Aufstieg und Fall: die Lehman Dynastie

Probenszene aus Marius von Mayenburgs Inszenierung von "Lehman Brothers. Aufstieg und Fall einer Dynastie" © Andreas Pohlmann
Probenszene aus Marius von Mayenburgs Inszenierung von "Lehman Brothers. Aufstieg und Fall einer Dynastie" © Andreas Pohlmann

Es war der Höhepunkt der globalen Finanzkrise: Im September 2008 ging die Investment Bank Lehman Brothers unter. Mit ihr auch der bedingungslose Glaube an die Unverwundbarkeit der ganz Großen der Finanzwelt. Ein Gesetz der kapitalistischen Weltordnung, das sich über Generationen des Wachsens und Investierens manifestiert hatte. Mit der Insolvenz wurde Lehman Brothers zum Synonym des entfesselten Investmentbankings. Anhand der Geschichte lässt sich wie an keiner anderen die rauschhafte Entwicklung des Finanzwesens nachvollziehen. Diese Geschichte erzählt das Familienepos „Lehman Brothers: Aufstieg und Fall einer Dynastie“ von Stefano Massini. Am Residenztheater feiert das Stück in der Inszenierung von Marius von Mayenburg am 29. Juni die letzte Premiere der Spielzeit 15/16.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs das Wirtschaftssystem der USA mit rasanter Geschwindigkeit. Seit Beginn der Industrialisierung wurden immer wieder neue Industriezweige erschlossen: von der Eisenbahn im 19. bis hin zur Unterhaltungsindustrie Mitte des 20 Jahrhunderts. In dieser Zeit machten drei Generationen der Lehmans aus einem Gemischtwarenladen in den Südstaaten eine der größten und einflussreichsten Banken an der New Yorker Wall Street.

Szene aus "Lehman Brothers. Aufstieg und Fall einer Dynastie" © Andreas PohlmannSzene aus "Lehman Brothers. Aufstieg und Fall einer Dynastie" © Andreas PohlmannIhren Anfang aber hat diese Geschichte in Bayern. Im Dorf Rimpar bei Würzburg. Dort wächst Henry Lehman, gemeinsam mit seinen zwei Brüdern auf, bevor er in 1844 in die USA emigriert. Über New York City geht es nach Alabama ins aufstrebende Montgomery, eine Stadt, die zu dieser Zeit gerade fünfmal größer ist als Rimpar. Dort eröffnet Henry einen Gemischtwarenladen, der mit dem Eintreffen seiner beiden jüngeren Brüder Emanuel und Mayer, fortan den Namen Lehman Brothers trägt. In Alabama boomt zu dieser Zeit der Baumwollhandel, ein Rohstoff der weltweit gefragt ist und so werden die Lehman Brothers über die Jahre zu cotton brokern: Sie verkaufen die Rohbaumwolle der Plantagenbesitzer weiter.

Henry stirbt 1855 am Gelbfieber. Drei Jahre später eröffnet Emanuel ein Büro in New York, dem Zentrum des Baumwollhandels, während Mayer in Montgomery bleibt. Die beiden handeln Baumwolle erfolgreich auf der Route vom Süden in den Norden, bis der Sezessionskrieg die Handelsroute 1861 unpassierbar macht. Doch gleich nach Kriegsende 1865 mit Sieg der Nordstaaten erhält Mayer die lukrative Aufgabe, Kreditverwalter für den Wiederaufbau des zerstörten Alabamas zu werden. 1868 zieht er zu Emanuel nach New York, wo Lehman Brothers zu einer Bank wird und sich etabliert.

Um die Jahrhundertwende steht ein Generationenwechsel an: Emanuels Sohn Philip wird 1901 der neue Kopf von Lehman Brothers. Während Emanuel und Mayer noch ganz im Sinne ihrer Anfänge Investitionen in Rohstoffe tätigen, erweitert die Bank unter Philip ihre Investitionen. Sie verleiht Kapital für den Ausbau des Eisenbahnnetzes und vergibt, gemeinsam mit Goldman Sachs, Vorzugsaktien neuer Handelsunternehmen wie Sears, Woolworth oder des Autoherstellers Studebaker. Von nun an macht Lehman Brothers Geschäfte an der Wall Street.

Philips Sohn Bobbie, übernimmt die Bank 1925 und führt sei vier Jahre später durch die weltweite Wirtschaftskrise. Er erkennt die Wende zur Produktion für den Massenkonsum und investiert auch in die junge Unterhaltungsindustrie, in Radio, Fernsehen und Kino. Bobbie ist der erste, der die Bank für Nicht-Familienmitglieder öffnet, und so ist er auch der letzte Lehman an der Spitze der Bank, die die Geschichte der USA so entscheidend mitgestaltet hat. 

 

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