Alles dreht sich um die Liebe

"Eine unverkennbare, alterslose Stimme, zwischen Tiefe, Weisheit und explosiver Jugendlichkeit": Ian Fisher spielt die Rolle des Narren © Thomas Dashuber
"Eine unverkennbare, alterslose Stimme, zwischen Tiefe, Weisheit und explosiver Jugendlichkeit": Ian Fisher spielt die Rolle des Narren © Thomas Dashuber

Regisseurin Amélie Niermeyer sprach bei der Konzeption von "Was Ihr Wollt" davon, dass sie das Stück gerne, nicht wie häufig üblich, mit jungen Schauspielern, sondern mit älteren besetzen wolle, weil es ihr um bereits im Leben stehende und erfahrene Figuren ginge. Zudem hatte sie die Idee, den Narr als Sänger anzulegen – dafür war Ian Fisher meine erste Wahl. Diese Grundidee bildete die Basis für alle musikalischen Überlegungen zu "Was ihr wollt".

Ian ist ein Singer/Songwriter aus Missouri, der seit Jahren durch die USA und Europa tourt. Seine Wurzeln liegen in der amerikanischen Songwriter-Schule eines Woody Guthrie oder Bob Dylan. Trotz seines jungen Alters hat Ian eine unverkennbare, alterslose Stimme, die zwischen Tiefe, Weisheit und explosiver Jugendlichkeit changiert.

Ian und ich haben uns vor zwei Jahren kennengelernt, wir haben die Band "Junior" gegründet und viele Songs gemeinsam geschrieben und aufgenommen. Trotz unserer sehr verschiedenen musikalischen Wurzeln - ich bin ein Mitteleuropäer, der Jazz und Komposition studiert und viel elektronische Clubmusik produziert hat, er ist ein autodidaktischer Singer/Songwriter, der buchstäblich mit seiner Gitarre auf dem Rücken die Welt bereist hat - , verstehen wir uns bei der musikalischen Arbeit blind.

Junior: Ian Fisher und Fabian Kalker © Thomas DashuberJunior: Ian Fisher und Fabian Kalker © Thomas DashuberIn Shakespeares Text von "Was ihr wollt" sind bereits Lieder angelegt – allerdings ohne irgendwelche musikalischen Vorgaben. Wie jede Epoche hatte auch diese ihre "Traditionals", ihre eigene musikalische Sprache, ihre Codes, sodass das Spektrum möglicher Interpretationen klar war. Bei der Arbeit an der Musik zu "Was ihr wollt" habe ich schnell festgestellt, dass ein anderes musikalisches Idiom Americana, nämlich der Folksong, perfekt zu den englischen Originaltexten von Shakespeare passt. Liedtexte wie "Come away Death" oder "When That I Was And A Little Tiny Boy" sind in Form und Versmaß geradezu klassische Folksongs. Das kommt der Stimme von Ian sehr entgegen – auch in unserer Arbeit bei "Junior" haben wir immer traditionelles Songwriting wie im Country oder auch bei den Beatles, wo die Message des Songs absolut im Vordergrund steht, mit zeitgemäßen Produktionsmitteln verbunden. So hat sich die Arbeit mit den Shakespeare-Texten und Sonetten für uns sehr natürlich angefühlt.

Da die Rolle des Narren in unserer Inszenierung als Sänger angelegt ist, haben wir weitere Shakespeare-Sonette hinzugenommen, beispielsweise das berühmte Sonett 40, das wir in unserer Produktion mit einem Neil Young-Sample unterlegt haben. Die elisabethanische Sonett-Form – drei Vierzeiler und ein Zweizeiler – konnten wir zum Teil beibehalten. Zum Teil bot es sich auch an, die in ihrer Inhaltlichen Funktion einem Refrain ähnelnde zweizeilige Conclusio als Refrain zwischen die Vierzeiler einzuschieben, um noch mehr den Songcharakter zu betonen. Einige altenglische Worte und Wendungen haben wir behutsam abgeändert, im Großen und Ganzen konnten wir uns aber an die Originaltexte halten, die sich im besten Sinne als große Popsongs eignen.

Denn alles dreht sich um die Liebe. Das Verlangen, die Sehnsucht nach jemandem, einem Gefühl, der Schmerz des Verlustes oder des Vermissens. Die feine Poesie dieser Urgewalt, aber auch ihre Brutalität. Und sie durchdringt auch jedes geschriebene Wort Shakespeares. 

Wir haben versucht, die Dunkelheit, die Einsamkeit und die alles verzehrende Hitze des Liebens in sieben Songs zu packen. Es sind auf das wesentliche reduzierte Stücke geworden, gesungen von Ian, eingebettet in Gitarren- und Wurlitzerakkorde und spärlich eingesetzte Elektronik, manchmal unterstützt von der wunderbaren Stimme von Rosalie Eberle.