PLÄDOYER ZUM AUTOR DES KONGRESSES DER AUTODIDAKTEN

Wir Autodidakten fühlen die Konflikte noch, wir gehen sie eher vulkanisch an, als dass wir versuchen, sie zu beruhigen. Wir stellen einen eigenen Kosmos her, mit eigenen, rohen Regeln, statt uns vom fertig Gekochten leiten zu lassen. Für uns ist das Erleben wie unvergorener Wein, es wurzelt nicht in Rezepten, sondern in einer steten Unruhe: Entweder technische Perfektion oder menschliche Vollkommenheit und wir haben uns entschieden. Denn es gibt einen Unterschied zwischen dem schweren, schmerzenden Kopf nach dem Studium und seinem ausgelassenen Ebenbild am Abend zuvor.

Unsere fröhliche Wissenschaft kennt keinen Kater. Wörter und Wahrheiten gehören ihren Nutzern nur solange, bis andere sie zurückstehlen. Wir pellen dem kanonischen Wissen die Schale ab und verrühren es neu, flechten lange Traditionen zu neuen Zöpfen, beleben sie, beatmen sie, durch Kontemplation, durch das wirkliche Gespräch, durch die Begegnung. Der Autodidakt spricht als einziger mit den schon lange Toten, er ist die letzte Chance für die Nachgeborenen. Wir sind hier noch nicht fertig. Leibniz, Darwin, Rousseau und wir. Kunst, Naturstudien, Moral, Technik und noch so einiges mehr. Wir sind keine Eigenbrötler, wir sehen einfach nur genauer hin.

Öffnen Sie Ihr Fenster! Sehen Sie hinaus in den Himmel! Jetzt stellen Sie sich diesen gigantischen Raum vor, die Ausdehnung der Gestirne und all die Milliarden und Abermilliarden kleinen, noch kleineren und allerkleinsten Geschöpfe, die sich dort lieben, langweilen und ihre Gedanken baumeln lassen. So wie wir. Wir alle sind Repräsentanten einer noch viel größeren, geradezu ozeanischen Meinungs- und Wissenswolke. Alles ist voller Tiere und alle sind sie irgendwohin unterwegs. Das ist keine leere Abstraktion. Sehen Sie den Tieren in die Augen!

Das Zeitalter des Menschen ist vorbei. Es bleiben Tiere und Insekten, Käfer, Bienen, Wespen, es bleibt das Wummern der Erderwärmung, die Ultraschallklangwelt der Pynionkieferborkenkäfer. Diese Musik wird überleben. Beethoven nur vielleicht. 

Kongress der Autodidakten

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