was sie sagen ist nicht wahr

von Sebastian Huber

„Was ist das für eine Justiz?“, könnte man fragen, die eigentlich überzeugt ist von der Schuld einer Gruppe von Angeklagten, denen die vielfache Vergewaltigung und anschließende Ermordung eines fünfjährigen Jungen zur Last gelegt wird, und die doch die Waffen streckt und alle Beschuldigten freispricht, gegen ihre in der Urteilsbegründung geäußerte Überzeugung? „Was aber wäre das für eine Justiz?“, müsste man fragen, die ihre im Prozess gewonnenen Überzeugungen über das juristisch Feststellbare stellte? „Was ist das also für eine Justiz?“, fragt man sich, die verurteilt, indem sie freispricht? Die offensichtlich nicht genügend Unbezweifelbares in der Hand hat und in den Freispruch ihre im Verlauf des Prozesses gewonnene (und mit der öffentlichen Meinung geteilte) Überzeugung von der Schuld der Angeklagten hineinschreibt?
Das ist, oder besser gesagt wäre, vielleicht auch ein Drama. Es könnte in einem Gerichtssaal spielen, Richter, Angehörige, Zeugen, Angeklagte wären das Personal, Aussagen, widerrufene Geständnisse, die unterschiedlichen Perspektiven der unterschiedlich Beteiligten wären das Material und die grundsätzliche Schwierigkeit, mit den Mitteln des Strafprozesses, der Verhandlung in Rede und Gegenrede, etwas Unsägliches und Unsagbares aufzuklären, das Thema.

Wie gesagt, das wäre vielleicht auch ein Drama. Aber es wäre gewiss nicht von Franz Xaver Kroetz. Kroetz hat 2003, und das heißt lange vor dem in der Tat höchst zweifelhaften Abschluss des Prozesses um den fünfjährigen Pascal, der im Sommer 2001 im Saarbrücker Stadtteil Burbach mit dem Fahrrad von zuhause fortfuhr und nicht wieder zurückkehrte, einen Text geschrieben, der sich um Unschuldsvernutungen nicht schert. Im Gegenteil: „was sie sagen ist nicht wahr“, stellt die einführende Regieanweisung dieses kurzen, aber gewaltigen, wütenden, enervierenden, monolithischen Textes von seinen Figuren fest. Denn bei Kroetz sind die Figuren Täter.

Sie heißen Kurt, Bernd, Dieter, Roland und Otto, Wally und  Elfi. Sie hocken in einer lichtlosen Bahnhofskneipe, fünf Männer und zwei Frauen, und nebenan liegt ein totes Kind. Es ist auch diese Szenerie eine Art von Gerichtstag, aber ohne die dazugehörigen Instanzen. Man bekommt keine Vernehmungen, Dialoge, keine unterschiedlichen Perspektiven, keine Anklagen, keine Geständnisse zu hören. Nur Rechtfertigungen, Beschwörungen der eigenen Harmlosigkeit, des Wohlwollens, der Zärtlichkeit, des Einvernehmens. Die Männer phantasieren kleine Szenen zwischen sich und dem Kind, in denen die sexuellen Übergriffe der „Onkels“ angeblich aus Fürsorge, Liebe, Großzügigkeit geschehen. Oder doch aus dem Bedürfnis danach. „mir liegt das böse nicht. mir liegt mehr das gute. hab ich etwas böses gemacht. nein onkel du hast nichts böses gemacht. denk einmal richtig nach. hab ich dir jemals etwas böses gemacht. hab ich jemals etwas gemacht wo du zuerst gesagt hast, onkel das ist schön, und dann hast du gesagt, onkel jetzt wo du es tust finde ich es doch nicht schön. nein das hast du nicht gemacht.“ Einzeln und im Chor, in Kinderspiele versunken, in Erinnerungen gefangen, vor Liebe blind, in einem Karussell von Schuld und Reulosigkeit kreisend, sitzen die Männer, und so grausam und verständnislos ihre Reden sind, so sehr sind sie doch auch Klagereden, Kindertotenlieder, Verzweiflungsgesänge. Es sind Sprachkörper, unbefriedigt, ungetröstet, ungestalt.

„Requiem für ein liebes Kind“ heißt der Text im Untertitel und es ist die musikalische Struktur, die diesem Text seine Kraft und – man kann es nicht anders sagen – Poesie verleiht. Die quälenden Wiederholungen und Schleifen, die Variationen der Gnadenlosigkeit, der verharmlosenden Beschreibungen schwer erträglicher Details, der Worthülsen und Sprachmasken, die Trauer und die Sehnsucht, die in diesen verhunzten Melodien durchklingen, verleihen dem Text, der so aussichtslos ist wie das zugemauerte Fenster der Kneipe, seine tiefe und schwer auszuhaltende Menschlichkeit. Dieser Text versucht nicht zu verstehen oder Verständnis zu wecken, er baut keine Brücken über den Abgrund. Gerade dadurch aber hält er sich – so paradox das klingt – von Verurteilungen fern, wie sie Sache der Justiz sind.

Du hast gewackelt. Requiem für ein liebes Kind

Du hast gewackelt. Requiem für ein liebes Kind

von Franz Xaver Kroetz

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Du hast gewackelt. Requiem für ein liebes Kind Programmheft (PDF)

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PORTRAITS DU HAST GEWACKELT. REQUIEM FÜR EIN LIEBES KIND (FOTOGALERIE)

DU HAST GEWACKELT (FOTOGALERIE)

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