Phädras Nacht

INHALTSANGABE

Wird unsere Freiheit am Hindukusch verteidigt? Und ist diese Freiheit nicht auch im eigenen Land gefährdet? Und was macht der Krieg mit der Liebe? Theseus ist im Krieg in Afghanistan und seine Frau Phädra verzweifelt daran. Sie fühlt sich von ihrem Mann und der Welt verlassen. Ihr Verlangen nach Liebe hat aus ihr eine Süchtige gemacht. Phädra trinkt, schluckt Tabletten, weint um Theseus, ist wütend auf den Mann, der sie zurückgelassen und damit ihre Welt zur Gefrierkammer und einem Haus ohne Türen gemacht hat.

Theseus schickt seinen afghanischen Übersetzer Hippolyt in die Heimat. Auch, um ihn vor den Taliban zu retten, vor allem aber, um seiner Frau einen Brief mit der Nachricht bringen zu lassen, dass er lebt und sie liebt. Er bittet, Phädra möge den Flüchtling "wie einen Sohn" empfangen. Aber Phädra ist schon ganz in ihrer Einsamkeit gefangen und von Theseus Tod überzeugt. Sie überträgt ihre Gefühle und die (Sehn)Sucht nach Liebe auf Hippolyt, den Überbringer der Nachricht. Der Liebesbote soll ihr die Nähe geben, die sie so lange vermisst hat. Hippolyt aber verliebt sich in seine "Schwester" Aricia – eine Liebe, die ihn in Gefahr, sie in Verruf bringt und den Zorn der Mutter provoziert. Die liebeskranke und -tolle Phädra überwältigt und verführt Hippolyt, der sich bis dahin fremd, danach hilflos, schuldig und benutzt fühlt. Das Volk tritt als Chor, als anonymer Lynch-Mob auf und schreit alle Wut und den Hass auf den Fremden heraus und fordert Vergeltung für vermeintliches Unrecht – sprich die Abschiebung und später den Tod des Flüchtlings Hippolyt. Als Phädra erfährt, dass er nicht sie, sondern ihre Tochter, die unschuldige und aufrichtige Aricia liebt, will sie Hippolyt sterben sehen.

Theseus kehrt traumatisiert aus dem Krieg zurück. Der Soldat ist seiner Frau inzwischen fremd geworden. Phädra sinnt nur noch auf Rache gegen den Geliebten der Tochter. Ihre zurückgewiesene Liebe wandelt sich zum Gift der Lüge. Sie beschuldigt Hippolyt, sie vergewaltigt zu haben. Ihr Arzt und Theseus Vertrauter Asklepios, der alle Fäden in der Hand zu haben glaubt, bestätigt und befeuert – auf einen Vorteil hoffend - nur zu gern, was der zweifelnde und nahezu paranoide Theseus nicht zu glauben wagt. Die Verleumdung wirkt. Aus Hippolyt, dem Freund und vielleicht auch Geliebten, der ihm das Leben rettete, wird der Konkurrent, der Liebesverräter; aus dem Sohn wird der Fremde, der seine Frau missbrauchte; aus dem Schutzsuchenden wird der Feind, der Vergewaltiger. In blinder Wut stellt Theseus den vermeintlichen Rivalen zur Rede und jagt ihn aus dem Haus, verstößt und verflucht ihn. Hippolyt wird vom Mob erschlagen. Phädra muss am Ende erkennen: "Meine Liebe ist gewaltig, tut Gewalt an, wusstet ihr das nicht?" Und löscht das Licht.

Der alte griechische Mythos von Phädra und Hippolyt erscheint vor dem Hintergrund allgegenwärtiger globaler Kriege wie das Feuerbild von Raketen, die in die Seelen der Menschen einschlagen. Verzweiflung und seelische Eiseskälte als psychischer Kollateralschaden. Der äußere, ferne Krieg zerstört das Innere Phädras. Eine antike Tragödie als Schlüssel zum Verständnis individueller Befindlichkeit in Zeiten des Krieges? Albert Ostermaier und Martin Kušej schreiben den zuerst von Euripides, Sophokles und Seneca als antike Tragödie gefassten Stoff fort. Wie vor ihnen der französische Dramatiker Jean Racine im 17. Jahrhundert oder Sarah Kane vor 20 Jahren in "Phaidras Liebe", haben sie einen eigenen und heutigen Blick auf den mythischen Stoff. Der äußere Krieg in Afghanistan oder Syrien findet seine Analogie im Inneren unserer Gesellschaft und der Menschen. Aus dem bei Euripides von der Göttin Aphrodite geplanten Verrat an Hippolyt wird bei Racine eine Intrige der Macht und bei Sarah Kane eine Geschichte des Überdrusses. Bei Ostermaier/ Kušej findet der Krieg fernab des Kriegsgebiets in den Köpfen und Seelen der Menschen statt. Die Wut des Mobs, der Hass auf das Fremde, Lügen, die Einsamkeit lassen nicht nur Phädra verzweifeln, sondern vergiften auch die Gesellschaft. Aus Sehnsucht wird Lust, aus Liebe Rache an dem Geliebten und sich selbst. Und wir erkennen die Strukturen der Macht, das Volk als Mob, den Fremden als Sündenbock und Phädra als Opfer verschmähter Liebe. Phädras Nacht zeigt den Krieg in uns, den wir in manchen Nächten Liebe nennen. 

"Phädra schlaflos" Lyrische Portraits

Albert Ostermaier hat den Schauspielern der Inszenierung von "Phädras Nacht" zu ihren Figuren lyrische Portraits geschrieben. Diese wurden für den RESI BLOG von den Schauspielern jeweils selbst eingesprochen. MEHR ...
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Großes Schauspielertheater zum Start in die Münchner Theatersaison

Neben den Eröffnungspremieren "Kinder der Sonne" von Maxim Gorki am 23. September 2017 und "Das Schlangenei" von Ingmar Bergman am 30. September 2017 im Cuvilliéstheater, beginnt die neue Theatersaison im Resi mit großem Schauspielertheater: "Macbeth", "Jagdszenen aus Niederbayern", "Phädras Nacht" und "Die Troerinnen".

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Gemeinsam Grenzenlos

1. Juli – Aktionstag bayerischer Theater gegen Rechts

Theater bietet zu jeder Zeit eine Bühne für das freie Spiel der Gedanken, der Argumente und der Lebensentwürfe: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Und wie können wir sie miteinander gestalten? Diesen Spielraum zu sichern ist unsere Aufgabe. Damit in unserer Gesellschaft die freie Rede und der offene Gedankenaustausch einen Platz haben – Theater ist grenzenlos, offen für alle. Im Residenztheater zeigen wir zu diesem Anlass am 1. Juli den politischen Theaterabend "Phädras Nacht", in der nicht nur die liebeskranke Phädra für Hippolyt zur Bedrohung wird, sondern auch eine fremdenfeindliche Gesellschaft, die alles verfolgt, was nicht ihresgleichen ist.

Gemeinsam Grenzenlos

Das Spiel des Scheiterns

Bibiana Beglau in einem sehr persönlichen Interview

Bibiana Beglau gab mona lisa ein sehr persönliches Interview. Im Video spricht sie über die Tücken ihres Berufs, schauspielerische Inspirationen, ihre Kindheit und auch heute noch allgegenwärtige Ängste: "Warum gibt es so viele Heldenfiguren? Weil wir sie so gerne stürzen sehen.", so Beglau.

Das Spiel des Scheiterns

Phädras Nacht Programmheft Auszug (PDF)

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PHÄDRAS NACHT (FOTOGALERIE )

Phädras Nacht

Phädras Nacht

Ein Projekt von Albert Ostermaier + Martin Kušej

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