Mensch Meier

INHALTSANGABE

Der Name Meier ist etymologisch dem lateinischen „major (domus)“ verbunden, dem Vorsteher der Dienerschaft eines Hauses, und heute einer der häufigsten Nachnamen der Deutschen. Man könnte also sagen, der Meier ist der Anführer des deutschen kleinen Mannes. Und Otto Meier, Kroetz´ Vaterfigur, die dem Stück den Titel gibt, werden alle Ingredienzien in die Hand gegeben, dem gerecht zu werden: Er schraubt bei BMW des Deutschen liebstes Kind, das Auto, zusammen, lebt mit seiner Frau, die für den Haushalt verantwortlich ist, und pubertärem Sohn in beschaulicher Wohnhölle, sieht fern, isst Abendbrot und steigt dann in ein Ehebett, in dem er manchmal Sex hat, manchmal rechnet und das er manchmal heimlich verlässt, um mit Modellflugzeugen von Ruhm und Freiheit zu träumen.Ein Leben der graugoldenen Mitte in den Siebzigern, durch das die Versprechen und Verwundungen der Moderne gehen. Das Joch der proletarischen Enge ist zeitgemäß halb abgeschüttelt: Familie Meier besitzt „bewegliche Wertgegenständ“, erwirbt sich mit den Konsumgütern der Stunde ein Stück weite Welt, leistet sich den sonntäglichen Biergarten und den Wunsch, der Sohn möge „die nächste Sprosse erklimmen“. Doch der Sohn wird zur doppelten Enttäuschung: weil er nicht die bessere Lehrstelle gen Angestelltenhimmel bekommt, die die Eltern für ihn erwarten, und er sogar eine Zukunft als Arbeiter vorzieht, also genau dorthin strebt, wo die Scham der Eltern sitzt. Denn „ein Arbeiter kann ein jeder sein, das is keine Kunst“. Wie sein Vater eben, Arbeiter am Fließband, der nicht nur den drohenden Zeichen der Massenarbeitslosigkeit entgegensieht, sondern auch aushalten muss, dass trotz Mehrarbeit und Flexibilität in den Schraubfingern mit ehrlicher Arbeit kein Staat zu machen ist: Soziales Kapital ist anderswo. Mit der Erkenntnis, austauschbar, ein Massenmensch zu sein, geht Otto detektivisch durch die Welt, die er unter Generalverdacht stellt: „Da bin ich beschissen worden!“ Allein in seinen Träumenund Flugfluchtwelten findet er zu einem Begriff der Freiheit, der, oft genug, aus Fernsehbildern gemacht ist. Kein Zweifel – als Familienoberhaupt, Ernährer und tradiert eiserner Vater ist Otto Meier nur noch eine Fassade, die er verzweifelt gegen den Lauf der Zeit aufrechterhält. Doch als über einem fehlenden 50-Mark-Schein das travestierte Familiengericht wütet, implodiert das Gesamtsystem der familiären Sittlichkeit. Die Demütigung des missratenen Sohnes wird zum RITE DE PASSAGE, nackt beendet der Junge die Phase der Kindheit und justiert die Familie neu. Als auch die Mutter ihre Position aufkündigtund dem Sohn in die „Risikogesellschaft“ (Ulrich Beck) folgt, muss Otto sich neu erfinden oder untergehen. „Mensch Meier“, 1978 uraufgeführt, ist mit den Stücken „Oberösterreich“ und „Das Nest“ als Trilogie lesbar. Kroetz hat in dieser Phase seines Schreibens den vorgegerbten Leben seiner Durchschnittsmenschen schmerzhafte Ansätze von Bewusstwerdung und individueller Entwicklung zugestanden, die Verkümmerung von Identität und Sprache wird zumindest teilweise aufgebrochen. Otto, die sprachmächtigste Figur des Stückes, ist dabei derjenige, der zu den konkretesten Reflexionen seines entfremdetenDaseins gelangt und doch am wenigsten aus seiner Haut kann, so groß die Sehnsucht nach einer Häutung auch ist: Seine Phantasie, sein wahres, endlich befreites Ich aus sich herauszuschneiden, ist eine letale. Die Neugeburt könnte sich nur tödlich vollenden. „Als wenn man ein Viech sein tät und kein Mensch“, sagt Martha zu Otto, bevor sie geht – und es scheint, als ob sie damit nicht nur sich und ihre Ehe, sondern auch beider Stand in der Welt meint. Dass Kroetz den Meiers dabei eine Würde gibt, ist eine Selbstverständlichkeit, die die Welt schuldig bleibt.

Mensch Meier

Mensch Meier

von Franz Xaver Kroetz

Mensch Meier