Zement

von Heiner Müller / Regie Dimiter Gotscheff

Der Schlosser und Bolschewik Tschumalow kehrt aus dem Krieg zurück und traut seinen Augen nicht: Das Zementwerk verrottet, die Arbeiter verscherbeln fürs eigene Überleben, was nicht niet- und nagelfest ist, die Frauen haben ihre Kinder in die Heime gebracht, wollen in der Politik mitmischen und von ehelichen Pflichten nichts mehr wissen. Und Tschumalows Ehefrau Dascha scheint die schlimmste von allen und mit der halben Männerwelt das Bett geteilt zu haben. Hat er dafür gekämpft? Heiner Müllers „Zement“, entstanden auf der Grundlage des gleichnamigen sowjetischen Romans von Fjodor Gladkow aus dem Jahr 1925, zeigt eine neue Zeit, die sich aus der Umarmung der alten noch nicht befreit hat. Es ist die Zeit nach der proletarischen Revolution, noch sind die Kriegstrümmer nicht weggeräumt und die Wunden der Schlacht nicht verheilt. Die Männer des Krieges und ihre Frauen, die zu Hause überlebten, sind einander fremd, aus Brüdern sind Bürgerliche oder Bolschewisten geworden, Revolutionäre stehen ehemaligen Folterern gegenüber, deren bürgerliche Bildung sie jetzt dringend benötigen. Ein Land soll neu aufgebaut werden, nach den Träumen der jungen Sieger – ein Land, das allen gehört, in dem die Arbeit befreit ist, Frauen den Männern gleichgestellt, Bildung und Brot für alle, alle individuellen Wünsche dem kollektiven Wohl untergeordnet sind. Die gesellschaftliche Umwälzung reißt wie eine Flut die Menschen mit sich, die sie doch in Gang gesetzt haben – und niemand wird unverändert das Ufer erreichen. Heiner Müller hat nach der Uraufführung 1973 betont, „Zement“ handle von Revolution, nicht von Milieu – und von notwendigen Verhärtungen der Menschen im revolutionären Prozess. Was er damals noch nicht wusste: Auch in „Zement“ wird gezeigt, was sich leitmotivisch durch Müllers gesamtes Werk zieht – wie der Weg, auf dem die kommunistische Idee Wirklichkeit werden soll, von Beginn an mit dem Verrat an dieser Idee verschränkt ist. „Zement“ blickt auf den Riss zwischen Utopie und Praxis, dorthin, wo der kreatürliche Mensch seine Wunden leckt.

„Das einzige, was ein Kunstwerk kann, ist Sehnsucht wecken nach einem anderen Zustand der Welt. Und diese Sehnsucht ist revolutionär.“
Heiner Müller

„… aber die Worte fallen in das Getriebe der Welt uneinholbar …“

„… aber die Worte fallen in das Getriebe der Welt uneinholbar …“

Lesung zum 90. Geburtstag von Heiner Müller

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"Man muss die Toten ausgraben, wieder und wieder"

Heiner Müllers "Zement" und die Erinnerung an eine vergessene Revolution

Am 8. April ist endlich wieder "Zement" von Heiner Müller in der Regie von Dimiter Gotscheff, zugleich die letzte Arbeit des Theaterregisseurs vor seinem Tod, im Residenztheater zu sehen. Die Inszenierung eröffnete 2014 das 51. Berliner Theatertreffen. Es spielen u. a. Bibiana Beglau, Sebastian Blomberg und Valery Tscheplanowa.

"Man muss die Toten ausgraben, wieder und wieder"

"Zement" eröffnet das 51. Berliner Theatertreffen

Mit der Aufführung von "Zement" beginnt das diesjährige Theatertreffen am Freitag, 2. Mai 2014. "Zement" von Heiner Müller ist Dimiter Gotscheffs letzte Regiearbeit und die fünfte Inszenierung des im Oktober 2013 verstorbenen Regisseurs, die zum Theatertreffen eingeladen wurde. Die Premiere am Münchner Residenztheater war am 5. Mai 2013. Mit einem eigenen "Focus Gotscheff" ehrt das Theatertreffen die Arbeit dieses großen Theatermanns. Die Juryentscheidung für Dimiter Gotscheffs letzte Regiearbeit "Zement" nimmt das Festival zum Anlass, die Theaterarbeit des Regisseurs in den Mittelpunkt zu rücken.

"Zement" eröffnet das 51. Berliner Theatertreffen

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