann sich dann noch einiges ändern. Die Gewänder der Schauspielerinnen haben zeitgenössisch weite Röcke und enge Mieder, die sie in ihren Bewegungen einschränken. Auf der Bühne müssen sie deshalb erst lernen, mit kurzem Atem zu spielen und mit ihren Röcken keine Gegenstände von den Möbeln zu wischen. Schließlich sollen die Kostüme auf der Bühne authentisch und lebendig wirken.

Historische Kostüme zu entwerfen verlangt einiges Fingerspitzengefühl. "Um etwas Altes neu zu machen, muss man den Staub abklopfen", sagt Kristīne. Ihre Kostüme sollen weder kitschig noch märchenhaft wirken. Weil die Gegenwart immer auch unsere Sicht auf die Vergangenheit beeinflusst, muss man der Erwartungshaltung der Zuschauer Rechnung tragen. Um zu verstehen, wie sich unser Bild von vergangenen Epochen stetig verändert, kann man sich historische Filme vergangener Jahrzehnte anschauen. Aus Alt und Neu entstehen somit Kleider, die auf uns authentisch wirken. Farben und Requisiten tun ihr Übriges, um die Illusion zu vervollständigen.

Die ausgeblichenen Pastelltöne der Kleider spiegeln die Zerbrechlichkeit einer Belle Époque, die bereits im Schwinden begriffen ist. Und nicht zufällig wiederholt sich der Schimmer der Seidenstoffe in der Lasur des antiquierten Mobiliars: die Schauspieler verschmelzen darin mit der Bühne förmlich zu einem bürgerlichen Tableau vivant. Auch wenn das Publikum die Kostüme nicht von Nahem sieht, so kann man im Zuschauerraum doch fühlen, wie viel Detail in jedem Kleidungsstück steckt. "Man spürt es, wenn man die richtige Entscheidung getroffen hat", sagt Kristīne.

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Irina Nikolajewna Arkadina (Sophie von Kessel) ist eine anerkannte Schauspielerin, die in ihrer Jugend viele Erfolge gefeiert hat. Dies stellt sie auch mit ihrer Garderobe zur Schau. Sie trägt kostbare Stoffe in unterschiedlichen Farben und Spitzen mit reichen Verzierungen.

Nina Michailowna Saretschnaja (Mathilde Bundschuh) möchte Schauspielerin werden. Die hellen Naturtöne und verspielten Ornamente zeigen ihre Jugend und Unerfahrenheit. Doch blütenweiß sind ihre Kleider nicht. Sie weiß, was sie will und scheut nicht davor zurück, dafür über Leichen zu gehen...

 Pjotr Nikolajewitsch Sorin (René Dumont) ist Gutsherr und von Beginn des Stücks an krank, und man spürt, dass er vielleicht bald sterben wird. Meist trägt er einen weiten, bequemen Morgenmantel. Für einen Ausflug setzt er seinen wohlgedienten, aus der Mode gekommenen Zylinder auf. Am Ende des Stücks trägt er statt Schuhen nur noch dicke Wollsocken. "Man ist nicht gut angezogen, wenn man bald sterben wird!“

Jewgenij Sergejewitsch Dorn (Thomas Huber) ist Arzt und vielleicht die einzig echte Frohnatur im Stück. Sein sandfarbener Anzug steht gut zu seinem hellen Gemüt. Bei jeder Gelegenheit legt er sein Jackett ab und löst den typischen, hohen Kragen. Boris Alexejewitsch Trigorin (Michele Cuciuffo) hingegen ist ein berühmter Schriftsteller, der seine Weltläufigkeit gerne durch seine reichen und dunklen vielteiligen Anzüge präsentiert.

Polina Andrejewna (Katharina Pichler) ist die Gattin des Gutsverwalters und eine sehr sinnliche Figur. Ihr Kleid hat einen Stoff, der sich angenehm angreift und außerdem viele Knöpfe hat, die geradezu einladend für flinke Finger sind. Ihre Tochter Mascha (Anna Graenzer) jedoch ist unglücklich verliebt in Kostja (Marcel Heuperman) und hat sich ganz einer jugendlichen Melancholie hingegeben. Warum sie immer in Schwarz geht, wird sie im ersten Satz des Stücks gefragt: "Aus Trauer um mein Leben. Ich bin unglücklich."

"Kleider machen Leute", heißt es wohl bewährt. Auf der Bühne bestätigt sich der Ausspruch allemal. Mit Kristīne Jurjānes Kostümen erstehen die literarischen Figuren aus Tschechows Drama als reale körperliche Gestalten, die auf der Bühne von den Ensemble-Mitgliedern mit Leben ausgefüllt werden.