"Zurück bleibt ein schwarzes Loch"

Notizen aus einem Gespräch mit Patrick Steinwidder

"Reigen" ist Schnitzlers radikalstes Stück. Nicht nur formal, sondern auch inhaltlich: weil es um die Leere geht, die zwischen Mann und Frau verbleibt, obwohl oder weil sie Sex miteinander haben. Im sexuellen Akt machen wir eine Grenzerfahrung, wir berühren eine traumatische Sphäre, die dem Tod nahe kommt. Es geht dabei um Gewalterfahrungen und Gewaltfantasien. Zurück bleibt ein schwarzes Loch zwischen Mann und Frau.

Man kann den "Reigen" von vorne nach hinten lesen oder von hinten nach vorne; man kann überall zu lesen beginnen und man kann sich zahlreiche andere "Reigen" vorstellen, die von jeder der Figuren aufs Neue ausgehen.

Der "Reigen" ist ein düsteres Stück, die Szenen spielen oft abends oder nachts, im Dunkeln, es kreist letztlich um den Tod – oft ist der Vergleich zum Totentanz gezogen worden. Aber darüber liegt diese Schicht von leichtem Geplänkel, von erotischer Tändelei. Dem geht man leicht auf den Leim. Aber am Ende der Szenen stehen oft Figuren, die ins Dunkel hinausrufen, allein.

Die Dialoge der Figuren: "Komm her!", "Geh weg!", der Rhythmus der Szenen – alles das ahmt Sex nach; das heißt, der Sex gibt die Form vor, bleibt aber eine reine Äußerlichkeit. Es findet keine innere Verbindung der Figuren statt. Der Reigen dreht sich weiter, und die Figuren verharren weiter auf derselben Ebene. Nichts entwickelt sich oder löst sich.

Ein Skandal ist das, was den Kitt aus den Fugen der Gesellschaft löst. Unsere Gesellschaft braucht Kitt in Form von Ideologie – z.B. Ideen der romantischen Liebe, Hoffnung usw. – um über ihre Brüche hinwegzutäuschen. Ein Stück wie der "Reigen" reißt diese Verkleisterung auf, es versagt diesen Kitt und weist auf die Brüche. Die Erzählung romantischer Liebe z.B. bleibt im "Reigen" vorenthalten. Und wenn sich im gegenwärtigen Neoliberalismus die Machtgefälle weiterhin verschärfen, werden die Fugen der Gesellschaft noch scharfkantiger. Das macht den "Reigen" heute so interessant.
 

Gespräch mit Alain Badiou über fehlende Verbindungen, Narzissmen und Wiederholungszwänge in der Sexualität

"Jacques Lacan erinnert uns daran, dass in der Sexualität in Wirklichkeit jeder großteils mit sich selbst zu tun hat, wenn ich so sagen darf. Es gibt natürlich die Vermittlung des Körpers des anderen, aber letztlich wird das sexuelle Genießen immer das eigene sein. Das Sexuelle verbindet nicht, es trennt."

Gespräch mit Alain Badiou über fehlende Verbindungen, Narzissmen und Wiederholungszwänge in der Sexualität

Reigen

Inhaltsangabe

In zehn Szenen treffen jeweils eine Frau und ein Mann aufeinander. Es entspinnt sich jeweils ein Gespräch, in dem einer um den andern wirbt, beide einander schmeicheln, zurückweisen und necken – bis der Dialog schließlich in den Koitus mündet. In Schnitzlers Text wird dieser allerdings nur durch Gedankenstriche angedeutet.

Reigen
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Reigen

von Arthur Schnitzler

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