TARTUFFE

Inhaltsangabe

Als ein höchst gefährliches Dokument sahen Klerus und weltliche Macht Molières Stück "Tartuffe", als es in der Hochzeit des Absolutismusuraufgeführt wurde. Es entlarvt bis heute die zerstörerischen Kräfte, die jeder Doppelmoral innewohnen. Der wohlhabende Pariser Bürger Orgon verfällt Tartuffe. Er nimmt den Habenichts in sein Haus auf und versprichtihm die Hand seiner Tochter, obwohl diese bereits glücklich verlobt ist. Tartuffe hingegen versucht, Orgons Frau zu verführen. Erst als der Hausherrselbst Zeuge dessen wird, will er den falschen Freund aus dem Hausjagen. Aber Tartuffe ist entschlossen, sich aus seiner Machtlosigkeit zubefreien. Er setzt Orgon und seine ganze Familie unter Druck, indem er den Anspruch auf deren Besitz wahrnimmt. Kein Wunder, dass "Tartuffe" in der Zeit König Ludwigs XIV. sein Publikum entsetzte. Schon damals verbargen sich hinter den komödiantischen Masken der Protagonisten Orgon und Tartuffe gänzlich unkomische, makabre, fast widerwärtige Charaktere. Jean Anouilh beschreibt das 1959 in einer Rede treffend: "Molière hat in der Form der Komödie die schwärzesten Theaterstücke der Literatur aller Zeiten geschrieben. (..) Molière hat das Tier Mensch wie ein Insekt aufgespießt und löst mit feiner Pinzette seine Reflexe aus. Und das Insekt Mensch zeigt nur den einen, immer gleichen Reflex, der bei der geringsten Berührung aufzuckt: den des Egoismus." Indem das Böse in einer Komödie sitzt, wird es ärger, als es von der Tragödie dargeboten werden könnte. Jean Baptiste Poquelin, getauft am 15.01.1622 in Paris, gestorben ebendort am 17.02.1673, genannt Molière, ist der größte aller französischen Lustspieldichter. Sein Leben ist allerdings alles andere als komisch. Seine Stücke besitzen immer eine Funktion, die über die reine Unterhaltung hinaus geht. Sie üben Kritik an den herrschenden Zuständen. Molière studiert Jura und gründet danach eine Schauspielgruppe, die in Paris ein Fiasko erlebt und ab 1645 lange durch die Provinz tingelt. Als er Anfang der 60er Jahre wieder nach Paris zurückkehrt, erwirbt er sich die Gunst des Königs. Fast fünf Jahre kämpft Molière mit allen Mitteln um die Erlaubnis, den "Tartuffe" aufzuführen. Bedenkt man, dass er dafür ohne weiteres auf dem Scheiterhaufen hätte landen können, versteht man die Brisanz. Und trotzdem ist diese Debatte keine der reinen Willkür. Der König der Könige, der Sonnenkönig Ludwig XIV., verhandelt mit dem Papst über die katholische Orthodoxie und verfasst dazu sehr differenzierte Gedanken um Verantwortung: Wie kann Sprache täuschen, obwohl man doch davon ausgeht, dass es nicht die Sprache selbst ist, die uns belügt? Darin bestand der Skandal im 17. Jahrhundert, der die damaligen Autoritäten infrage stellte. Heute, da wir alle zunehmend alles als Inszenierung begreifen, Feste, Gerichtsverfahren, Aktionärsversammlungen, politische Diskussionen und vieles mehr, liegt der zweite Skandal darin, dass man dieselbe Geschichte als Drama erzählen kann, dass man sie glaubhaft motivieren kann und nicht nur mit Figuren aus der Typenkomödie, über deren Dummheit sich das Publikum die Schenkel wundklopft. Dass dem nicht so ist, dass die Figuren Fleisch genug für eine ernste Lesart tragen, spricht abermals für den Autor Molière, denn sie stülpt ihm nichts über, sondern speist sich allein aus seinem Text. Sein Sprengstoff zündet auch, wenn er nicht allein auf die religiöse Praxis angewendet wird, sondern in einem größeren ethischen Zusammenhang auf die entfremdete Familie als Kern der Gesellschaft. Das macht es lebendig. Wäre die Familie intakt, würde sie Orgon uneigennützig helfen, übernähmen die Familienmitglieder Verantwortung für ihr Handeln, so hätte Tartuffe keine Chance. Molière kannte die Diskurse nicht, die später von eben jenen Themen handeln, von der Manipulation durch Sprache, vom Framing der heutigen Politiker, und doch klingen sie in "Tartuffe" an. Und vielleicht ist der zu Stückbeginn nur ein Junge, dem sich eine Gelegenheit bietet. 

"Dieser Ort eignet sich nur zu gut für Überra-

schung-

en."

Molière, Tartuffe

Tartuffe

Tartuffe

von Molière

TARTUFFE / Residenztheater