WER WAR EURYDIKE?

Von Karl Kerényi

Sie gehört zu keiner Familie der Heroenzeit und ist von keinen himmlischen Ahnen herniedergestiegen, von denen die Erzähler wussten. Sie gehört nur zu Orpheus. Wenn wir der Bedeutung der Namen nachgehen, die ihr gegeben wurden, gelangen wir immerhin zu einer Königin der Toten. Eurydike bedeutet die "Richtende" mit einer die weite Erdoberfläche umfassenden Macht. Hieß sie Agriope oder Argiope, wie es mit dieser Schwankung in der Lautgestalt überliefert wird, so wurde damit ihr Gesicht bezeichnet: als grimmig oder hell wie das Mondgesicht – eine Erscheinungsform der Totengöttin unter vielen. Der verliebte Sänger darf die Geliebte, die er durch die Macht seines Gesanges zurückerlangt hat, auf dem langen Weg von der Unterwelt zur Oberwelt nicht anblicken. Diese Bedingung hätte ihren vollen Sinn als "Gesetz der Proserpina", wie es bei Vergil heißt, und als Gesetz der Unterweltgottheiten überhaupt. Ihnen opferten die Griechen mit abgewandtem Gesicht. Sie durften, sie konnten nicht angeblickt werden, am wenigsten Persephone, ihre Königin, die Proserpina der Römer. In einer älteren, nicht überlieferten Form des Mythos mag es so gewesen sein, dass Orpheus mit seinem Gesang die Unterweltskönigin heraufbeschworen hatte. Als er sie anblickte, war sie verschwunden. Dies war ihr Gesetz. Sein Name verbindet Orpheus mit der Dunkelheit: er bedeutet den "in Dunkelheit Gehüllten".

Karl Kerényi. In: Theater der Jahrhunderte. Orpheus und Eurydike. Hg. von Joachim Schondorff. München, Wien 1963.

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Bei den unter dem Apothekenhof gelegenen Gängen handelt es sich um Kasematten, also vor die Festungsmauer gebaute, in diesem Fall überwölbte, einstöckige Gebäude der Neuveste, jener vierflügligen Burganlage, die den Ursprung der Residenz bildet, erbaut ab Ende 14. Jahrhunderts als nordöstlicher Teil der noch heute am Altstadtring im Stadtbild abzulesenden Stadtbefestigung. 

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Es ist Nacht in Vilnius, als am 27. Juli 2003 eine Liebe ihr jähes Ende findet. Der französische Rockstar Bertrand Cantat verletzt seine Geliebte, die Schauspielerin Marie Trintignant, in einem Streit tödlich. Regisseur Bernhard Mikeska entwickelt seine Version des Mythos von Orphée und Eurydice vor der Folie der Ereignisse in Vilnius 2003.

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"Sieh dich nicht um. Denn ich bin hinter dir. Ich gehe nie mehr weg. Aus deinem Kopf."
"Eury- dice :: Noir Désir"

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Ein Projekt von Bernhard Mikeska, Lothar Kittstein und Alexandra Althoff

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